Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

Allgemeine Deutſche Lehrorzeifung 
Verlag 
Berlin, den 3. 
Inhalt; Der Deutſche Lehrerverein in Danzig. = 
ſammlung der Geſellſchaft für VYolksbildung. 
dnn Als Beilage: „Jugendſchriften-Warte DE ID 5 
und Geſchäflsſtelle: Lerlin C 25, Kurze. Straße 3/5; 
Ny mer 99 
Geo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931 
Die 34. Vertreterverſammlung des Deutſchen Lehrerverein5 in Danzig. = Jahresver- 
-- Oberlin. == Rundſchau. = Wirtſchaſtliche Fragen, == Verſchiedenes. == Anzeigen, = 
Der Deutſche Lehrerverein in Danzig, 
Ba Der Boden, auf dem die Menſchen aufwachſen und ar- 
eiten, formt und geſtaltet ſeine Bewohner, drückt ihnen ein 
eſtimmtos Siegel der Eigenart auf. Es iſt mit großen Yer- 
Jammlungen ähnlich beſtellt; wie von ſelbſt erhalten Jie Das 
eicht der beſonderen Candſchaft, folgen dem Gebot der 
„Anpaſſung an den tragenden Boden, gehorchen dem unſicht- 
v Die. Wahr- 
Zaren und unentrinnbaren Geſel des Genius loci. 
et dieſes naturhaften Vorganges haben wir in unſerer 
Danziger Pfingſtwoche. aufs neue erfahren: ſie war etwas 
Sanz Eigenes, ganz fein Beſonderes, dieſe Danziger Yer- 
Dotopperfammlung. Dom bodenentſtiegenen Zauber, dem form- 
Vebietonden geiſtigen Hauch dieſer Tagung im ſchickſals- 
Wüchtiagen -Mündungsdreie> „der „Weichſel Hat ſich-kein ein- 
M Teilnehmer. zu entzieheit “ vermodt == es mar ſtärker 
ES Wir . alle, was da. Um. u. 0ehte* und ſeine Kreiſe: um 
Uns 390g. Es müßte ein ganz feiner und liebender Griffel 
ein, dev os verſuchen wollte, die zarte Farbe dieſer Dan- 
SER Zuſammenkunft in die reichbunte - Sammlung unſerer 
; Die Forderungen des Alltags 
Gegenwart wurden unwill- 
; „Teinsjahrbücker einzutragen, 
; Mie eigenen Anliegen der « ] RO En 
DRE U menfeatter von den Fittichen ZU (EIE 
Ni dieſem , Boden unzertreunbar verbundenen Yölkertragik; 
Unſere mitgebrachten Sorgen und wünſche, Sehnſüchte und 
Dielpunkteo maßen hier ihre Größe an großen dunkeln Fragen 
26. Seins und Nichtſeins und erkannten: ihre eigene Bo- 
Mb eit und boſchoidenere YVangſtellung. Ein ungeſchriebenes, 
Zder zwingendes Geſetz des Handelns nahm uns in ſeinen 
Mi willig , fügte ſich jeder dem, Herzſchlag de Stunde 
And trüg «durch. ſein Veden - und. jein Schweigen dazu bei, 
zl geſchloſſene Einheitlichkeit der Stimmung zum Ereignis 
eden. zu laſſen. So iſt dieſe linter uns liegende Danziger 
gung allen Teilnolmern zu einem unvergeßlichen Erlebnis 
Fal den, und man maß in der Reilentafel ME EN 
MS ſchon bis auf die Straßburger Tagung zurückge en 
äb einen Vergleich anzuſtellen; auch dort waren Wirkungen 
zilicher Art zu ſpüren, Wirkungen, die nur aus. Blut und 
Soden aufſteigen, die nicht vorbereitet, nicht organiſiert, nicht 
Gawoſlt Fein dürfen. Denn nur darin, daß das alles aus 
„Atoren Tiefen ſtammt und echt iſt wie das Blinken einer 
aufgeſchürften Goldader, erhält es ſeine innere Rechtfertigung, 
„ie könnten wir es ſonſt verantworten, eine koſtſpielige, für 
We weitgoreiſten Teilnehmer opfervolle Veranſtaltung aus der 
8 m der ongen Zweädienlichkeit horauszureißen und ſie anf 
en Grundton einer geſamtdeutſchen Gedankenſchau abzu- 
FEMitend Alles. zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte; und 
an „mußte die Danziger Tagung [9 ſein, wie jie geweſen 
das Reiner unter uns wird ſo verſtaubt und ſo grämlich ſein, 
NAM8 er nicht almnte, es: ſei der Goſamtklang der Danziger 
etjſammlung bervorgebrochen. wie der Quell aus-"verbor- 
De Tiefen und habe der dunklen Gefühle Gewalt goewet, 
"le im Dorzen wunderbar ſchliefen. ER 
8 Was ane EE Ngalcen und Jungen, die Be- 
» "tigen und die „noch leicht zu 'Entflammenden 47 222003 
Auen ſelbſt zum“ Gleichklang und Einklang : vos 4 
M den abgebrauchten Worten nationales Gofüll, Ve mu 
Einſchaft, Kulturverbundenheit iſt es nicht hinlänglich aus? 
Veſprochen. Wir ſind im Deutſchen Cohrerverein dem t8- 
nenden Wort eines Foſtredners nicht untertan, und wiſſen 
 
bei allem Verbundenſein mit unſerm Bluk ſehr wohl an 
ver Grenze halt zu machen, wo "das Bekenntnis zus Zedens- 
art wird. Man . darf uns auch im Oſten an der offenen 
Wundſtelle unſeres Reichskörpers nicht mit billigen Wen- 
dungen von tauſendjährigen Boſizanſprüchen und Erſtgeburts- 
ton aus der Zeit der Völkerwanderung kommen, um uns 
in Schwingung "zu verſezßen und die Weißglut der Be- 
geiſterung zu entzünden. Was uns da drüben im Strom- 
land der Weichſel pa>t und nicht mehr losläßt, das iſt das 
ſchickſalhafte Verſtricktſein der Cebensräume großer Völker, 
die auf dieſem weiten Boden ohne doutlich abgeſteckte Halt- 
marken ineinander Übergreifen, gewiſſermaßen auf Tod und 
Coben verkrampft oder auf die menſchlichſte gegenſeitige Dul- 
dung und Bejahung angewieſen. Wer nicht: von vornhereir 
auf die. kurze Formel ſchwört: „Herr und Knecht“ =veine 
Formel, die jeden in Gefahr brifigt, eines Tages zum Knecht 
zu werden wird da drüben an der Weichſel be- 
greifen lernen, daß alle bisherigen Verſuche, der Frage. des 
Nebon- und Ineinanderwohnens, von Germanen und Slawen 
beizukommen, für einen der Beteiligten unerträglich und unhalt- 
bar geweſen jind. Der deutſche Bauer hat den AFer urbar 
gemacht, der. deutſche Bürger hat die Städte getürmt und 
die Waſſer zu Handelsſtraßen geſchaffen, ſein Cobensreht 
bier iſt ſein vielhundertjähriger Fleiß. Aber auch der pol- 
niſche Bauer, ver vielleicht 'durch Jahrhunderte noh mehr 
Unglück mit ſeiner Herrenſchicht gehabt Hat, ſitt auf ſeinem 
Aerboden, und die 'Geſchichte ſeines Staates und Volkes iſt 
tragfähig genug, ihn mit einem eigenen nationalen Halt aus- 
zuſtatten. Wenn nun das natürliche. Lebensrecht des ciner 
das des andern verneint, dann bleibt im ganzen Stromlauß 
der Weichſel nur noch Raum für tödlichen Haß! und gegen 
ſeitige Austilaung. Wir haben es 'ſattſam erlebt, was das. 
bedentet. Heute no irren". Tanſende und Abertauſende von 
Deutſchen als vertriebene. Heimatloſe bei uns umher und 
koſten die ganze Hölle des Cosgeriſſenſeins von Haus und, 
Herd -aus. Anch die polniſche Geſchichte hat Kapitel ' gemig, 
die mit' dex Bezeichnung „Hölle“ verſehen werden können, 
und es iſt nicht. abzuſehen, welche Nlenſchenqualen die öſt- 
liche Niederung noh ' ſchauen wird, wenn das uralte oin- 
tönige 'Lied von Hammer und Amboß die einzige Weiſe ſein 
kann, nach der die B ziehungen dieſer beiden durcheinander- 
goſchobenen Völker geregelt werden ſollen. Die Gegenwart 
birgt alle Keime dafür. im Schoß, daß die Unvernunft und 
Unhaltbarkeit der augenblicklichen Zwangslöſung zu neuen 
Schreckniſſen drängt. Die Einſicht, daß mit den herkönun« 
lichen Mitteln der nackten Gewalt der öſtliche Knoten nicht 
zu entſchürzen iſt, daß hier nur die menſchenmöglichſt größte 
Weisheit und Vorträglichkeit die alte Sphinx des Unheils ins 
Meer zu ſtürzen vermöchte, drängt ſich einem geradezu auf 
Alle leiden bitter bei dem gegenwärtigen Zuſtand: Wir 
Deutſche empfinden die offene brennende Wunde, die Polen 
leiden an - der“ Unnatur der Übernominenen weiträumigen 
Staatzaufgabe, die ilre Rräfte weitaus überſteigt = 48 v. H- 
des polniſchen Staatshaushaltes geben auf die Rüjtung drauf! 
==, und der künſtlich geſchaffene Freiſtaat Danzig kann, ein- 
geſchnürt und erſtickt, - ſeines Lebens nicht froh werden. S0 
red! 
-- der 
„ballt und braut ſich quirlend an der Ecke. dor Weichſelmündung 
ein mit allen elektriſchen Spannungen geladenes Gewitter“ 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.