Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

[Igemeine Deuij 0 ſohr 
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Serausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein 
Verlag und Geſc äftsſielle: Verlin € 25, Kurze Straße 3/53 
Verantwortlicher Schriftleiter: 
55. Jahrgang 
Inhalt: 
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Als Beilage: „Blätter für Schulrecht Nr. 17. 
Leo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931 
Fernruf? Alexander 498 
 
 
 
 
Berlin, den 2 
ien 
S. Januar 1926 Nummer 4 
Staat und Kirche in ihrem Verhäitnis zur Erziehung. == III. Internationale Pädagogiſche Konferenz in Heidelberg == Sur Um- 
geſtaltung der Elternabende. == Rundſchau. = Wirtſchaftliche Fragen, = Deutſcher Cererverein. => Verſchiedenes. = Anzeigen. == 
Staat und Kir<e in ihrem Verhältnis zur Erziehung. 
Anregungen wnd Materialien. 
Don Otto Schul z- 
1-SU2- Ge] kh +WMtE der Verbandsaufgabe. Die 
Veybandsaufgaben, die der Deutſche Colyerverein im den 
letzten Jahren ſeinen Mitgliedern geſtellt hat, gehen auf eine 
gemeinſame Wurzel zurück. Es iſt dies die veränderte Stellung 
der Schule im Staat, die ſich aus der veränderten Ste1tUN DS 
and Haltung Yolkes zum Staat herſchreibt. . Die 
daraus -- ſich. ergebenden. Tatſachen, das offenkundige Be- 
ſtreben, „die Rechte des Staates als Träger der öffentlichen 
Erziehung einzuſchränken = und zwar auf dem Wege über 
den „Erziehungsberechtigten“, deſſen Mitwirkung in .der 
jErziehung willfommen ſein muß = veranlaßten den Deutſchen 
Cohlververein, zunächſt die Frage des Staatsrechts und... des 
Eltornrechts -auf dem Schulgebiete zur Erörterung. zu ſtellen. 
Die gleiche "Verſammlung, die dieſe Frage behandelte, be- 
ſchäftigte fich anch mit den Wechſelbezielhungen zwiſchen Staat, 
Wirtſchaft und Kultur. Damit war ebenfalls eine Abhängtakeit 
des Staates bezeichnet, deren Auswirkungen auf die Kultur 
'verhängnisvoll ſchienen. In beiden Fällen handelte es. ſich 
um eine-Verteidigung der Rechte des Staates 
und ſeines Weſens, ſeines kulturellen Berufs. Die Aufgabe 
„Das deutſche Kulturgut als Grundlage unſerer Schulz“ ſtellte 
dann einen bei. dep. (ſtark geförderten). eigenartigen Haltung 
des Volfes überſehenen Inhalt deutſcher, nationaler Bildungs- 
arbeit als Gemeinſames, DVerbindendes "heraus, im Gegen 
ſaß zu dem ini Volke gepflegten kulturellen Partifularismus. 
Yuch das war ein Stück Verteidigung der volksſt WATTr M 
geſehenen Shule, äber» es war zugleich mehr, es war 
poſitive Leiſtung für dieſe Schule und für den Staat. . Der 
Deutſche Cehrerverein griff damit =- zunächſt auf ſeinem 
eigenen Gebiets =-- poſitiv. in den Kampf- ein, "der infolge 
dor veränderten St&lung und Haltung des Volkes zum Staat 
um die Schule mit allor Heftigkeit entbrannt war. Freilich 
mußte die gleiche Tagung auch ein Stück. Abwehrkampf. leiſten; 
ſie - mußte mit oiner Verteidigung des Reichsſchulge- 
bankens" an die. Oeffentlichkeit "gehen. 'Doch tat [1670S 
70, daß der poſitive Korn ſcharf hervortrat. 
“Jit dieſer' Linie dex Verfeidigung und- der poſitiven kultur- 
politiſchen Leiſtung liegt auch die Aufgabe „Staat und Rirche in 
ihrem Verhältnis zur Erziehung“. Stärker noch als die bis- 
her genannten Aufgaben wurzelt ſie in dem eingangs gefenn- 
zeichneten Boden. Sie bezeichnet die "Zone, in .der ſich die 
veränderte Stellung und Haltung des Volkes am entſchiedenſten 
ausdrüct. Darum erfordert ſie beſondere Beachtung, beſon- 
„dere Sorgfalt: Handelt os ſich. dabei doch um ein gegenwärtig 
ſchlehthin ontſcheidendes Yorhältnis der kulturpolitiſch haupt- 
fächlich in Frage kommenden Geſtaltungsmächte, um * Tät- 
„beſtände von äußerſten Auswirkungsmöglichkeiten politiſcher 
Natur. EY 
Auch darin gleicht ſie den früheren, oben genannten Ver- 
bandsaufgaben, daß ſie nicht eine Frage zum Gegenſtande 
Hat, die irgendwie durch Vereinsbeſchlüſſe entſchieden oder 
Surch Stellungnahme allein ohne weiteres beeinflußt wer- 
den könnte. : Es" Handolt ſich hierbei vielmehr zunächſt um 
eine „Hare Heransſtollung der Sachverhalte, für die eigenen 
Mätalieder und für die Geffentlichkeit, um die Schaffung 
von Vorausſezung für eine Jdeenbildung, die einmal tat- 
ſachengeſtaltend ſich auswirken mag. Wie weit eine ſolche 
Klärung ſich in dem oben angedeuteten Sinne auswirkt, das 
dos 
iſt in die Hand eines: jeden Mitgliedes gegeben. Denn das iſt 
feſtzuhalten, daß: es bei der Auswirkung um die Haltung 
des Volkes geht. Sie iſt 'das entſcheidende. . 
Als der Hauptausſchuß des Deutſchen Lehrervereins in 
Hamburg dieſe Aufgabe wählte, geſchaly es angeſichts eines 
national» und kulturpolitiſch ſchwerwiegenden Tatbeſtandes. 
Das Konkordat, das der „Staat“ Bayern mit der römiſchen 
Kurie abgeſchloſſen hatte, das einer außerſtaatlichen Niacht 
einen entſcheidenden Einfluß - auf das ſtaatliche Schulweſen 
eines deutſchen Landes, auf Millionen deutſcher Staatsbürger 
einräumt, Hatte den ganzen Ernſt der Lage aufgezeigt. Und 
ſo. wurde dieſe von einem Hauptausſchußmitgliede aus Bayern 
vorgeſchlagene Verbandsaufgabe einſtimitüg gewählt. Nicht 
lange danach Fam der. Reichsſchulgeſezentwurf des Herrn 
Gürich Heraus und gab ein Stück pratktiſchen Unterrichts zum 
Inhalt und zur. Bedeutung der Verbandzaufgabe, deren the- 
oretiſche Erörterung infolgedeſſen zurückgeſtellt werden mußte. 
Nachdem er. nun in der Verſenkung verſchwunden iſt, hat 
die Arbeit“ der "Mitglieder allenthalben eingeſetzt. 4Sweifel- 
los wird überall gefühlt, daß es ſich hierbei nicht um einen 
Austauſch von „Meinungen“ handeln kann, ſondern um die 
Unterſuchung der Tatſachen und eine. Erkenntnis * der Not- 
wendiakeiten, die in unſerer beſonderen „Lage, «aber auch. im 
Weſen des Staates gegebein ſind; um .eine Unterſuchung mit 
unbedingtem - Willen zur - Wahrheit und Rlarheit, aber auh 
mit dem Willen zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“, "mit 
dein Willen zur Einheit: von Volk und Staat, zur Nation: 
zur Zukunft! + Es „wird nicht :anders ſein können: nicht. in 
der Darſtellung der Tatſachen wird ſich. die Behandlung der 
Frage erſchöpfen. dürfen. Dieſe Darſtellung - wird vielmehr 
zu zeigen“ haben, welte Aufgaben ſich daraus ergeben, -wie 
der. Kampf zu führen iſt, für das, was in unſerm Bewu ztſein 
unerſchütterlich. als Zielvorſtellung - lebt. „Das „läßt? fich nicht 
beſjer ausdrücen, als' durch das kurze Wort: Ein Volk, eine 
„Sthule! j' ; ; 2.5070 
Dementſprechend. wird ſich auch die Verhändlung "der 
- Aufgabe in Danzig geſtalten müſſen. Sie wird den -Mitgl:edern 
ein ares Bewußtſein von den vorliegenden Tatſachen und, 
Zuſammenhängen vermitteln, aber - ſie wird , dieſe - Zu- 
ſammenhänge vor allen der Oeffentlichfeit gegenüber ins 
rechte Licht rücken müſſen. Sie wird den Willen ſtählen. 
müſſen, der auf eine Geſtaltung des Verhältniſſes in dem als 
- notwendig erkannten Sinne gerichtet iſt. Dazu wird es allen- 
falls einer Kundgebung bedürfen, nicht aber bis ins einzelne 
gehender Beſchlüſſe, auh keines aufrüttelnden Rufes an ' die 
Mitglieder. * Die Tatſachen an ſich ſind aufrüttelnd 
genug. Und die Frage „Wohin gehſt du, Deutſchland?“ wird, 
geſprochen oder nicht, den Ausklang bilden, und jeder wird 
ſeinen Weg wiſſen. Denn jeder von uns wird ſich als 
Cehrer und Staatsbürger innerlich entſcheiden, als 
einer, der in dieſem doppelten Sinne mitverantwortlich iſt für - 
deutſche Zukunft, die nicht nur darum mit in ſeine Hand gegeben 
iſt, weil er die Kinder des Volkes zu. bilden hat. An dieſer 
Tätigkeit wächſt das Yerantwortlichfeitsgefühl immer von 
neuem. Denn nie wid nimmer wird ſich ein deutſcher Lehver- 
ſtand finden, der ſich noch mit der Rolle des „Zildungsange- 
ſtellten“ abfindet. Er betrachtet ſich. =< aus der ganzen 
Weſenzart ſeines Berufs heraus = als „Diener der Geſamt» 
» 

	        

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