Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

ine Deutſche Lehrerzeifung 
Serausgegeben vom Deutſthen Lehrerverein 5 7 
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55. Jahrgang | ; | Februar 1926 Aummer 5 
Fir halt: Staat und Kirche in ihrem Verhältnis zur Erziehung, : Loſe Blätter aus vier Jahren Grundſchularbeit. = Chriſtian Felix 
Weiße. = SFwei Cohrorgewerkſchaſten, => YVundſchau. =-.Witlſchäftliche Fragen. = Stimmen: aus dem Leſeikveiſe, == Deutſcher 
Cererverein: = Verſchiedenes. = Anzeigen. ==: Als Boilage* „IJugendſchriften-Wavle NZ 
Staat und Kirche in ihrem Verhältnis zur Erziehung, 
: JüvegUngen und Materralten. ; A EDE 
; Von Oito S hulz. 4 STOFSET 
a Der emi <4e Seitedes Derhaltniijies: mation ändert ſich dieſes Verhältnis, das ſich nun recht ungleich 
x Das Derhältniszwiſchen Staatund Kirche. „geſtaltet. Es kommt zum Staatskir<entum und zur 
„Die kurze Formel „Verhältnis von Staat und Kirche“ ſchließt Staats kirh<enhoheit. An die dabei ausſchlaggebende 
abertauſende . von Tatſachen, Rechtsfätzen und Einzelfragen Rolle der Reformation," die Entſtehung der Territorialſtaaten 
in ſich.“ (Kahl.) Darum kann hier nur das Weſentlichjte diejes auf deutſchem Boden, an das dafür maßgebende Selbſtändig 
Perhältniſſes und dieſes nur ſo weit in den Kreis der Beträch- keitsſtreben der Candesfürſten, an die dur< eine neue Staats- 
tung gezogen werden, als zur Beleuchtung des Problems philoſophie begründete Fortentwielung des Staatsgedantens 
notwendig iſt und als darin Anſätze für die Löſung desjelben überhaupt, kann hier nur erinnert werden. Der Grundſaiz des 
gegebeit ſind. -Voxzugsweiſe muß aus dieſem “Grunde die landes-herrlichen Staatsfirchentums: cuius regio ejus religio 
gegenwärtige RYRechtslage ins Auge- gefaßt werden, wäh» bozeichnet den Ständ. des Verhältniſſes in der Frühzeit dieſer 
vend die ſehr lehrreiche Geſchichte des Staats-Kirchen-Verdält- Periode, in. der ſich die Geiſtlichen nicht ſo ſehr als Kirchen- 
niſſes. nur ändeutungsweiſe herangezogen werden kann. Eine beamte und Träger der Kirchengewalt wie als Staatsbeamte 
ausführliche Darſtellung gibt Kahl in ſeinem Beitrag „Staat “ fühlen. Die 'Entwi>lung bildet aber auch andere Formen der 
amd Kirche". im Handbuch, der Politik. (4920.) Es mag hier Staatskirchenhoheit heraus, ſo das Syſtem des IN TDer- 
auch hingewieſen ſein auf die Darſtellung-Baumgartens konfeſſionellen Hriſtlichen Staates Qas 
zn Teubners Handbuch der Staats- und Wirtſchaſtskunde, Syſtem der „heiligen Allianz), das PNVOLTOTNULLON SS 
Abt. 1, 2.“Band; 5.*Heft. 0. ſyſtem, deſſen Ausdru> Konkordate ſind, und das Tren 
Das Verhältnis von Staat und Kirche Hb. meh. ein: NUNS ſt.em ,, das in Deutſchland um die Mitte des, 
„ewiges" -Normalverhältnis; das könnte “es nur ſein, wenn , 19: Jahrhunderts in Erſcheinung tritt. Mit dieſen Formen 
beide Größen an ſich ſtets gleichartig blieben, wenn die Maße- vollzieht ſich ein Abbau des landesherrlichen Staatskirchen- 
ftäbe, die man an ſie und än Ihr "Verhältnis zu einander tum, 15-(DIe Inneren Gründe und äußeren Verhältniſſe, die 
eat, feſtſtänden. Beide Größen aber ſind wandelbar, == wie dieſe Wandlung bedingen, behandelt Baumgarten in dem 
„ſchon früher erörtert worden iſt 2 Tund. “dieſe. Wandelbarkeit vorerwähnten Artikel" in Teubners Handbuch dey Staats- und 
bedinat eine Verſchiebung des Verhältniſſes. Aber auch die Wirtſchaftskunde in kurzer, treffender .Weiſe.) EEN 
Maßſtäbe wechſeln. D-4WIE FOREN? AUA Jahrhundert ſtärkt ſich ſowohl das ſoziale Selbſt- 
“ " Swei Grundformen des Verhältniſſes ſind möglich, die bewußtſein. der Kirche als auch das des Staates; der Staat 
der Verbindungund der Einheitund die der Unter- macht den Schritt vom Polizeiſtaat zum „Kuülturſtaat und 
ſcheidung und Löſung. Dieſe Grundformen wechſeln, beide Größen wollen ſozial-ethiſche Aufgaben an. demſelben. 
und es bilden ſich dabei mancherlei Zwiſchenſtufen. Jü-der. 'Dolte löſen, an einem Yolfe übrigens, das ſelbſt zum Nx=: 
neueren Zeit herrſcht die Tendenz zur Trennung der beiden heber und Träger der Staats- und der Kirchenverfaſſung 
'auf verſchiedenem Boden fußenden und innerlich verſchiedenen wird, Staat und Kirche werden nun vom Volfe. mit- 
geſellſchaftlichen Cebensformen vor, Das iſt vorzugsweije GIE DERE TLG aber es UE-1-4:M4.:0 äasſelbe Dö1t, das - hier 
Folge der Entwicklung des modernen Staates. : Die Förmen, und dort mitregiert. Beim Staat iſt“ es „das 6.Ä1 Ze 
die das Verhältnis bis 1918 durchlaufen hat, ſind die des zeligiös nicht geeinte Pio1t, - „Je mehr. die Stuuts- 
Karen ſtats tums; die.des Staatskirhentums gewalt -in die vielen Hände der Yolksvertretung Überging, 
AD bie ver S Da at STir Menno vett zen Kirchenſtaats- deſto weniger konnte ſich die Fiktion einer chriſtlichen Obrigkeit 
tum („polariſches Einheitsſyſtem“)- iſt die Kirche die überz behaupten. (Baumgarten a. a. OÖ.) Dor Prozeß wird beſchleu- 
ragende Größe. Dabei erſcheint, in der üblichen Weiſe bildlich migt durch die Demokratiſierung des Volfsbegriffs, 
äusgedrü>t, das Kirchenoberhaupt, nämlich der Papſt, als die die einſekt, ſeit Bismar> 1367 das allgemeine Stimmrecht ein- 
Sonne, das Staatsoberhaupt =- der Kaiſer = hingegen 'als Führt. Damit iſt ein volksbeagriff geſchaffen, der rein ſtaat- 
der Mond. Das Syſtem des Kirchenſtaat5tums = man könnte lich geſehen iſt, mit dem die Kirche nichts mehr anfangen kann. 
auch von Kirchenſtaatshoheit ſprechen = iſt von einer Reihe Daher kommt innerhalb der proteſiantiſchen Kirche die Strö»- 
von überragenden Päpſten begründet worden und. war zn.der mung auf, die auf die „Freikirche“ zielt. 
Zeit vom Ende des 11- bis zum 14. Jahrhundert geltend. Es Die veränderten inneren Bedingungen des Staatskirhen= 
Jöſte die Periode jener Staatskirchenhoheit ab, die fich am verhältniſſes erweiſen, daß die Syſteme des Kirchenſtaatstums 
Ende der Völkerwanderung herausgebildet hatte "und bei und des Staatskirchentums im modernen Staat als der poli- 
Karl -d. .Gr. und einigen ſeiner ſpäteren Nachfolger deutlich tiſchen Form der „modernen“ Geſellſchaft nicht mehr 
wird. Die deutſchen Rönige beſetzten ſogar wiederholt den möglich ſind. Denn es gibt, wie Kahl ausfährt, Fein 
päpſtlichen Stuhl und ernannten die Biſchöfe; die Kirche war au Sſchließliches <rift liches Yolkstum, aber 
Zom Staat untergeordnet. . Die " Aenderung "vird vor allem auch Fein für das Re <t verwendbares interkonfeſſionelles 
durch Papſt Gregor VIT. eingeleitet. Der Kampf, der um die , Chriſtentum, An Schulrecht, Eherecht, Strafrecht bringen Ka- 
Geſtaltung des Verhältniſſes zwiſchen Kaiſer und Papſt geführt tholizismus und Proteſtantismus verſchiedene Auffaſſungen 
wird, iſt ebenſo bekannt, wie ſein Ergebnis und die inneren Heran, Auffaſſungen, die von politiſchen Parteien übernommen 
Zuſammenhänge, die dieſes Ergebnis zeitigen." y werden, deren Anhängerſchaft ſich. in einzelnen: Fällen weit 
Mit dem Niedergang des Kaiſertums, mit der Entwik- - gehend mit dem in den Kirchen zuſammengefaßten Zoos 
„Hing der Vationalſiaaten (Frankreich!), endlich mit der Vefor- det; So wirken fie auf die Vechtsgeſtaltung im Staate ein, 
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