Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 56.1927, [1. Halbjahr] (56.1927, [1. Halbjahr])

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Allgemeine: Deutſchl" Gehverzeitung. 
Das Kulturprogramm der neuen Regierung und der erſte Vorſtoß 
des Zentrums. 3 
Die vom Reichskanzlex Dr. Marx am 5. Februar ver- 
4 
lejene BVegierungserklärung enthält u. a. folgende Säße: 
„Der tatkräftige Schuß der Weimarer Ve rfaſſung 
icließt feineswegs aus, der großen Vergangenheit Deutſch- 
lands mit Nhtung zu gedenken. Noch vor wenigen Wochen 
bat in dieſem Holen Haus und an dieſer Stelle einer der 
Herren Abgeordneten mit Recht darauf hingewiefen, daß ein 
Volk, das ſeine Geſchichte nicht ehrt, nicht wert iſt, daß es 
noh einmal, zu einer geſchichtlichen Bedeutung kömmt. Des- 
halb ſoll nach der einmütigen Auffäſſung der Reichsregierung 
auch der Dergangenhbeit und ihren Symbolen 
Achtung und Ehre gezollt werden. 
Wenn uns in dieſem Zuſammenhang ein weiterer Blik in 
die Vergangenheit geſtattet ſei, ſo ſelen wir, daß unſere ganze 
beute Geſtelzende Kultur auf <hrifſtlicher Grund 
lage erwachſen iſt. Aus dieſem Mutterboden heraus muß 
fich der Geiſt des deutſchen Yolkstums immer wieder er- 
neuern. Solche Gedänkengänge werden ihre Auswirkung finden 
bei dem von der Reichsregierung in Ausſicht genommenen 
ReicHsſ<ulgeſeß. Grundlage dieſes Geſetzes iſt die 
Reichsverfaſſung. Nach deren Wortlaut und Sinn 
müſſen die Freiheitdes Gewiſſens und die Rechte 
der Eltern gewahrt und die Erteilung des Re- 
ligtonsunterrichts in Nebereinſtimmung mit den 
Grundfäten der betreffenden Religionsgeſellſchaft, unbeſchadet 
des Aufſichtsrechts des „Staates, geſichert werden. Auch iſt für 
eine grundfſäßhliche Gleichſtellung der in Artikel 
146 der Reichsverfaſſung vorgeſelyenen Schul- 
arten zu ſorgen. 7 
Der. tatkräftige Schutz und die gewiſſenhafte Beobachtung 
der: Yorjchriften der Reichsverfaſſung, insbeſondere die Neber- 
tragung ihrer Grundſätze in das praktiſche Leben liegt in 
beſonderem Maße in den Händen der Beamtenſchaft. 
Die Reichsregierung vertraut auf ihre altbewährte, treue und 
unentbehrliche Mithälfe. Sie iſt ſich der jchwierigen Lage ſehr 
weiter Schichten der Beamten durchaus bewußt. Jhre 
Re Hte und Intereſſen, auch ihr materielles Wohl 
nach Kräften zu fördern, betrachtet die Reichsregierung deshalb 
als eine jelbſtverſtändliche vornehme Pflicht. 
Auf den Zuſammenhang zwiſchen dem erſten und zweiten 
und zwiſchen dem zweiten und dritten Abſchnitt wollen wir “ 
bier nicht eingehen. Daß auch in dem erſten und dritten 
Abſchnitt an Shule und Lehrerſchaft gedacht iſt, hat 
der Geutſchnationale 'Vedner Graf Weſtarp bei der Be- 
ſprechung der Regierungserklärung zu erkennen gegeben, indem 
er jagte: „Wir - wünſchen, daß der Neberlieferung 
früberer großer Zeiten auh in Schule und Ju- 
genderziehung der ihr gebührende Platz wieder einge 
räumt wird.“ Mit andern Worten heißt das natürlich, daß 
im Geſchichtsunterricht wieder die Kriege und die Schlachten 
in derſelben Weiſe behandelt werden ſollen wie früher; denn 
daß die Kulturgeſchichte der „früheren Zeiten“ auch 
bis jetzt den gebührenden Platz gehabt hat, ſteht außer jedäm 
Zweifel. 2.4 . 
Nun aber der zweite Abſatz, der den Hauptteil des Kultur- 
programmes der neuen Regierung bildet. Er enthält im 
weſentlichen -das, was das „Manifeſt“ des Zentrums und 
die „Richtlinien“ ſchon enthalten, es darf deshalb bezüglich 
Unſerer Stellungnahme auch hingewieſen werden auf das, 
was wir in Nr. 4 unſerer' Zeitung „Da 8 SFentrums* 
manifeſt und ſein ſchulpolitiſches Programm“, 
und Nr. 5 „Die DemokratengegendenneuoenKul- 
turblo FX“ geſagt haben. Während aber in den „Richt 
linien“ nur von der „Sicherung des Religionzunterrichts“ Qilr- 
- tifel 149) geſprochen Üt, iſt in dem Regierungsprogranm aus- 
fühbrlicher gejagt, daß „die. Erteilung des Roligionsunterrichts 
in. HNebereinſtimmung- mit den Grundſätzen der betreffenden 
Religionsgeſellſchaft, unbeſchadet des „Aufſichtsrechts des 
Staates“ geſichert werden. muß.“ Das ſteht allerdings in Ar- 
tikel 149 der Yerfaſſung, man hat aber den Yorderſatz: „Seine 
Erteilung wird im Rahmen der Schulgejebgebung geregelt“ ein- 
fäch fortgelaſſen, woil man jonſt die Regelung dieſer Frage mit 
dem Reichsſchulg e ſet; ſchlecht in Zuſammenhang bringen 
 
kann. "Der Satz betr. Rel.-U. iſt es auch, der bei der Deuis 
ſchen Volkspartei vor allem Anſtoß erregt hat, weir" 
ſie fürchtet, daß dabei die „Sculhoheit des Staates“ ni 
genügend gewahrt werden könnte. Die Rede des volkspartei? 
lichen Führers liegt uns allerdings noch nicht im Wortlaut 
vor, er ſcheint aber im weſentlichen ausgeführt zu laben, daß 
er in der Frage des Roichsſchulgeſezes an die Verfaſſung5be? 
ſtimmungen erinnere, wonach die Schule eine ſtaatli u 
Einrichtung iſt. Der „Lop. Anz.“ ſchreibt dazu: vs 
Problems der Reichsſ<Hhulpolitik gedenkt ee 
nicht ohne ein leiſes liberaliſtiſches BAWDE 
in Gedanken an die Wärme, die zier die B eziehunmgens 
zwiſchen der Rehtenund dem Zentrum iS van 
angenommen haben.“ Wie borochtigt dieſes PEE : 
iſt, hat am 4.“ Februar der Sprvochor des Zentrums, Herr IE 
Guerard, ſehr deutlich zu verſtelzon gogebeit. Im Lin 
auf die Ausführungen dos Abg. Scholz ſagte er nämlich: „3 
wende mich. zu einer Fulturpolitiſchen Frage NEE 
geſtern in der . Debatte angeregt wordomn ijt und der 1 
eine außerordentliche Bedeutung beilegen. ae 
iſt geſtern nämlich in der Debatte der AusdruX gefallen, Us 
Schule Jei eine Einrichtung des S taates, und jur 
dieſe Aeußerung hat man ſich ſogar auf die DECAT PER 
bezogen. Das iſt eine Auffaſſung, die bei üns maßloſes H 
ſtannen hervorruft, die auch als völlig verfaſſungswidrig I 
bezeichnen iſt. Dieſe Auffaſſung will nicht inehr DINER En 
niger als dem Staat ein Monopol; eine SEE UG 
ſhrankenloſe Zwangsgewalt ZU DeR. nE 
Auffaſſnug, die wir rundweg und auf das KAE R ee 
lehnen. Schule iſt mehr als bloßer Nutervicht. ' Sie p En al 
nenten Sinne des Wortes Erziehung. Erziehung aber mach 
FEN ; -O 5 iche Paragraphen und Ordnung 
man nicht allein durch ſtaatlich Mars DUG EN IHRER 
Gewiß bat der Staat einen bed PRRGESER A LM 
“va es ſe Aber mit Recht ſpricht die Der 
an allem Schulweſen. ti t es (Artikel 144) 
faſſung nur von einer Aufſicht des 2 ta Ne e : 38) 1 0 ... 
nicht aber von einer ſtaatlichen Alle KIER 6 TEE 7 
Gewiß hat der Staat auch ja chl ich ein großes Intereſſe SEE 
daß gute Staatsbürger entwiXelt werden, daß der Un 7 
richt eine gewiſſe Höhenlage erreicht, daß eine gewiſſe St 44% 4 
geſinnung entwiFelt wird. Aber dieſer Staat IE 
darüber klar ſein, daß er für die von ihm GEE EN En 
wiXlung zum ſtaatsbürgerlichen Denken anch Frei 1984 48 
gewähren muß, auch an andere geiſtigen und ſittlichen En 
öffentlichen Mächte appellieren muß, daß dieſe gement 
an dem bedeutenden Werk der ſtaatlichen Erziehung mitwir ten. 
Das ſind Worte, wie wir ſie ſeit der Staatszumwälzung Ns 
gehört haben, jie beleuchten blitzartig, wie ſtark jich . 500 
Hentrum fühlt, und ſie werden allen donen ein JEH 
Grauſen. verurſachen, die ſich noch „liberal“ nennen, aum 
die Verbindung des Zentrums mit den Deutſchnationalen 
beigeſelhmt kaben. Die Doutſche Volkspartei iſt jetzt in HEN 
turfragon ansgeſchaltet, Zentrum iſt Trumpf und WIEN 
es bleiben, ſolange die noue Koalition beſteht. Hätte man 
das denn je geglaubt, daß der Führer des Zentrums in aller R 
Offenheit jich gegen die bis in ganz rochtsſtehende Kreiſe hin 
einreichende für uns ſelbſtvorſtändliche Auffaſſung wenden 
könnte, daß die Schule ine Einrichtun 3. DEM 
Staates iſt? Hätte man no]; vor einer WoXx nach: IE 
kanntgabo der Richtlinien geglaubt, daß jemand im Reichstags? 
beſtreiten könnte, daß nach der Noichsverfaſſung die Schule unter 
allen Umſtänden eine ſt aatliche Einrichtung iſt? Jetzt. 
erſt merkt man, wie das Zeitrum durch ſeine Richtluion zwar 
amd e8e- gebunden hat, wie aber -die- andern da 
Hentrum nicht gebunden haben. Zwar bat .01C 
Volkspartoi os noch. erreicht, daß in das Programm. bei den 
Frage “der "Erteilung «des "Reki gionsunterrichts die 
Worte „unbeſchadet. des Auffichfsröchts des Staates“ Y 
gebracht worden ſind,“ aber eine Feſtlegung der Schule als 
| Staatseinrichtung -ſchöint, ſie für überflüſſig gebaltet 
zu haben 5dor hat ſich mit einigen belangloſen „Zuſagen a9* 
finden laſſen. Dor maßlo l'e "Ddr 68 ZFemtrums 
iſt dio Quittung darauf. n ; 
Dasjelbe Gefühl hatte der demokratiſch? Führer Dr. Ro <v 
des 
 
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