Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 56.1927, [1. Halbjahr] (56.1927, [1. Halbjahr])

 
 
Seratlsgegeben vom 
Allgemeine Deutſche ſehrerzeifung 
Verlag und Geſchäſtsfielle: Berlin € 25, Kurze Straße 3/5; Fernruf: Alexander 498 
Deutfſcmen Sehrerverein 
 
Verantwortlicher Schriftleiter: Geo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3951 
Berlin, den 13. Januar 192 
„SO ZUNE JU 
 
Inhalt: Ueber die Arbeitseſhule hinaus. = 'Der neueſte. S 
Görli (Schluß). 1 = Pädagogiſche Tagung: 
Deutſcher . Lehrerverem: = Verſchiedenes, == 2 
 
 
7 2 
Grundſchule. =- Der Preußiſche Cebrerverein in 
= Rundſchäi. =< Wirtſchaftliche Sraan. == 
 
  
 
 
 
Ueber die Arbeitsjchule hinaus. 
Die Arbeitsſchule, lherausgeboren aus dem Verinnerlichungs- 
und Verſelbſtändigungsdrang der Jetzten Jahrzehnte, “iſt durch 
die ſchickſalsſchweren Ereigniſſe der lekten' Jahre. zu einer 
ſtaunenszwerten Machtſtellung emporgehoben worden. Alle 
'Schultüren „haben ſich ihr, wenn. auch oft widerwillig, ge- 
„öffnet, und auf dem Schuülpult thront die UArbeitsſchule oder 
die Pſeudoarbeitsſchule, Ton, Sand, Pappe müſſen oft 
genug die Arbeitsſchule vortäuſchen. Kein Wunder auch; denn 
eine Jdee von einer ſolchen Weite des BliPfeldes und Tiefe 
des Gehaltes kann nicht von einem Tage zum andern, am 
allerwenigſten durch Staatsbefehl, ſelbſt wenn er ſich. auf 
die Verfaſſung ſtükzt, vollausgereifte Geſtalt gewinnen. Die 
Arbeitsſchule muß von innen heraus wachſen; nur dann wird 
ſie Wahrheit ſein und Kräft wirken. Viel Nachdenken und 
Erproben, unermüdliches Zitammenwirken von Theorie und 
Praxis wird notwendig ſein, um die Arbeitsſchule aus dem 
ärroführenden Schyein in blut- und glutvolles Sein überzuführen, 
um ihren Geiſt in allen Shbulen lebendig werden zu laſſen. 
Darum ſcheint es eine Torheit zu ſein, über die Arbeits- 
ichule Ginausgeben „zu wollen, ehe ſie das Füllhorn ihrer 
Segnungen voll. in alle Schulen ergießen konnte. „Laßt ſie 
ſich erſt auswirken : und dann ſchreitet weiter! - Sonſt wird 
die Derwirrung in der Schule unheilbar!“ So wird denen zu- 
gerufen, "die die Arbeitsſchule im Lichte einer. höhzeren Jdee 
ſehen und beurteilen und dieſe Erkenntnis in weitere Kreiſe 
tragen möchten. Tragen müſſen! Auch um der -Arbeitsſchule 
willen; denn ſie wird durc) die Einreihung in einen höheren 
und, weiteren Zuſammenhang erſt vecht zum vollen Bewußt- 
ſein ihrer Wirkungsweite und Wirkungstiefe, aber au der 
Grenzen ihrer Kraft und Macht gelangen. 
Alſo nicht Gegnerſchaſt gegen. die Arbeitsſchule, ſondern 
Erkenntnis ihrer Bedeutung "und Bedauern über. ihre Ver- 
kennuna und ihren Mißbrauch führte zu vorliegender Unter- 
ſuchung. KEEN 
- Am ſicherſten würde dieſe Unterſuchung vorſchreiten können, 
wonn wir mit einer allgemeingültigen inhaltlichen Begriffs- 
beſtimmung der Arbeitsſchule beginnen könnten. Die fehlt 
aber bis Heute. Aus vielen und leichtbegreiflichen Gründen, 
doren bedeutendſte die ſind, das ſie nicht in den lebensvollen 
Zuſammenlang der klarorkannten Goſamtaufgabe der 'Schule 
bhineingeſtellt wird, - daß . ihre“ üboreifrigen Verehrer in ihren 
Bogriff alles hineinzuzwängen verſuchen, was ſie Löbliches 
und Wertvolles an Zielen: und Mitteln ſchäßen und üben. 
Damit wird aber der Sache ein ſchlechter «Dienſt erwieſen. 
Begnügein wir uns daher mit einer mehr formalen Begriffs- 
boſtimmuüng, indem wir ſagen: Arbeitsſchüle iſt ein Sammel- 
name für Forderungen an Erziehung und Unterricht, die 
verſchiedenen älteren "und. neueren Quellen entſprungen ſind 
und in der Nouzeit ſtärker. betont und inniger zuſammengefaßt 
wurden, die im Gegenſaß zur ſogenannten' Lernſchule das 
"Kind- zum »Ausgangs-, : Mittel-* und Endpunkt ' nehmen, die 
der Kraftentfaltung höheren -Wert beimeſſen als der Wiſſens- 
„bereicherung,+ die» ſich, mehr auf-die Wege als auf. die. Ziele 
von Bildung und Erziehung erſtreXen. Ä 
Nm eine klare Einſchäzung des Wertes der Arbeitsſchule 
:Zu gewinnen, müſſen wir uns auf die drei Grundaufgaben: der 
Arbeitsſchule beſimen? Auf "die Mitteilungsaufgabe, auf die 
Entfaltungeaufgabe und die Richtungsaufgabe. - Die Arbeits- 
ſchule“ weiſt uns hin auf die Entfaltungsaufgabe. Die kenn- 
zeicnenden Merkmale der Arbeitsſchule ſind: Selbſtändigkeit, 
AusdruFskultur und Wirtſchaftlichkeit. Eine kurze Vergegen- 
wärtigung dieſer drei Mittel wird den Beweis erbringen, daß 
die Arbeitsſchule nur mittelbar der Mitteilungs- und der 
RVichtungsaufgabe dient, unmittelbar aber der Entfaltungs- 
aufgabe. : ; 
Wer Selbſttätigkeit will, der. muß Uktivität- der 
Schüler wollen. Eigentliche Paſſivität iſt allerdings im Bil 
dungsvorgang ausgeſchloſſen. Auch) dort, wo der Schüler den 
Bildungsſtoff paſſiv aufzunehmen ſcheint, iſt die Seele in 
„Hervorragendem - Maße beteiligt. Viele von denen, die im 
Neuerungsüberſchwang der Arbeitsſchulidee den Yortrag des 
SLel:rers völlig ausſchalten wollten, erkennen nun nach Zu- 
rüJebbung des Ueberſchwangs die Cebenswichtigkeit der 
Nebung im Anhören und Auffaſſen eines Vortrags wieder an 
und gelangen aufs neue zur Einſicht in das hole Nlaß aktiver 
Betätigung, die das „paſſive“ Aufnehmen eines Vortrags 
erfordert, wenn es Jnnengewinn bringen ſoll. Aber allerding: 
jezt gelingende Tätigkei in der geſamten Schularbeit in weit 
höherem Umfang eine andersartige Aktivität voraus, 
bei der die Führung durch den Lehrer ſtark in den Hintergrund 
' treten muß. Die Schüler ſollen -ſich ſelbſttätig in die Fülle 
der rilmen in Wirklichkeit und Schrifttum ontgegentretenden 
Dinge, " Vorgänge, Verhältniſſe, Urteile, Jdeen... ein- 
arbeiten, ſie verarbeiten und ſie weſens- und perſönlichkeits- 
gemäß darſtellen. EN 
Voh mehr! Die Schüler ſollen ſpoütan, aus 
eigenem Antrieb an die Arbeit herantreten, ſollen die 
von innen hervorquellenden' Gedanken und Triebe zur Aus- 
ſprache bringen, ſollen, was dumpf in ihnen woat und wallt, 
ms helle Licht des Bewußtſeins heben, ihr e Umwelt -- jedes 
Rind bat ſeine eigene Umwelt =- ihr Eigenleben vor den 
andern aufleuchten laſſen. Spontaneität iſt Yorausſezung wirk- 
licher und erfolgreicher Aktivität; denn nur wenn von innen 
die Tore aufſpringen, fangen die Eigenkräfte an zu ernten, 
zu verarbeiten, ſich ſelbſt und andern durch Eigenformung von 
dem eingeheimſten Bildungsgewinn Rechnung abzulegen. 
Aus der Aktivität ergibt ſich die Nöglichfeit geſteigerter 
Produfktivität. - Auch hier können wir ſagen, eigentlich 
iſt der Menſch immer produktiv, wenn er ſich frei betätigt; 
denn jeder gibt nur das wieder, was ev ſich, ſeinem eigenem 
Woejen gemäß, aus der Fülle der auf ihn einſtürzenden Ein- 
drüe erleſen hat, und verarbeitet das Erleſene nur mit der 
ihm eigentümlichen Formungsfkraft. Zwiſchen Produktion und 
Reproduktion beſteht mur ein Gradunterſchied. Wenn die 
Arbeitsſchule“ alſo Produftivität verlangt, ſo kann das mur 
heißen, daß ſie der weſensgemäßen Ausleſe und der weſens- 
gemäßen Formung weiteſten Spielraum laſſen und ſie zu 
höchſtmöglicher Betätigung anregen will, ' 
Und endlich gilt das Gleiche von der Selbſtregie-' 
rung undder Selbſterziehung. Bewußt oder. unbe- 
wußt müß . der eigene Wille hinter den erziehlichen Maß- 
nahmen ſtehen. Nach den neueren Forſchungen - Cou6s und 
„Baudouins iſt“ ſogar - die - Möglichkeit und der Erfolg . der 
Suggeſtion an das Yorhandenſein der Autoſuggeſtion gebunden. 
!| Weil. dieſe, Wahrheit ſo oft überſehen wird, darum die un- 
| üborbrüte Kluft zwiſchen Einſicht und Tun, darum der ent- 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  

	        

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