66 Ullgemeine Deutſche Lehrerzeitung.
Volksſchule, vertiefte ſich in deren Geſchichte und herkömmlichen
Gebundenheiten und begann- min" erſt: recht: die“ Feſſeln zu
jpüren, die alle Volksſchullehrer mehr oder minder bewußt
trugen. Nun 'war es Beyhls Sache nicht, in philoſophiſcher
Rube abzuwarten, „bis die Zeit erfüllet war“ und dem natur-
notwendigen Ablauf der Dinge es zu überlaſſen, für die
Wegräumung überlebter Formen und Einrichtungen zu ſorgen.
Es drängte ihn, ſelber mit in die Speichen des EntwiFlungs-
rades einzugreifen, und fo ſprang er 1902 vor die Front init
ſeiner Schrift: „Die Befreiung der Volksſhullehrer aus der
geiſtlichen Herrſchaft.“
Es war keine Streitſchrift im herkömmlichen Sinne;
mit unſern heutigen Augen geleſen iſt ſie durchaus eine
ruhig vorgetragene Beweisführung, mit beigem . ehrlichem
Herzen geſchrieben, * freimütig wohl, - aber mit natürlicher
-Würde. “ Es war“ ein Ton darin, der auflorchen machte.
Man" ſpizte die Ohren -in .den Umtsräumen eines hohen
Miniſterii zu München, in geiſtlichen - Kreiſen wurde ein
neuer ernſtlicher Feind gewittert, und durch die Reihen der
Standesgenoſſen, - joweit ſie nicht durch den Fron des All-
tags müde und ſtumpf geworden waren, ging ein freudiges
Aufrauſchen. Der Name Beybl blitzte auf. Es gab in
der Folge Zeitungsfehden und Auseinanderfetzzungen, das eit-
mal" binausgeſhleuderte Wort erzürnte hier und zündete da,
und bald empfand der nun mitten inn die Bewegung Ge-
ſtellte das Bedürfnis, ein eigenes Sprackrohr zur Ver-
fügung zu haben. So übernahm ex 1908 die von ihm
1900 mitgegründete „Freie Bayeriſche Schulzeitung“ und focht
nun als ein Rriegführender, der ſeine Armee ſelbſt ſtellt
und ausrüſtet, dafür ſich aber keinem hohen Generalſtab
und Rriegsrat unterwirft. Er wollte nicht als Freiſchärler
den Rleinfrieg führen; er wollte nichts anderes als „Förderung
der Yolfsbildung durch Hebung der Volfsſchule“; nur konnte
er ſich nicht in den langſameren Taktſchritt des gewöli-
lichen Marſches einordnen. Er mußte ſeinen eigenen Schritt
gehen, und man durfte ihn gewähren laſſen. Wenn er aul?
kein eigentlicher YVereinsmenſch geweſen iſt, es ihm auch in
VYorſtandsſigungen immer nicht recht behaglich zumut war
== am Tage- der Schlacht fehlte er. nicht: Ntan könnte eher
. ſagen, er ſchritt manchmal zum Angriff, ele eine bedächtige
oberſte. Heeresleitung es für geboten hielt. , Wo ex. ſich
in ſeinem Gewiſſen, der. einzigen Richtſchnur ſeines Lebens,
„für im Rete .ſtelzend. hielt, da wollte er auch frei- ſein.
Freiheit und Recht! Das ſind die Richtſterne ſeines
:Cebens geweſen. Um dieſe beiden Edelwerte: der Menſchlzeit
kreiſt ſein ganzes heißes Bemühen. Der ſonſt von Leideii-
„ichaften nicht abhängige Mann diente dieſen Geſtirnen mit
oiner * Inbrunſt, die man religiöfe Hingebung nennen darf,
-okne der Neberireibung geziehen: zu werden. Wie ernſt er
es meinte, beweiſt am beſten der Umſtand, daß er ſich für
“feinen Dienſt eino eigene Darſtellungsweiſe, einen' Stil ſchuf.
Wer mit den Dingen: 'nur umgekt, oder gar nur mit ihnen
: ſpielt, der kann ſich mit der Sprache anderer begnügen; wer
aber geſtalten will, muß ſelber geſtalten 'können. Beyhl
bat einen Schreibſtil entwidelt; der ganz und gar aus ſeinem
eigenen Weſen ſtammt und darum echt und wahr wirkt,
. auch bei denen, die fol dauernd ſchwergepanzerte und kraft-
geladene Sprache . nicht. mögen. Beybl ſchrieb nicht, ex
hämmerte. Er baute mit Quaderſteinen, rechtwinklig und
„ſtolz. Muſikaliſch ausgedrückt müßte. man ſagen, er ſchrieb
jteft> im E=-dur, feierlich, mit Poſaunen, die Tonart der
- Eroica. Seine Sprache konnte auch innig ſein, flach war
jie nie. Lediglich vom Standpunkt eines Sprachrichters aus
bat Beyhl, der Volksſchullelxer, eine ſtaunenswerte Leiſtung
: vollbracht. Schrieben die deutſchen Profeſſoren, ſeit Luther
„und Leſſing, eine ſolche vernehmbare, hinhallende: Sprache,
jo wären wir in Deutſchland nicht ganz auf der Stelle,
uf der wir beute, ſtehen. Daß die Sprache uns. gegeben
jet, um die Gedanken zu verbergen, dies Wort hat Beyhl
nie gekannt. ; :
In “ einer Welt, die auf Vorgeſektentum und Unter-
:ordnung aufgebaut war, müßte ſich ' ſolch ein ' aufrechter,"
nach außen ſchärffaktiger " Manir freilich fortwähtend : an=.
ſtoßen. Den PerüFen galt“ ex als unruli i
jet: / gc iger Kopf, der die
Geiſter verwirren hilft, „und ſoweit ihre amtliche Macht
SEIEE: „haben jie es ihn fühlen laſſen. Es wäre ein Stüc>
deutſcher Kulturgeſchichte, könnte -man- die königliäy baveriſchen
- ſein. Charakter. Alles, was er
„geſammelten „Jahrgängen und ein '
-mehx in die gebundene D
'geworden.
kämpfer
„Beyhts Geiſt muß. iir uns at
„er vergebens gelebt.
hügel den grüne

'Landen gibt.
Ne x
Ukten des Würzburger Lehrers Jakob Beyhl in ihrer 38
ſammelten Pracht dex“ Mähwelt zur Kenntnis bringen. € Z
erübrigt ſich zu ſagen, wie geſchätzt der tapfere Mann im |
andern. Lager der gottgewollten Abhängigkeiten war ern
der nie ſo wollte wie die Geiſtlichkeit! Aber es geſchall
ihm unreht, wenn er zu den Neuheiden gezählt wurde: |
Wer fo Boch denkt von Menſchenwürde und Perſönlichkeits? |
wert, ſteht im innerlichen Bunde mit Mächten, die WIE
als göttliche zu nennen gewohnt ſind. „0
Weil Beyl in der Freiheit das böchſte menſchliche
Glück ſal, war er in der Kriegszeit mit ſeinem ganzen
aälüblvenden Herzen bei der Sache ſeines Landes. Er ſa
in dem Ringen einen heiligen Verteidigungskrieg; er brachte
mit blutendem, doch ungebeugtem Herzen das Opfer zweiten
Söhne; "den dritten und letzten empfing er" unheilbar france
zurük. Für "ilm, der im Ganzen dachte und lebte,
Deutſchlands Zuſammenbruch oin mehr als furchtbäres Er 4
lebnis. - Als “ov ſaly," wie die Sieger, zwar“ mit zeitgemäßen |
Bogründungen auf den' Lippen, aber den uralten menja
lichen Boeuteinſtinkten gehorchend, Recht und Freiheit deut
ſcher Menſchen mit -Füßen traten, erhielt ex den entſcheidenden
Stoß, der ſein Mark erſchütterte.“ Ihm war eifie Welt
zuſammengebrochen. Wer ideale Forderungen an ſich und
andere ſtellt, muß die tieferen Enttäuſchungew erleben. . %
Entmutigt war ex nicht, wenn auch zermürbter, als
er ſich eingeſtand. Zunächſt grüßte er mit der ihm eigenewh
gläubigen Zuverſicht, die zuweilen etwas rührend Kindliche?
an ſich hatte, den ſchmerzgeborenen jungen Volksſtaat. Da |
bracy freilich über Nacht allerlei Mörſches zuſammen, wa= |
Beyhl jahrelang mit zäher Ausdäuer berannt hatte. Und |
doch, wie verzeihlich iſt; daß ſo viele in jenem Neuwerdem|
eine Erfüllung ſahen, wo es doch nichts weiter als eim"
Anfang, ein Weg ſein konnte. Ebbe folgte der Flut, und]
VYolksherrſhaft wurde zum Steigbügel von Gewalten, diet
den demokratiſchen Gedanken zwar nicht erzeugt haben, ihm
aber als Yorſpann 'zu nuten -wiſſen. Und ſo erlebte Boybl den
konkordatſchließenden Yolksſtaat, den ſich ſelbſt entäußernden]
Staat, ein für ihm geradezu unfaßbarer Vorgang. Da wallteſ
ikm das Blut in alter Stärke, er wuchs über jich hinaus]
mit jugendlichem „Seuer ſtritt or für ſein Lebensideal "voy
Srveiheit und Perſönlichkeit. Schmerzliche Erfahrungen war-'
teten ſeiner. Beim Machtkampfſpiel im Zeitalter der - Def
mokratie - iſt zunächſt mit' Ueberzeugungsgründen und Pro
feſſorengutachten: kein unmittelbar fertiger Erfold > zu erm
zielen. Beyhl. tat mannhaft ſeine Pflicht; das Uebrige bleivk|
der Arbeit kommender Geſdlechter überlaſſen. "M
'Es Fonnte nicht die Abſicht ſein, an dieſer Stelle eim!
ganzes Lebensbild des einzigartigen Mannes .
Mehr als einige große Umriſſe ſeines Lebensganges konnteity
hier nicht angedeutet werden. Schließlich gilt von ihm ''wann
Goethe von Luther geſagt hat:- das wertvollſte an im in
NICH Is ; ' uns und dem künftigen Naa 1
wuchs zugerufen und eingehämmert bat, let 55 nicht „4
eingeſargt in den Kammer NENE Sichen 3
gängliche an ſeinem Werk iſt, das DEGA LR NNEE PIÖNIN
EEE EEE (257 ' vaß: er jeinen Standosgenoſſe «
Eiſen ins" Blut gegeben hat, ihnen Glaube Mut ein?
f1ößite, a ihreit -Wachwerden gantben es Nhe Erbe
Beybls trägt die feciheitlice ENE EEE 0
TT .. FIMe Deutiche < Lehrerſchaft in R
und allen Stürmen der Gegenwart zum Troß ie ie ninumer?t
Jahrzehnts
zu zeichneit. “8
vu
URS; Ee ?umpfheit vergangener 5
S7 NR LER Damit iſt auch die Mane beantwortet; |
einen (in IRE NE Zu Boyhls' beſonderes Tätigkeitsfeld
das Zeitalter ve zu Nachfolger zu ſuchen. Wir glauben; 29
weiſe einzelnen V IE W8 dem die Lehrerſchaft es vorzugim
laſt des Kampfes orUmpfern überlaſſen durfte, die Haupth
ſchroXene T. 1) zu tragen. Das freie Wort und die unh
! e Lat ſind nunmehr Tagesaufgabe jedes Einzeltelt
WIE genialſte Wegbereiter und. tätigſte Einze
deutſche Volksſchule be Ucht. meh Hinreichen, die m
mie zu tragen, aufzubauen und zu verteidige?
1 l&n. lebendig werden, ſonſt hätte
8 Legen wir auf ſeinen friſchen Grat
und ſehen wir "Veit Ktan M 8. 00.08 Dantbarkil
[oſigkeit. und Wit ue ammenden Tagen mit feiner Jur
nE SB Uensſtärke entgegen! Sein Undenken wir
“ verlöſchen, ſolange es freigeſinute Männer in deutiche""

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