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Allgemoin DoufſchoCehrur
Serausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein
Verlag und Geſchäſtsſtelle: Berlin W35, Potsdamer Straße 113; Hans“2. Sernruf: Rurfürſt 8130/8131
Verantwortlicher Schriftleiter: be0 Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſiraße 80“ Fernwri
Berlin, den 9. Februar 1928
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Der Ausbau der Volksſchule. == Wie ſteht's mit dem Reichsſchulgeſetz?


if: Lichterfelde 5931
"Nummer 6


-=- Das Schi&fal der Simultanſchulländer. =- Mil-
lionen über Millionen! = Die „Schule mit der Bibel*. = Zur Literatur über die Frage: Auslandsdeutſchtum in der Schule.
-- Nundſchau. = Wirtſchaftliche Fragen. = Deutſcher Kehrerverein. = Verſchiedenes. = Anzeigen.



1. Das Bildungsideal.

Es iſt eigentümliches Schickſal. der Deutſchen, daß die
Propheten des Yolfstums die- Ziele der geiſtigen [Erneuerung
und Bewegung in den Zeiten der Volksolhmmacht am weiteſten
jekzen,. und daß in den. knappen. Zeiten der Machtentfaltung
das geiſtige Leben ertarrt. Selbſtſichere Yölfer kommen durch
die Befeſtigung ihrer Macht zu ihrer geiſtigen Blüte; der
menſchheit» und weltumſpannende Geiſt der Deutſchen ſchwingt
am weiteſten; wenn die klaren Grenzen und feſten Mittel
der Reichsgowalt unſicher geworden oder. zerſtört ſnd, und in
den Zeiten der wieder befeſtigten Gewalt verkümmert der
weitgoſpannte Gedanke am Widorſpruch zwiſchen ſeiner allge-
meinen Gültigkeit und einem begrenzten Zweck. - Die zur
Wirkſamkeit gelangten Ideen gehören aber ſür alle Zukunft
zum Geſamtbewußtſein des Volkes, nicht nur durch lüſtoriſche
und philoſophiſche Wiſſenſchaft und Lehre, ſondern als Aus-
druck der geiſtigen Hältung, und werden in den Zeiten ge-
ſchichtlicher Wendungen bindung: nit neuen Werinrteilen; wieder Wipklichkeit. Das
geiſtige Coböu des "Dölkes wird" dadurch immer veicher und
vielgeſtaltiger; alle Stände und Berufe werden einer nach
- dem andern,- wie eine Idee ſie. ergriff. und aufrüitelts, in die

. den Dingän“ des Staats- und Wolkslebens. - Ein einheitlicher
: Ausdrück des -Volkswillens:- wird." ür dann noch gefunden,
' die Yernichtung dex Goſamtiultur als möglich und nun auch
jedes perjönliche Eigenleben. bedroht erſcheint.
In dom Fluß geiſtigen -Geſcheolyen5 gibt es keinen. Augen-
blik, in dem gejagt- werden könnte: hier beginnt ein Neues!
Es aibt auch keine Wendung, .die nur Rückeehr oder Wieder-
boluig wäre. Jedes - Vorwärtsdrängen geſchieht unter dem
immer noch wirkſamen Druck feüherer Bowegung, die nun
als Yerwirklihung in einer n2zuen Richtung wieder deutlich
wird, und“ jeder zurückkreiſende Wirbel iſt nicht Rückrehr, ſon-
dern nur Anzeichen einer neuen Richtung in der allgemeinen
Bewegung. : ;
“Mit der Richtung. und der Kraft der B2wogung im gei-
ſtigen und ſittlichen Geoſamtbewußtſein des Yolkes wandeln
ſich auch ſeine Bildungs- und Exrziehungsideale, die eben
nicht unabhängig und ohne Rückſicht auf "das Volksbewußt-
ſein goſezt werden können. Es gibt kein. ſelbſtändig geſetztes
Vildungsideal; auch in der ſcheinbar am 'ſHhärfſten betonten
Eigenart liegt immer der Gegenſaß zu einem Bildungsideal,
Das-überwunden werden ſoll, "und ſs offenbart ſich even nicht
Sveiheit, ſondern Abhängigkeit. Rüurze Zeiten einer Täuſchung
ſind möglich: "doch" zeigt ſich immer ' bald das geiſtige Geſet
dor Entwicklung, daß im Wirbel der Bewegung doch nur
Der Stoß“ oder die "Hemmung zum Ausdru>X käm, und nach
der "Neborwinduna des "Wirbels wirken die Mächte dor Er-




























x in der>gleichen-Richtung:
„ Ausdruck: der allgemein anerkannten Werte itt tatſächlich. nicht
„mehr möglich, weil mit der Aufnahme „immer neuer und
„einander widerſprechender- Werturteile "die. Zeiten des. Gleich-
» Hangs in. den Schickjalsſtunden des Volkes zu einem immer
„ſelteneren Erlebnis werden. Ein. gemeinſames Bildungsideal

Der Ausbau d
*Bowoguig. hineingezogen und“ Häben je nach dem Anlaß oder:
1 dem Zeitpunkt ilr25: Eintretens: ihr eigentümliches Urteil von
, weiin in Augenblicken: größter (innerer oder Äußerer Gefahr.

i
ziehung für eine glückliche, aber meiſt nar kurze Zeit verſöhnt
c“ "Ein einheitliches, inhaltlich beſtimmtes Bildungsideal als

er Dolksichule.
kann als Aufgabe oder Ziel oder
was orreicht wird, können immer 'nur Annäherungswerte
ſein, weil die :Spannungen zwiſchen den Cebenswerten nicht
aufgehoben werden können und auch in den Stunden eines
gemeinſamen Yolkswillens nicht aufgehoben, ſondern nur über-
ſehen oder zurückgeſtellt oder im Ueberſchwang des Willens
zur Cebensbehauptung vergeſſen ſind. Auch ein Bildungsideal,
das gewiſſe Werte um der Einheitlichkeit willen ausſchiede,
könnte nicht verwirklicht werden, weil die Enge des Einzel-
bewußtſeins im Erzieher wie im Zögling die Ziele in jedem
Sall nioch weiter begrenzt.. Die nächſte ſichtbare Shwierigkeit.
liegt darin, daß es ſich bei der Bildung und Erziehung des
Kindes nicht um die ideale Zielſezung handeln kann, ſondern
um eine Teilverwirklichung in dem vom Kinde geſhauten und
erlebten Wirklickfeitsgebiet, und wie die Wirklichkeit der Nien-
ſchen und der Dinge von “Ort zu Ort verſchieden iſt, erhält
das Bildungsideal von Shulgemeinde zu Schulgemeinde ein
eigenes Geſicht. “ Damit iſt auch diz Einſicht in die lette. und
größte Schwierigkeit gegeben: Die neuen Jdeale des Geſamt-
bewußtſeins können als Bildungsideale er/t wirkſam werden,
wenn ſie formuliert, auf die Wirklichkeit bezogen und in ihr
dargeſtellt oder doch wenigſtens deutlich ſichtbare Verſuche zu
ihrer. Darſtellung gemacht worden ſind. - Der Augenblick:;der
Formulierung und Darſtellung iſt aber als Tatſache der Sorm-
*ſehung der Zeitpunkt der Erſtarrung und zugleich die Gebutts-
jtunde.des dadurch hervorgerufenen gegenſäßlichen Gedankens.
Im Weſen der "Erziehung liegt: aber; daß ſie nur auf dem“
: Boden von Wirälichkeiten geſchehen kann, und ſ», folgt das der
Schüle “als Uüufgabe geſetzte Bildungsideal in deutlichem Zeit-
abſtand der Jdee und dem Werturteil des Geſamtbewußtſeins,
“und die Schule ſteht mit ihren jeweiligen Bildungsidealen
immor auf"der Grenzjcheide zweier Bewegungen, von denen
eine ſchon -Form geworden it und. die nächſte ſich vorbereitet
oder ſchon ſichtbar iſt. „Die Eule der Minerva. beginnt erſt
mit der einbrehenden Dämmerung ihren Slug.“
' Dieſe - Zwiſchenſtellung des Bildungsideals der Schule
wird. in den. Zielen und Plänen für den Ausbau. der Schule
vollkommen deutlich. Entweder wird aus dem Bildungsideal
der Vergangenheit eins ins allgemeine Bewußtſein einge-,
gangene Zielſezung in der Form einer „Berechtigung“ oder.
„Zeife“ übernommen, oder es wird die. Verwirklichung eines
Jdeals geſucht, das eben ert Form werden will.
Es iſt lehrreich, auf den Irrwegen der Pädagogik im
19. Jahrhundert der Entſtehung eines Bildungsideals unter
dem Beariff einer „Berechtigung“ in den Zuſammenhängen
zwiſchen der urſprünglichen Jdee und der allgemeinen gei-
ſtigen Haltung des Volkes zu folgen, um dabei die Elemente
des in. unſrer Zeit entſtehenden neuen Bildungsideals in
Saßz und Gegenſaß zu erkennen.
Die Schule des 19. Jahrhunderts bekam ihre eigentüm-
liche Geſtalt durch den Jndividualiszmus der Auftlärung und
die Gegenbewegung der Romantik und lettlich durch die dar-
„quf-falgeande Herrſchaft. der. Vaturwiſſenſchaſten und..der Wirtz.
ſchaft. Die Aufklärung . verband in ſeltſamer Weiſe Natur
- und Jdee, die. ungehinderte Wirkſamkeit des einzelnen Menſchen .
in Staat „und Wirtſchaft mit der Vorſtellung einer vernunft
- geleiteten. und. verſöhnten Menſchheit. .Sie hat den europäi- .
ſchen Völkern einen unverlierbaren Grundgedanken hinter-
„laſſen: . daß alle „Erziehung in der „Matur“ 7025 Menſchen
Wunſch geſetzt werden;

















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