Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

Ilgemeine Dou 
 
 
 
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Herausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein 
Verlag und Geſchäftsſtelle: Berlin W35, Potsdamer Straße 113, Haus 2. Fernruf: Rurfürſt 8150/8151 
 
 
is 57. Jahrgang 5 
 
 
 
Berlin, den 16. Februar 1928 - 
Verantwortlicher Schriftleiter: Geo Raeppel, Berlin-Lid 
 
terfelde 1, Steinſträße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931 
Dummer 7? 
 
 
 
 
 
Inhalt: Der Ausbau der Volksſchule. =- Das Schulgeſetz ge ſcheitert. - Die Schule mit der Bibel. =- Eine Einheitsſchule oder 
ie die Wiedereinführung der Dorſchule? =- Der Stand der ' Lehrerbildungsfrage in Thüringen. == Rundſchau. =- "Wirt- 
im ſchaftliche Fragen. =- Deutſcher Tehrerverein, =- Verſchiedenes, == Anzeigen, == Als Beilage: Blätter für Schulrecht 
; BUCH 
 
u 2. Die ſozialen und geiſtigen Strömungen. 
=. Es wäre eine leichte Aufgabe," in einer ſpieleriſchen, 
<8 müßigen Stunde für den: Ausbau der Volksſchule einen Plan 
M - zu entwerfen, der den Bildungsgedanken des 19. Jahrhun- 
derts ungebrochen aufnähme und fortſetzte. Der Denker dieſes 
'Planes fände ſogar noch eine weſentliche Erleichterung, wenn 
m “er ſich entſchlöſſe, aus den Plänen der heute beſtehenden acht- 
M ſtufigen Volksſchule alles auszuſcheiden, was als gefällige 
M: Maske das währe Geſicht 'der'Lernſchule verhüllt und ſie als 
= 'Bildungsſtätte erſcheinen läßt, wenn alſo vor ihm als Bil- 
8 'dungäsideal der Menſch der „neuen Sachlichkeit“ ſtände, der 
M: Jein Menſchentum in dem Bewußtſein des äußeren Erfolges 
u erfüllt ſieht und rechnend, abwägend, rüdſichtslos und nüch- 
'Z ; tern den natürlichen Widerſtand der Dinge und die erbitterte, 
„M anoſtvolle Abwehrſtellung der Menſchen durch Technik und 
m Staatsgeſe;z bezwingt. Er ſtände 'vor einer Reihe leicht“ zu 
beantwortender Fragen: Was muß auf jeden Fall als Grund- 
lage der Berufsbildung Lehraufgabe der Dolksſchule bleiben, 
Und was muß die Fach- und Fortbildungsſchule für ſich be- 
anſpruchen >. . Wieviel Wochenſtunden können die Vertreter 
der Wirtſchaft bewilligen, daß der Betrieb nicht ſto>t und 
die gewünſchte Höchſtleiſtung der. Arbeiter und Ungeſtellten 
| doch gewährleiſtet wird? An welcher Stelle des Dolksſchul- 
A “aufbäus müſſen“ weiterführende Klaſſen zur Vorbereitung für 
4. einen. höheren Bexuf abgezweigt: werden, dämit das Ziel mit 
u; einem Mindeſtaufwand- von Zeit und Koſten erreicht wird? 
MB Wieviel Wochenſtunden müſſen nach ärztlichem Urteil für 
M Spiel, Sport und Turnen freigehalten werden, damit der 
= gleichmäßige techniſche Ablauf der Urbeit an keiner Stelle 
mM vurcch menſchliches Derſagen. ſto>t? Zwiſchen den Anſprüchen 
und“ Widerſprüchen wäre die Mittellinie zu ziehen, und der 
Plan ſtände ſauber und fertig da. 
Es iſt Tatſache, daß ein großer Teil unſeres Volkes die 
Dinge ſo ſieht. Man kann auch nicht ſagen, daß der Gedanken- 
ablauf unbedingt in allem falſch Jei; „und -es muß zugegebetn 
Jg werden, daß nicht immer kalte: Eigenſucht und Willkür, ſon- 
Mu: dern auch tiefe, ehrliche Sorge 'um die wirtſchaftliche Zu- 
Mm. kunft des Volkes ſo denkt und ſpricht. Die Not des Einzel- 
ud "nen' und die des ganzen Volkes iſt erdrüdend aroß, und die 
5 berufliche Tüchtigkeit aller und die kraftvoll zuſammengefaßte 
Leiſtung der Volksgemeinſchaft iſt notwendig, um aus dem 
„immer noch drohenden Unheil herauszukommen. 
„Die Neigung, die Schule in dieſem verenaten Sinn zur 
':Verufsſchule auszubauen, iſt nicht etwa eine auf die Volks- 
<hule beſchränkte Erſcheinung, ſondern in der Hochſchule zum 
- „Mindeſten ebenſo deutlich. Vielleicht haben in früheren Zei- 
ten die deutſchen Univerſitäten ihre» Eigenart, Stätten einer 
"Ffroion Forſchung und einer weiten, vom Berufsgedanken nicht 
beengten Bildung zu ſein, überſteigert; vielleicht traf ihr Bil- 
„5 Mgsgedanke, daß es dem Einzelnen möglich ſei, von der 
„freien Weite des Urteils ſelbſtändig zu den beſonderen Auf- 
| nen des Berufs zu gelangen, eben nur für wenige zu, viel- 
Ea hatten. ſie- fich in ihrem Stolz auf die freie, unabhän- 
| IE Wiſſenſchaft von den fühlbaren Aufgaben und Nöten 
' Dolksgemeinſchaft zu weit entfernt. Heute aber, unte! 
| Druck der Tauſende, die im Aufſtieg aus der höheren 
"STM M0 die Univerſität drängen, um eine SEE I 
"ahbähoias für einen einträglichen Boruf und „eine loidlic "u 
: "Ie Lebensſtelluna zu erreichen, zerbrö>elt das altehrwitr- 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
"€ Der Ausbau der Volksſchule. 
dige Bildungsideal der deutſchen Univerſität, ſie zerbröcdelt, zer« 
krümelt ihre Forſchungsgebiete und bietet jedem Sonderberuf, 
=-ſei es nun ein Teilgebiet der mediziniſchen Wiſſenſchaft, 
der Chemie oder der Rechtswiſſenſchaft =- eine mundgerecht 
zuſammengeſtellte Auswahl ihrer Vorleſungen dar. Durch 
das geſamte Bildungsweſen des deutſchen Volkes geht der 
gemeinſame Sug, Bildung in der Form des Wiſſens für den 
Beruf in der notwendigen Begrenzung oder Weite vorzu- 
tragen, und die Unterſchiede liegen eigentlich nur in dieſer 
Begrenzung oder Weite und in dem größeren oder geringeren 
Dwang der Verpflichtung auf das abgeſte>te Gebiet, 1 
Der Gedankengang erſcheint bei einem oberflächlich prü- 
fenden Bli über die wirtſchaftliche Votlage des Volkes und 
die darum unbedingt notwendige Berufstüchtigkeit aller Mit- 
glieder des Volkes auch in ſeinen bis in die Hochſchule rei- 
<henden Auswirkungen als richtig; und doch iſt er in ſeiner ' 
Grundlage falſch und in ſeinen Wirkungen verderblich. Er 
könnte verwirklicht werden, wenn ſich das geiſtige Leben des 
Menſchen ſpalten ließe, ohne es zu zerſtören. Alles Wiſſen 
wirkt aber nur dann im Willen zur ' Form, wenn es nicht 
nur vom Gedächtnis für den Gebrauch bereitgehalten wird, 
ſondern ſchon bei ſeiner Aufnahme als Erhöhung eines von 
der ganzen Perſönlichkeit getragenen Werturteils empfunden 
wurde und nun den Willen zu einer neuen. verfeinerten, ge- 
klärten Lebensform verſtärkt. Lebenseinheit. iſt die tiefſte 
Sehnſucht alles echten Menſchentums, herauszukommen aus 
der gewaltſamen, brutalen Aufteilung des Lebens, „die: uns 
zu einer mechaniſchen, freudloſen Arbeitsleiſtung zwingt und 
darin ſo abſtumpft, daß in dem Verlangen nach ſtärkſter 
Gegenwirkung der. Ekel über die der Maſſe: gebotenen Be- 
luſtigungen, die auch nur der Ausdruc> eines geheizten, ver- 
zerrten Geſchäftsgeiſtes ſind, nicht mehr empfunden wird. Zu 
dieſem“ Wechſel von Stumpfſinn und Gier, führt: die falſch 
verſtandene Berufsbildung, die nicht den ganzen Menſchen er- 
faßt und nicht ein Ausdruc ſeines eigenen perſönlichen Le- 
bens iſt. Die Schule muß Erziehungsſchule, ſein, weil: die Be- 
rUuſsarbeit eben nicht nur eine wirtſchaftliche und rechtliche 
Angelegenheit, ſondern ein Ausdruck perſönlichen Menſchen- 
tums iſt. Mit dieſer Erkenntnis öffnet ſich der Bli> in die 
Tragik der zwangsläufigen Entwieklung, die Unterricht und 
Arbeit, Lehre und Beruf -getrennt -hat.. -Der Einblick iſt 
vielen verhüllt, weil unſere Schulen, Volksſchulen wie höhere 
Schulen wie Hochſchulen, tatſächlich dem Berufsgedanken die- 
nen, ihn aber unter der gefälligen Maske einer „allgemeinen 
Bildung“ verbergen. 7: . ivd 
Die Schule muß Erziehungsſchule ſein, oder ſie zerſtört 
das geiſtige Leben, dem ſie dienen ſoll. Sie übernimmt damit 
als Einrichtung des Staates die Aufgabe der natürlichen Er- 
ziehunasmächte, und das tragiſche Derhältnis, das zwiſchen 
Schule und Beruf ſichtbar iſt, bekommt ſeine volle Schärfe 
erſt durch das Verhältnis zwiſchen Schule und Familie. 
Die wirtſchaftliche Entwiklung hat die ehemals ge- 
ſchloſſenen Lebenskreiſe Zerſtört und aufgelöſt, Stände, Be- 
rufe, Gemeinden und Familien hatten einmal ein eigenes, 
ſelbſtändiges Leben mit altüberkommenen Anſchauungen, Sit- 
ten und Ordnungen. In dieſem geregelten Leben war die 
Erziehung der Kinder eine einfache natürliche Angelegen- 
heit der täglichen Gewöhnung in der Teilnahme an dem. ge-.. 
'meinſamen Arbeitsleben der elterlichen Familie und der Teil« 

	        

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