Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

 
 
 
Allgemeine." D 
t: dem Feiertagsleben in der Ta 
ende "geſchloſſene Gemeinſchaft, 
| umjorgte und. ihm ſeinen feſ 
| <tentkreis zuwies,: war die 
Erziehung, und das Hineinleben 'in di 
meinſc<aft war ein ſo ſelbſtverſtändli 
Aufbegehren und jeder Wilke zum Eig 
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Der unentrinnbare Entwidlung 
Maſchinenzeitalte ; die Menſ t dus der eigenen Werk- 
ſtatt in den Maſchinenſaal und das Bü 15, 7 
bilkgte Fäl 
Hausfrau als un 
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nötigte- die: ver» 
'undert- Arbeiten der 
zeäraubend zur Seite. Das 
eue richtete altes Gewerbe zu 
die Menſchen durcheinander und bvallte fie 
ndelspläßen : und - Fabrikſtädten ohne Rüce- 
| ſionen, Stammeszugehörigkeit, Landsmann- 
ſchaften; Welt» und Lebensanſchautungen zuſammen. Ulle 
Lebenskreiſe überſchneiden ſich jetzt; auch das Dorf, jelbjt die 
einzelne Familie iſt nicht. mehr eine geſchloſſene Cebens- 
gemeinſchaft; in der Großjiadt iſt ihre Auflöſung faſt eine 
Selbſtverſtändlichkeit; die Entwiälung reicht heute bis in' die 
Kleinſtadt und ins Dorf hinein. Die Erziehung iſt nicht mehr ein 
natürlicher Leben5vorgang der ſelbſtverſtändlichen Zucht und 
Gewöhnung; aus den hundertfach ſich überſchneidenden Le- 
benskreiſen dex Ronfeſſionen, Berufe; Lebensanſchauungen, 
Weltanſchauungen, politiſchen Parteien, Gewerkſchaften, Der- 
eine, wirtſchaftlichen Unternehmungen, aus Theater, Kino 
und Nummelplatz ſiürmen tauſendfach die gegenſätzlichen Ein- 
flüſſe auf das Kind ein, zerren an ſeinem 'Empfindungs- und 
Willensleben und verſchärfen die eigentümlichen Züge in der 
Entwieklung des Kindes zum Jugendlichen in verhängnis- 
voller Weiſe. Die Geſchloſſenheit und Einheit des Lebens in 
einer Gemeinſchaft, einſt die YVorausfetzung aller Erziehung, 
iſt jetzt ihr Ziel geworden. 
Die Sdqhule Fonnte vor dieſer zur Auflöſung aller Lebens- 
gebiete führenden EntwiFlung ohne allzu großen Schaden 
Sernjſchule jein, wenn ſie der ſelbſtverſtändliche Autoritäts- 
ausdru& eines natürlichen, geſchloſſenen Lebenskreiſes .war 
und ihre Lehre das Ergebnis einer tätigen "Gemeinſchaft der 
Familie im Beruf. Sie muß heute Erziehungsſchule ſein, 
und damit ſtehen wir vor der ſchwerſten Frage nicht nur des 
Ausbaus unſrer Schule, ſondern auch des Volkslebens. Die 
Familie gibt ihre Erziehungsaufgabe in vielen Beziehungen 
an die Schule ab, die als Dolksſchule wie als höhere -Schule 
noch längſt nicht die Möglichkeiten: gefunden -hat,- der Uuf- 
und ibre Lehre das Ergebnis der tätigen Gemeinſchaft einer 
Lernſchule ihre Urbeit leiſtet, die Familie zur Erziehung 
unfähig iſt und ſo beide verſagen, wachſen die Kinder in tat- 
ſächlicher geiſtiger und ſittlicher Verwilderung auf. “Findet 
die Schule“aber die Möglichkeit, Erziehunäsſchule zu ſein, =- 
and fie hat dazu: keine andere: Möglichkeit, als zunächſt in ſich 
Jekbſt eine Gemeinſchaft zu ſein ==, ſo wird der Erziehungs- 
willen im Volke «geſchwächt, “und die Entwieklung, die einem 
Schaden in: unferm Volksleben -begegnen will, prägt ihn zu- 
nächſt nur ſtärker aus. '. Unſere immer noh ſteigende Erzie- 
hungsnot, unſere zunehmende Sorge um: das Kind, unſere 
Bemühungen, ihm an Stelle der zerbrochenen Gemeinſchaft 
eine neue zu geben, bergen aber eben wegen unſeres -Eifers 
ein tragiſches Verhängnis für das Kind ſelbſt: alle unſere Be- 
mühungen, auf dem geſchichtlich gewordenen Boden der alten 
Fernſchule mit der ihr eigentiunlichen Organiſation eine Ge- 
meinſchaftsſchule zu ſchaffen, müſſen in notgedrungener Weiſe 
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eiwas Erzwungenes, Erkünſteltes bergen und das Kind ſieht 
ſich mehe gepflegt und»umhegt, als-daß es verantwortlich" einen 
Pilic in Gemeinſchaftsleben übernimmt; wir ers 
reichen nicht die freiwillige -Einordnung ſondern wecen deit 
verwöhnten Anſpruch, “ und der' Erziehungdsgedanke irrt ab. 
Die Squle erzieht aber mit ihrer achtjährigen Schül 
pflicht nur bis zu dem entſcheidenden Wendepunkt, da' dent 
Jungen und dem Mädchen die Cebenswiderſprüche eindeutis 
klar zu werden beginnen; es iſt der gefährliche Nugenbli> des 
tiefempfundenen Gegenſatzes zwiſchen einer bisher geglaubten 
Harmonie und einer feindſeligen. Wirklichkeit, die den jungen 
Menſchen mit ihrem Wirtſchaftsmechanismus wie in einem 
Gefängnis feſthält, ihn erdrükt und ſtumpf macht und inden 
gemeinſten Genuß jagt. Nur wenige erleben" ihr Schidſal 
bewußt, aber dieſe Lebendigea-beſtimmen. die: Haltungpyder 
andern, die im Gefühl des ungeheuren Bruchs in ihrer Jus 
gend. und: im Suchen näch einem feſten Punkt in dem Wirrfal 
der Erſcheinungen“ jede "zuverſichtlich vorgetragene wirtſchäft- 
liche Erlöſungsidee "gläubig. aufnehmen und dann» ſchwer in 
den Alltag zurückfinden. Einige zerbrechen daran, die meiſten 
kehren bedingungslos um, und nur die urſprünglich Leben 
digen, die in dem Bewußtſein eines eigenen Wertes fi“ gegen 
die feindliche Außenwelt abkapſelten, dann in der freiwilligen 
Abkehr und Beſchränkung auf eine Kampfſtellung die Un- 
möglichkeit der Verwirklichung erlebten, kehren mit dem Wila 
len zur Vergeiſtigung in den Alltag zurüs. 
Der hier für die Jugend und die- Jugendbewegung kurz 
gekennzeichnete Vorgang wiederholt ſich in alien Kämpfen 
um ſoziale oder geiſtige Befreiung, mag es ſich um die Bos 
freiung der Arbeiterklaſſe oder eines Beruſs oder der Frau 
handeln: das erwachende Wertbewußtſein führt zur UbFkapſe- 
lung und Kampfſtellung, in der die eigentümlichen Werte Ven 
AuUswirkung entzogen werden und zurüctreten, bis ſie nac? 
der erfolgten Gleichſetzung in der ganzen Weite eines neuen 
Daſeins -wirkſant werden: Was erſt als Auföſung erſchien, 
zeigt ſich nun als neue vergeiſtigte und erweiterte Lebensform. 
In dieſe gewaltigen Wandlungen des Volkslebens iſt die 
Volksſchule hineingeſtellt. Ulte Formen des Berufs- und Ge- 
meinſchaftslebens löſen ſich, neue wirtſchaftliche und geiſtige 
Bindungen werden ſichtbar. Arbeitsvorgänge werden mechani= 
ſiert, an anderer Stelle wird das Menſchentum aus ſtla- 
viſcher Arbeitsart befreit. Die Entwi>lung der Technik ſchafſt 
neue Berufe mit höheren Anforderungen, während altehr- 
würdige Berufe bis auf kümmerliche Reſte für Hilfeleiſtungen 
an den Maſchinen verſchwinden. Inu der Auflöſung aller 
Lebenskreiſe entſteht eine neue freiere Sittlichkeit; war ſie 
einſt geſichert durch die Sitte und Ordnung einer geſchloſſe- 
nen, feſten Gemeinſchaft und im Herkommen gebunden, ſo 
iſt ſie nun ſelbſt erworbene eigene Art, und an die Stelle der 
eben nur duldenden Toleranz tritt mit der Einſicht in die 
gegenſeitige Abhängigkeit die hilfsbereite Verantwortlichkeit. 
Die“ Volksſchule ſteht vor gänzlich neuen „Aufgaben, die 
von manchem Lehrer nicht geſehen oder gefliſſentlich Über= 
jehen werden. Viele ſehen jiur Auflöſung, und Zerſtörung und 
wollen mit alten Formen den Damm gegen Veberflutungen 
bilden. Undere glauben genug getan zu haben, wenn ſie ein 
neues Gebiet in den Lehrplan der alten Lernſchule hinein- 
nehmen. Es handelt ſich um mehr, um grundſätzliche Aende- 
rungen. . Die Beziehungen zum Beruf und zur Familie, zum 
einzelnen Kinde und zur Volksgemeinſchaft müſſen neu durch» 
dacht werden. Die neuen Aufgaben erfordern eine andere Urk 
unſerer Unterrichts- und Erziehungsarbeit und einen neuen 
Aufbau. 
tenftreis 
„Das Schulgeſetz geſcheitert.“ 
59 verkündete am 9. d. M. mit großen Lettern die „Ger- 
mania und führt dazu folgendes aus: „In den maßgebenden 
„Ureiſen des Sentrums iſt man der Auffaſſung, daß das 
Reichsſhulgeſetz als geſcheitert angeſehen 
werden muß, nachdem die ſeit einiger Zeit ſchwebenden 
Swiſchenverhandlungen ergebhnistos verlaufen ſind und 
eine Ausſicht auf Aenderung der für das Zentrum in ent- 
Feheidenden Grundſatzfragen . völlig untragbaren Ergebniſſe 
„der erſten. Ausſchußleſung nicht mehr zu beſtehen. ſcheint. 
Nachdem ſich geſtern äbend der Vor ſtand der Fraktion ein- 
gehend mit der Sulfrage beſchäftigt Hat, wird heute die 
- raktion ſelbſt Stellung nehmen. Sie wird ſich darüber 
dar werden Ain: welche Folgerungen ſie aus dieſer 
Cage ziehen will. Daß die von der Deutſchen Volkspartei her- 
'beigeführten für das Zentrum unannehmbaren Verp» 
änderungen des Regierungsentwurfes nicht ohne politiſche 
VücFwirkung bleiben können, darüber wird man ſich doch: 
wohl in den beiden Rechtsparteien nicht im Zweifel ſein. 
Wenn der“ großen kulturpolitiſchen Nufgabe, deren Löſung 
dieſer Koalition ganz beſonders zugewieſen war, infolge des 
NAusbrechöns einer Partei ein Erfolg nicht beſchieden iſt, ſo 
muß davon das Koalitionsverhältnis notwendig betroffen 

	        

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