Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

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x. AM. aber. erfahrungsgemäß, werden. gewöhnlich nur. die- Belaſtungs 
mömente hervorgehoben. Was lernen wir daraus? ' Die Not» 
wendigkeit, daß ſchon im Ermittlungsverfahren ein zweiter 
Sachverſtändiger hinzugezogen wird, der möglichſt einer anderen 
„Schule“ angehört. Das iſt ſchon deshalb gut, weit dann dem 
Gericht die Derantwortung zufällt, nicht aber dem einen Sach» 
verſtändigen. Daß ein ſachkündiger Verteidiger unverzüglich 
ſchon im Ermittlungsverfahren tätig ſein muß, nur nebenbei. 
Als ich in Hirſchberg im Laufe des Prozeſſes einen jungen 
Juriſten fragte, wie ex über den Fall denkt, da ſagte er, daß 
die Zeiten der C. C. C. (der peinlichen Halsgerichtsordnung 
Kaiſer Karls V. vom Jahre 1552) vor ſeinem Auge auſſteigen, 
wenn er an die von Moll vertretene univerſaliſtiſche Auffaſſung 
der Hypnoſe denke. Er fügte hinzu, daß das kleinſte Liebes- 
abenteuer zum verſuchten NMotzuchtsakt gedreht werden könne, 
wenn ſich der Hypnoſebegriff nach Möolls für die Strafrechts- 
pflege unbrauchbarer Auffaſſung allgemein durchſetzen ſollte. 
Ein Mädchen hat nur nötig zu ſagen, daß ſie wie gelähmt ge- 
weſen ſei, als der Liebhaber ihr ſich näherte. Der Hypnoſe- 
begriſf. iſt ja bei Moll an ſich ſo vielgeſtaltig, daß 3. B. ein 
einmaliges Streichen am eigenen Körper des Hypnotiſierenden 
genügt! Der verdächtige Lehrer braucht alſo nur die eigene 
ſchweißtriefende Stirn geſtrichen zu haben, oder ſich etwa über 
das Knie fahren, ein Kind „fixieren“ (was jeder Lehrer nach 
alter Regel tun ſoll, wenn die Diſziplin wankt und gröbere 
Mittel noch Zurügeſtellt werden) uſw. uſw., ganz gleich, nach 
Molls Theorie, die ſich als Nuswuchs der Nancyer Schule dar- 
ſtellt, genügt ein Griff, genügt ein Blik, wenn nur = ſelbſt 
unterbewußt (!) = das Schulkind weiß, daß ein „Hypnotiſeur“ 
vor ihm ſteht. Alſo nun gibt es auf einmal auch auf Seite der 
heftigſten Unti-Okultiſten unterbewußte Erkenntnis! 
„Und mun der Unfug mit dem „Zypnotiſeur“. Jeder iſt 
Hypnotiſeur, wenn er einer Somnambulen gegenüberſteht. 
Jeder Mediziner hat die paar techniſchen Dinge in 14 Tagen 
weg. Prozeſſe wie die gegen Erichſen tragen dazu bei, den 
Aberglauben zu ſtärken und die primitiven Schichten des 
Seelenlebens übermächtig werden zu laſſen. 
Wenn der Entwurf, zum neuen Strafgeſezbuch einen 
ſolchen Schritt wagt, wie den der Gleichſezung der Hypnoſe 
mit Gewaltänwendung, dann ſollten doch vorher alle Sachver- 
ſtändigen Deutſchlands zu einem Kongreß verſammelt werden, 
um dent Geſetzgeber an die Hand zu gehen. Dr.- Richard Baer- 
wald hat in einem Schreiben an mich ausdrü&lich auf den 
Unſinn hingewieſen, die. leicht geſteigerte Suggeſtibilität, wie 
ſie jeder Redner erzielt, jeder reiſende Kaufmann, jeder einen 
Krankenbeſuch machende Urzt, als Hypnoſe zu betrachtet. Er 
betont die Unmöglichkeit, ſolche „Hypnoſe“ zu verbieten und 
hebt beſonders hervor, daß ſtrafrechtlich nur die tiefe Somnam- 
dulhypnoſe in Frage komme mit ausgeſprochener Willens- 
lähmung und mit Amneſie (Erinnerungsloſigkeit) nach dem 
Erwachen. ; ; 
Wenn nicht Dritte Zeugen des angeblichen Hypnotiſierungs- 
vorganges waren, ſollte ſtets in hypnotiſcher Selbſtbeſinnung 
der Dorgang aufgeklärt werden. Auch das genügt allerdings 
noh nicht, weil die pathologiſche Lügnerin, in der Hypnoſe 
ſchwindelt wie im Wachen. 
Es iſt ein aroßer Mangel, daß das Gebiet der Hypnoſe 
vielen Richtern und Staatsanwälten ein unbekanntes Gebiet 
iſt. Nur wenige (letzlich Jvers) haben die Problematik erkannt 
und fordern klare Abgrenzung zwiſchen dem Hypnoſebegriff des 
Pſydhotherapeuten und dem des Juriſten. Sollte tatſächlich 
der Fall eintreten, daß der Reichstag die Formel: Hypnoſe 
gleich Gewaltanwendung übernimmt, dann iſt für älle Straf- 
richter eine wenigſtens 6 Monate dauernde Unterweiſung in 
der Tiefenpſyc<hologie mit beſonderer Berüc&ſichtigung der Hyp- 
noſe mit zahlreichen Experimenten notwendig, : 
- Die Lehrer an Mädchenſchulen haben ein befonderes Inter» 
eſſe daran, daß Fälle wie die des Rektors Fran> ſich nicht 
wiederholen. Ungeheuer große Gefahren erwachſen ja ſchon 
im Rähmen des geltenden Strafrechts aus dem uferlos. weiten 
Begriff der „unzüchtigen“ Handlung. Der Entwurf bringt 
eine ganze Reihe neuer Sexualdelikte! 
Und nun noch dies: Der Lehrer- hüte ſich, mit ſeinen 
Kindern zu experimentieren. Er vermeide es auch, als Heil- 
pädagoge mit ſpezifiſcher Suggeſtion und mit Hypnoſe zu 
„ardeiten. Dr. Grebe in Holzminden darf für andere mit ae- 
 
 
Allgemeine Deutſche 'Cehrerzeitäng, 
ringeven-Qualitäten: kein» Beiſptel- ſein; Sprachteideinde"hypno . 
pädagogifh zu“ beeinfluſſen. ) ? ER ; 
Wer = wie Molt'ü. a. == Suggeſtion und Hypnofe beinahe. 
gleichſetzt =- wird im Einzelfalle als notwendiger Folge ſeiner 
Einſtellung bei reinem Gewiſſen und unverletztem Sachver- 
ſtändigeneid zu einer Konſtruktion kommen, daß Willenloſigkeit 
aus 8 176 und 8 177 vorlag, vielleicht auch gar Bewußt 
loſigkeit: 
Wenn die Hypnoſe als ſtraſverſchärfender Umſtand erſt in 
die Seelen der 67 Millionen Deutſchen eingedrungen ſein wird, 
dann dürfte es Prozeſſe bezw. Ermittlungsverfahren in dieſer 
Sache zu Tauſenden geben. Ein rachſüchtiges oder aber phan- 
taſtiſches Mädchen braucht nur zu ſagen, der Lehrer N. NU. hat 
mich ſeinerzeit „fixiert“ und „unſittlich“ berührt, und meine 
willkürlichen Bewegungen (Molls 1. Hypnoſegrad) waren ein- 
geenagt. Schon geht's hinein ins Ermittlungsverfahren, in die 
Koſten, in den Ruin der Exiſtenz und der Ehre; denn dem An- 
geſchuldigten glaubt man ja nur. ſelten, 
Der Prozeß Erichſen iſt lehrreicher, als es ſcheint. 
Preußen. 
Der am 28. und 29. Dezember in Magdeburg verſammelte 
Geſamtvorſtand des Preußiſchen Lehrervereins nahm ein- 
ſtimmig ' folgende Entſchließung an: 
„Der Geſamtvorſtand des Preußiſchen Lehrervereins iſt 
über die neue Beſoldungsordnung bitter enttäuſcht. 
Als ein beſonders ſchweres Unrecht muß die Minder- 
bewertung der Volksſchularbeit empfunden ' werden, wie ſie 
durch die überaus hohe Spanne - zwiſchen den Gehältern der - 
VDolksſchullehrer und denen der Studienräte zum Ausdru> 
kommt. 
In der ſiarken Bewertung der verſchiedenſten Sonder 
gruppen erbli>t der Geſamtvorſtand eine ſachlich nicht gerecht- 
fertigte Differenzierung des einheitlichen Lehrerſtandes. 
Die hohen Amtszulagen für Schulleiter bedeuten eine nicht 
zu rechtfertigende Ueberbewertung der verwaltungstechniſchen 
Nrbeiten im Schulbetrieb und eine Geringſchäzung der Exr- 
zieher- und Bildnerarbeit des Lehrers in der Sule. 
Die im D.D. G. vom 17. Dezember 1920 gegebene Niög= 
lichkeit, für einen Teil der Lehrerſchaft das Gehalt des Rektors 
zu erreichen, iſt durch die neue Beſoldungsregelung zunichte 
gemacht worden. ; 
Der durc die Beſoldungsneuregelung erfolate Nbbau der 
örtlichen Sonderzuſchläge iſt ſo übereilt und rücſichtslo5 vor- 
genommen worden, daß große Teile der Lehrerſchaft in der 
wirtſchaftlich ſchweren Zeit beſonders hart getroffen und um 
jede Aufbeſſerung gebracht worden ſind. 
Der trotz eifrigſter Bemühung des Geſchäftsführenden 
Ausſchuſſes dennoch eingetretene Mißerfolg im Kampfe um 
eine gerechte Beſoldung der Lehrer darf uns aber nicht klein«= - 
mütig und verzagt machen und zu gegenſeitigen Anklagen 
verleiten. E 
MIE" STÜURNdE. VTELTTNDT eU CUNNULITDUN SG 
kampffreudicges Zuſammenſtehen. äallex 
Cehrerz dennnüur dasſfichertüns den Erfolas 
Oſtpreußen, 
Auf dem Wegezur Rekatholiſierung. Zn der 
Provinzialſynode Oſtpreußens, die in Königsberg tagte, wurde 
die Vorlage des Provinzialkirchenrats auf. Verlängerung 
des Konfirmandenuntervrichts angenommen. Danach » 
ſoll dem Konfirmandeonunterricht ein Yorbereitungsjahr ange» 
gliedert werden, ſo daß derſelbe nun einen zweijährigen Lelrgang 
aufweiſt. Die Fachvertreter der Volks» und Mittelſ+Hulen 
ſtimmten gogen die Vorlage, weil eine Kürzung des Schul= . 
unterrichts unausbleiblich iſt. Der Generalſuperintendent führte - 
zu dem bedoutſamen Veſchluß aus, daß es nun Pflicht aller, 
Gemeinden und Erziehungsberechtigten ſei, ſich von der NVot- 
wendigkeit der Durchführung dieſes Beſchluſſes zu überzeugenl 
Die Geiſtlichen des Kirchenkreiſes Cabiau beantragten ſogar , 
den Erlaß eines provinzialkirchlichen Geſekes, nach dem Rinder 
zum Konfirmandenunterricht'nur dann ange; 
nommen: werden dürfen, wemr ſie den Nachweis erbringen. 1555 
daß ſie inden Jahren vor dem Konfirmanden«, 
unterricht regelmäßiganeinem Kindergottes- 
dienſt teilgenommen haben. Ferner müßte jede, 
Kirchengemeinde 'allſonntäglich Rindergottesdienſt abhalten. 
Während der Teil 2 dem Provinzialkirchenrat zur Zerüc- 

	        

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