Herausgegeben vom Deutſthen Gehrerverein
-Derlag und Geſchäftsſtelle? Berlin WZ5, Potsdamer Straße 113, Haus 2.
Leo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſträße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931
Verantwortlicher Schriftleiter:
57. Jahrgang
der Volksſchule.
Wirtſchaftliche Fragen. =
Inhalt; Dürer in
Berlin, den 29.
=. Kultar- und Schulpolitik im Reich
Verſchiedenes, =- Anzeigen. =-
Sernruf: Kurfürſt 8130/81531
SZ
Duymmer 13
März 1928
Ein 300 000 Mark-Almoſen:
Als Bäillage: BüHerſchau Rr. 2.


a... = Rundſchau,
Dürer in der YVolksſchule.
Dr.
Wir ſtehen im Zeichen der Gedenktage deutſcher Großer.
Ix die Schulen wird jedesmal eine Feier oder mindeſtens
Gedenkſtunde angeſetzt. «Das iſt an ſich recht ſchön, aber es
ſcheint mir die Sache am falſchen Ende anzufangen. Denn eine
ſolche Feier hat nur Sinn, wonn ſie aus der Volksſtimmung
ſelbſt. herauswächſt, und dann kann ſie wirklich „Feier“ ſein.
Und es iſt ſicher nur vecht, wenn dann (ſinnvoll aber eben
nur dann) die Schule an der allgemeinen Yolksfeier teilnimmt.
S5 wie es heute iſt, ſoll die Schule feiern, aber es bleibt ohne
jeden Widerhall im Volke. Und das iſt ſinnlos. D. bh. nicht
das iſt ſinnlos, daß man dor Schule ſagt: Gedenfe du wenig-
ſtens der großen Deutſchen. Daß man das ſagt, iſt ein großer
Fortſchritt gegen früher; denn früher ſagte man der Schule fo
etwas nicht, weil man von den großen Deutſchen ſelbſt nichts |
hielt, wenn es nicht zufällig Herrſcher waren. Alſo, daß
man jeßt die großen Deutſchen ſieht und ſie alle geehrt
wiſſen will, ganz gleich ob ein König oder ein Schulmeiſter
wie Peſtalozzi, ein Kurfürſt oder ein“ Schuſter wie "Jakob
Böhme, (den man =- nebenbei = leider der Schule anzuſagen
vorgeſien Hat, troßdem er gerade auf. der Schule des arbeiten-
den Volkes zum Stein und Lebensführer werden kann, wie
* Yaum ein zweiter) = das iſt'ein großer Fortſchritt. Aber ich habe
unmer das. Gefühl, daß der Wille, der vorhanden iſt, über gute
Anſätze nicht recht hinaus konunt, weil man fich auf Neuland be-
findet und zu zag iſt, ganze Arbeit zu machen. Man begnügt
fich mit einer Kerbe, wo man unabläßig einen Keil hinter dem
andern hertreiben müßte, um zum Ziel zu kommen.
Don einem Manne wie Peſtalozzi war vor kurzem überall :
die Rede, zum mindeſten in den Schulen. Iſt jemand der
Neberzeugung, daß er damit. zum Volksholden. geworden iſt? ;
Und doch gehört er in die Reihe derer, die es worden müſſen,
foll unſere Erziehung. zur Volksgemeinſchaft Sinn haben. Und
er iſt ohne weiteres auch den Maſſen zugänglich, dem er iſt
vine? dex arößten doutſchen Propheten." Vicht ſeine bahu-
brechenden Jdeen auf dem Schulgebiet machen ihn dazu
(demn die packen das Yolk nicht.) Wohl aber anderes. Und
19 allein der Gedanke: Dor Mütter heilige Pflicht iſt es,
das Rind den rechten Weg ins Loben zu weiſen und ihm die
Waffe für den Ledbenskampf mitzugeben. (Gewiß es läßt ſich
manches dagegen ſagen; heute find die Schichten der Yolks-
ſchuleltern in der Maſſe vielleicht nicht befähigt dazu. Aber
jollte das micht daran liegen, daß man früher dieſe Fähigkeit
hie ausgebilder hat?) Und abgeſehen von dieſer Wahrheit,
die wir uns hout noch nicht zu eigen gemacht haben; das ganze
Keben Peſtalozzis, einfach) und ſchlicht dargeſtellt, iſt in all
ſeiner jelbſtloſen Liebe, und all ſeinen Fehlſchlägen ein ſo er-
I 1Sn8e: Bild der Wirklichkeit, daß gerade den Aernſten der
ME und Entorbten kaum etwas gegeben worden kann, das
EE föfſeſt wb das ihnen mehr Halt für das Leben gibt.
KR 2 [ der Peſtalozzigedenktag mit ſeinen Schulfeiern nicht
tie Dand im Winde verwehen, Aufgabe der Erziehung werden
müſien, mun in jedes, deutſche. Kindosherz den ſelbſtloſen
„„Narren“ Poſtalozzi Hineinzuſeen als einen Ceitſtern für's
Keben. Und wie »mit ihm, ſo muß es mit manch“ anderem
„Iroßen Deutſchen geſchehen. EE REEGR 23
5 iſt für "die deutſche Geſchichte goradezu kennzeichnend,
dak in dem Angenbli>, wo der große lebende Führer fehlt, Ab-
ted lich, Berlin.
aründe ſich auftun, wie ſie kaum ein anderes Volk je durchzu-
machen hatte. Warum? Weil bei uns die großen Toten tot
ſind. Wer hat auf der höheren Schule mehr. als allenfalls
Namen und Daten von ihnen gehört? Wer hat früher auf der
Yolksſchule, durch die doch 4/; des deutſchen Yolfes gehen,
auch nur die Namen gehört? Das beſte, was die deutſche
Volksſeele geſchaffen hat, was für die Zeiten der Not ein Schaß
bilden ſollte, wie ihn kein anderes Volk aufzuweiſen hat, lag
in Truhen, vergeſſen, verroſtet, vom eigenen Yolke ungekannüt.
Und gerade die Erziehung des ganzen Volfes 'an dieſeit
Größten, in denen ſich ja das Beſte unſeres Yolkes kriſtalliſiert,
kann allein imſtande ſein, zur Volksgemeinſchaft zuſammenzu-
ſchweißen, insbeſondere dam wenn wie bei uns. der. Fall,
viele diejer "Großen aus» den einfachſten Schichten Hexvor-
gegangen ſind. Das weiſt der Erziehung neue Wege: die
Größten und Beſten, ihr Weſen und Werk muß Eigentum des
ganzen Yolfes werden. Das beſagt bei Beethoven nicht etwa,
daß auf der Yolfksſchule zum Verſtändnis Beethovenſcher
Muſik erzogen werden ſoll. Nein, die Maſi macht's nicht,
die kann ſogar völlig. fehlen, denn der Ausdru> der Großen
iſt nicht das Weſentliche, ſondern ihre Perſönlichkeit. 18
- Und die „Neunte“ wäre nie entſtanden, wem nicht der
gigantiſche Kämpfer, der „dem Schiſal in den Rachen griff"!
gewoſen wäre. Wie der Rieſenmenſch Beethoven, der Shi» '
ſalkämpfer, auf ein deutiches Kind im dritten (!) Sq4mljahg
wirken kann, zeigt folgende wahre Erfahrung eines Lehrers.
Es war den Kindern der Beethoven, der ſich durch entſeßliches
Ceid zum Licht durchkämpft, gezeigt worden, ſchlicht und einfach
wie eine Kindererzählung. Bald darauf wird eins der Kinder
durch. einen Unglücksfall zum Krüppel. Fragend einmäl
ſtreicht der Lehrer, der ſich über die Art, wie das Rind ſein
Schifal trägt, wundert, dem Kind über die Haare und gibt
ſeinem Deorwundern Ausdruck. Da antwortet der kleine Kerl:
„Der Ludwig hat. no vielmehr aushalten müſſen.“ Hier war
Beethoven Lebensführer geworden.
Wir haben in einer Arbeitsgemeinſchaft von Volksichul-
lehrern und -[lehrerinnen verſucht, auf die einfachſte Nrt Luther
(1. Schuljahr), Beethoven (5.), Bach - (4.) den Kindern zu-“
gänglich zu machen. Die ondgültigen Ergebniſſe und ge*
machten "Erfahrungen ſind in“ leinen Wegweiſer Heften (bet
Dürr, Leipzig) niedergelegt, in einem Lutherheft und eineny
Boothoven-Bachheft. Nach den Berichten beſchränkt ſich die -
über alles Erwarten tief greifende Wirkung nicht auf die
Schule, ſondern greift auch auf die Eltern (meiſt Arbeiterbe-
völkerung) über, die um Rbende baten, an denen ſi? dasjelbe
hören wollten, wie ihre Kinder. Jett iſt ein Peſtalozzi =-
Jakob Böhm Heft fertig geworden. Es wäre zu wünſcheit,
daß "man dieſe Stoffe überall probiert. Ein Jahrzehnt metho
diſcher“ Arbeit an dieſen Stoffen wird noch ganz andere Er-
gebniſſe zu Tage fördern, als ſie dieſe erſten Verſuche haben"
können. : JEIN |
Soweit zum Verſtändnis des Folgenden. Jekt ſtehen wir“
wieder vor einem Gedenktag. Diesmal iſt's ein - Künſtler:
Dürer. Einen bildenden Künſtler zum Eigentum des ganzen
Yolkos zu machen, iſt vielleicht ſchwerer.“ Wenn ich auch alaub
daß die Dürerſche Urt, wenigſtens in ſeinen bekann

Bildern, dem unverbildetem Volke zugänglicher ib als
N

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