Nigemeine Deutſc
. Serausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein
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Verantwortlicher Schriftleiter: Leo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; FSernruf: Lichterfelde 5951




57. Jahrgang
Berlin, den 3. Mai 1928
Nummer 18

Inhalt: Der Pädagogiſche Kongreß Berlin 1928. = Die Schule im Wahlkampf. = Elternbeiräte, == Oſterverſammlungen. =- Ein
Kongreß in Luxemburg über Zweiſprachigkeit. =- Rundſchau. =- Wirtſchaftliche Fragen. =- Verſchiedenes. =- Anzeigen,

Der Pädagogiſche
WEIN der praktiſchen Schularbeit der Gegenwart wird der.
Fünſtleriſchösn- Erziehung der 'Kinder gegen früher
erhöhte Aufmerkſamkeit geſchenkt. Das prägt ſich nicht nur
darin aus, daß unſere Großſtadtjugend oder wo ſonſt ähn-
Liche Möglichkeiten beſtehen mehr als ſonſt in Nluſeen, zu
Muſikvorführungen und - Theatervorſtellungen geführt Wir;
ſondern der Unterricht ſelbſt wird in den dazu geeigneten.
Fächern künſtleriſch betont erteilt," um die Kinder zum , künſt-
leriſchen Erfaſſen und Erleben. zu führen und ſie anzuregen,
ſolbſtgeſtaltend tätig zu ſein, falls Anlagen und. Kräfte ' dies.
geſtatten. So war es ganz natürlich, daß ein Kongreß, der
ine Weſensſchau über die neuzeitliche „Volfsſchule zu geben
beabſichtigte, an dieſer Aufgabe der Jugenderziehung nicht
achtlos vorübergehen konnte.“ Am zweiten Cage ſprach daher
Nedierungsdirektor Preßel als erſter zu dieſer Frage über
„Künſtleriſche Erziehung auf dem Geb ee der
deütſchen Sprache und Dichtung M Der Vortra-
gende erkannte an, daß es: nicht mehr nötig ſei, ein Wunſch
bild zu malen, ſondern daß bereits in vielen Schulen der Ge-
danke der künſtleriſchen Erziehung auf dem Gebiete der deut»
ſchen Sprache und Dichtung Anerkennung und forgſamſte Pflege
gefunden habe. Die früheren Leſebücher, die bei der Aus-
wahl der Stoffe künſtleriſche Geſichtspunkte überhaupt nicht
beachteten, ſeien verſchwunden. - An ihrer Stelle ſtänden
Ganzſchriften, oder wo doch Leſebücher verwendet würden,
Handle: es ſich um wirklich wertvolle Coſewerke, in- denen der
guten“ deutſchen Dichtung. ausreichend Naum gegeben ſei. Doch
bor Coſeunterricht ſelbſt bedürfe ' einer fortſchreitenden Neu-
geſtaltung. Das Ceſen müſſe zum Vortrag, zum Selbſterlebnis,
zum ſelbſtſchaffenden » Unterricht werden. Der dramatiſchen
Dichtung“ gebühre ceine. ndch ſtärkere“ Beachtung. 'Im münd
lichen! wie: im ſchriftlichen“ Ausdruck' werde die je:bſtſchöpfe-
riſche und darſtellende : Betätigung gepflegt.
Wann eine ſprachſchöpferiſche Tätigkeit des Kindes vor-
liegt und wie - es dazu änzuregein iſt, das zeigte Dr. Leo
Weisntantel uns in ſeinem Vorträge“ „Die jprachſchöpfe-
riſche Geſtaltung“. des Rindes“. Die Ausdrucksnot iſt nach
ihm Vater. und Mutter der: Schöpfung. Wenn Kinder für
lebende Gegenſtände“ 'und Handlungen * ne uo, eigenartige
Worte prägen, geſtalten ſie ſprachſchöpferiſch. Lernen - die
Kinder im Unterricht- geſprochene und gereimte Worte ' von
wirklichen; lebenden Sprachſchöpfungen unterſcheiden, ſo wer-
den“ ſie-:auch „angeregt, ſelbſigeſtaltend " während: eines "Erlebs
niſſes tätig zu ſein. . An einigen, treffend gewählten Beiſpielen.
verſuchte der Dichter ſeine Hörer zu diejer Erkenntnis zu brin-!
gen, was ihm nach unſerer - Beobachtung auch gut- gelang.
Ob. die Mehrheit 'der Kinder auh dahin wird geführt werden
können? . Recht" iſt dem Redner darin zu geben = und diſe,
Auffaſſung wird in. der . deutſchen Lehrerſchaft längſt allge-
mein geteilt =-, daß. der Cehrer, der mit ſeinen Kindern ver-
ſtändlich ſprechen will, mit dem ſprachſchöpferiſchen Dichter und
Künſtler gehen muß und nicht mit dem Wiſſenſchaftler und,
Rechtsgelehrten. EE
4 Die Saite der künſtleriſchen Erziehung wurde noF in den
Yorträgen von "Geh. Oberregierungsrat Prof. Dr, Pällat

Kongreß Berlin 1928.
(Schluß).
über „Die bildneriſche Erziehung" unter beſonderer,
Borückſichtigung des ZSeichenuaterrichts, der Nadelarbeit und
der Werkarbeit und von Prof.: J8d 6. über „Muſikal 1] dhe
Erziehung“. zum „Klingen, gebrächt.- Prof. + Dr. Daklat
; ſtellte feſt, "daß .die Kunſt erſt ſehr ſpät in die Yolksſchule ein-.
gezogen „ſei, -daß' beſonders Vertreter des jungen. und rin-
' genden Künſtlergeſchlechts aller Runſtrichtungen Former und.
! Bringer auf - dieſem Gebiet waren. y
! Entwicklung iſt nach ihm gegeben, wenn eingehendes Natur- und.
Eine weitere fördernde
Kunſtſtudium. das" Auffaſſungsvermögen. und die ſelbſtſchöpfe-
' riſche Geſtaltungskraft der Kinder bildet, und das eigene,
; Können und Wollen künſtleriſch eingeſtellter
( Cohrer wegwei-
ſend mithilft. '
Mit liebevoller, hingebender Wärme wußte Prof. Jöde
für ſeine , „Muſikaliſche Erziehung“ zu werben und Fand bei
ſeinen Zuhörern begeiſterte . Zuſtimmung: Singend kommt das
Leben auf das Kind zu und erfüllt den Menſchen mit hollen
und dunklen Klängen. Das erſte Muſikerlebnis iſt oft das
tiefſte Kindez=erlebnis. Der Cehrer bemüh?2 ſich, Nuſik dem
- Rinde als ein Geſchenk zu geben, wie man ein gutes. Märchen
ſchenkt. . Oft wird im Herzen der Kinder jedes muſikaliſchie
Erleben ertötet, weil der Erziehungswille ſtärker iſt als das
muſikäliſche Miterleben und Mitgehen in Cachen, Freude und!
Srohſinn. Der Cehrer von heute muß mit den Kindern lachen,
ſpielen, ſingen und dabei arbeiten können. Der Lehrer iſt der
- Schlüſſel, der. dem Kinde die - geheimnisvolle Welt 'der ZUL
erſchließt. - Mit Beethoven muß der Erzieher denken:
Muſik iſt eine höhere Weisheit als alle Philoſophie.
Dankbar muß es begrüßt werden, daß es nicht bei dem
theoretiſchen Dortrag geblieben iſt, ſondern an zwei Tagen
zeigte die von Prof. Jöde geführte Muſikgruppe in der Praxis,
wie“ die neue Muſikerziehung mit allen ihren beſonderen Er-
ſcheinungsformen fruchibringend zu geſtalten iſt und letztens
einem Ziele frommt: der deuwtſchen- Muſik, dem deut-
ſchen Liede zu dienen. Manche ſtarke Anregung wird von
Die
dieſen Stunden hinausgehen in viele Schulſtüben nicht mv
deutſchen Landes. ;
. Im Suſammenhang mit dieſer Vortragsreihe ſei der Aus-
führungen Direktor W. Günthers über „Film und Licht-
' bild im Dienſte der Volksſchule“ gedacht. " Wenn auch u. E.
beim Film und Lichtbild „unmittelbarſte Beziehungen zur lünſt= .
leriſchen“ Erziehung nicht beſtehen, ſo wollen wir andererſeits
dem Redner 'gern zugeſtehen, daß gute Reproduktionen =- als
Erſaßz = in beſchränktem Maße der Uebermittlung künſtleriſcher
Auffaſſung und Bildung wohl dienen können. Doch der Haupt-
zwe dieſes heute ſo notwendigen Unterrichtsmittels dürfte -in
der- Vertiefung des Sachwiſſens liegen, .was der Vortragende
auch» betonte. Jn einer: ſorgfältigen Auswahl von Bildern
„und Filmſtreifen „wurde dem ſchlechten, ungeeigneten Bild VASE
gute, . techniſch ſorgſam ausgeführte Bild gegenübergoeſtellt,
das allein für den Unterricht in Frage komnien kann. Es wird
noh beſſer werden, wenn nicht nur der Photograph und Silm-
fachmann über Aufnahme und Herſtellung entſcheiden, ſon
dern wenn auch Lehrer, Wiſſenſchaftler und Künſtler KE
* wirken, "Seinem Wunſche, daß Lichtbild und! Lehrfilm 1
EE EIER HSIIT 4 bh 7

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