Volltext: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

 
 
 
Allgemeine De 
 
 
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Sernruf: Kurfürſt 8150/8154 
 
57. Jahrgang 
Berlin, den 21. 
 
1928 Nummer 
 
Juni 6 
 
     
Inhalt: Ausbau der Volksſchule. =- Rundſchau, == 
030253 NT LARI 
Wirtſchaftliche 
Anzeigen. = Als Beilage: Blätter für Schulrecht Ur. 6. 
   
ZEE 
Fragen. = Deutſcher Lehrerverein, === Verſchiedenes. == 
 
Ausbau der Volksſchule", 
Don AU. Günther, 
Die Frage eines weiteren Ausbaues der YDolksſchule ſteht 
it diejer Faſſung zum erſtenmal auf der Tagesordnung einer 
unſerer großen Derſammlungen, und dem FSernſtehenden könnte 
es - ſcheinen, als db der. Deutſche Cehvrerverein dieſer Frage 
bisljer keine Bedeutung beigemeſſen habe oder ihrer Erörte- 
rung aus irgendwelchen Gründen aus dem Wege gegangen 
ſei. Dergegenwärtigen wir uns aber den Jnhalt unſerer Der- 
bandsaufgabe, dann umſchließt ſie. eine ſchier unüberjehbare 
Fülle von Einzelfragen und Forderungen, zu denen der Deutſche 
Loehrerverein im Laufe der Jahre Stellung genommen und 
denen er zuletzt im Jahre 1919 in ſeinen Schulforderungen 
einen wuchtigen Ausdruck gegeben hat. Die Aufgabe „?ius- 
bau der Yolfsſchule“ iſt in der Tat der große Ceitgedanke, der 
die geſamte auf Hebung der Volksſchule gerichtete Arbeit des 
Deutj hen Lehretvereins vom Tage ſeiner Begründung bis 
Heute ſtrahlend überwölbt. ' Zu jeder Zeit war in ſeinen" Müt- 
gliedern ein kräftiger Aufbauwille lebendig. Das Wunjſch- 
bild der Volksſchule, wie ſie es ſehnfüchtig geſchaut batten, 
wollten ſie verwirklichen helfen, das hundertjährige „Haus 
des Unrechts" niederlegen und eine neue Volksſchule bauen, 
würdig ihrer hohen Beſtimmung und würdig ihres Trägers, 
des deutſchen Dolkes. . So ſtehen wir heute vor einer Aufgabe, 
an "die der Deutſche Lehrerverein ſeit bald 69 Jahren ſeine 
beſte Kraft gewandt hat, und wir treten an ſie heran in jener 
Grundſtimmung, der Rainer Maria Rilke in ſeinem Stunden- 
buche einen ergreifenden Ausdruc> gegeben hat: 
- jr Wir bauen an dir mit zitternden Händen, 
und wir türmen Atom auf Atom; 
“ äber wer kann dich vollenden, 
diu Dom.“ 
R 
An die Spitze meiner. UAusführungen möchte: ich ein 
„Wort + eines : der lebendigſtein : Denker » unſerer * Zeit, - des 
früheren badiſchen Kultusminiſters und Staatspräſidentein 
Dr. "Hellpach ſtellen, der die Zzeitgeſchichtliche Cage 
jm * ihre Erforderniſſe -. wie wenige kennt. „ZU <>fei- 
nem" Buche „Die Weſensgeſtalt der deutſchen Schule?) 
ſchreibt er: „Wir ſtehen vor einer ungeheuren," bedrückenden, 
ja erſchre>enden und unabſehbar verpflichtenden Erfahrungs-' 
tatſache: ſeit einem. Menſchenalter iſt die deutſche Dolksſchul- 
bildung auch für die handarbeitenden Klaſſen unzulänglich 
geworden. Unzulänglich in ſtofflicher, unzulänglich in tech- 
niſcher und unzulänglich in ethiſcher Hinſicht.“ Dieſer erſchüt- 
ternden Feſtſtellung vermögen wir aus unſerer Erfahrung 
ernſtlich-nichts entgegenzuſetzen. Der Grundfehler im Aufbau 
der Volksſchule, der ihre Entwidlung ſeit Jahren gehindert 
und ſie nicht zur Entfaltung ihrer Kräfte hat kommen laſſen, 
liegt klar zutage. Die Volksſchule hat in der Kulturgemein- 
ſchaft unſeres Dolkes nicht die Stellung, auf die ſie als 
„ällgemeine ſtaatliche Bildungsanſtalt Anſpruch hat, und ent- 
ſpricht in ihrer“ herkömmlichen Erſcheinungsform weder der 
gegenwärtigen Kulturlage nach den Forderungen, die ſich aus 
„ihrer“ Beſtimmung ergeben. „Noch trägt ſie in allem den Zu- 
ſchnitt. eines verſunkenen Zeitalters. Wir ſehen ſie in be- 
n ?) - Vortrag. auf. der 56. -Vertrotorverſanimlung des Deutſchen 
Löſſrovvpereins vom 28.--30,- Mai d. Is,-in Braunſchweig. ? 
A)7.016"/ 1. We 09: 625 ; 
 
 
 
 
ſhämender Ubſeitsſtel 
in geiſtiger Enge, mißachtet 
Wort von der Schule zweiter Klaſſe und das and 1 
von "der geiſtigen... Urmenpflege, auf die ſie ſich- zu beſchränken 
babe, haben noch immer bei ihren VYerächtern Geltung. Ull 
die hoffnungsvollen - Anſätze einer inneren Erneuerung, die 
hingebende Arbeit der Lehrerſchaft, die Bemühungen der Be- 
hörden um ihre Förderung haben an dieſer ſchidſalhaften 
Unzulänglichkeit der Dolksſchule nichts zu ändern vermocht. 
Veber den Ernſt der Lage dürfen wir uns keiner Täuſchung 
hingeben: die Dolksſchule in Stadt und Land beſitzt nicht das 
allgemeine Dertrauen, deſſen ſie für ihren ſchweren Dienſt an 
Unſerer Jugend und unſerem Volke unbedingt bedarf; ſie 
leidet an Ueberalterung, an innerer Derarmung und an einem 
hieraus zu erklärenden Rückgang ihrer Leiſtungshöhe. Ein zeit- 
und kulturgemäßer UAusbau der Yolksſchule, darüber kann an 
keiner Stelle ein Zweifel beſtehen, iſt dringend notwendig. 
Swei ernſte Fragen drängen ſich uns hier auf: Wie hat 
es dahin kommen können, daß die Dolksſchule, dieſe Segens- 
ſtätte unſeres Volfes, das geiſtige Vaterhaus der großen Mehr- 
zahl unſerer Dolfsgenoſſen, an innerer Kraft, Würde und 
Geltung ſo ſehr Einbuße erlitten hat? Und die andere Wie 
kommt es, daß der neue Volksſtaat für die dringend nötige 
Erneuerung der Dolksſchule bisher ſo wenig getan hat ? 
Es liegt mir fern, in dieſer Derbindung eine Schuldfrage 
aufrollen zu wollen. Es handelt ſich um entwicklungsgeſchicht- 
liche Tatbeſtände, gegen die wir die Augen nicht verſchließen 
dürfen. Die“ Völksſchüle hatte eigentlich nur in ihren erſten 
Jugendtaägent, in Preußen zur Zeit . der Stein, Humboldt, 
Süvern, das Glü&, ſich gemäß der ihr einwohnenden JZdee 
der allgemeinen Hienſchenbildung frei geſtalten zu können. 
Damals entſprach ihre Erſcheinungsform ganz dem Geſamt- 
 
„leben unſeres Dolfes; ſie wurde genährt und getragen von 
den gleichen Grundſätzen wie die YVolksgemeinſch«ft, und ſie 
war wirklich, was ihr Name beſagt, die Schule des Yolkes 
und die Schule zum Dolf -- Dolf in jenem großen und weiten 
Sinne als Jnbeariff und Weſensausdruc> der Mation. Schon 
früh wurde dieſe Entwicklungslinie abgebogen und das Weſen 
der Dolksſchule durch die ihr aufgedrängten äußeren Zwed- 
ſetzungen verfälſcht. Yon verhängnisvoller Wirkung war es, 
daß. in der Frühzeit der deutſchen Volksſchule Staat und 
Dolf völlig auseinander gingen. Das Bevormundungsſyſtem 
des vormärzlichen Polizeiſtaates laſtete ſchwer auf der Dolks- 
ſchule und ihren Lehrern. Den Machthabern galt der große 
Gedanke Peſtalozzis von der Emporbildung aller als ſtaats- 
gefährlich, und ſo deuteten ſie den Sinn der Dolksſchule um 
und beſchränkten ihre Aufgabe auf die Uebermittelung elemen- 
tarer Kenntniſſe und Fertigkeiten. Es entſtand die Übernüch- 
terne, unſrohe, ganz auf nütßliche Kenntniſſe geſtellte alte 
Elementarſchule. Zu dieſer Art Schule hatte das gebildete 
Bürgertum kein inneres Derhältnis mehr; ſie wurde die Schule 
der kleinen Leute und verlor den Zuſammenhang mit dem 
fortſchreitenden geiſtigen Leben. Die Stiehlſchen Regulative 
ſind der Tiefpunkt in der Lebenslinie der Volksſchule. Der 
Staat hatte die Dolksſchule aufgegeben. 
Ein noch. ſchmerzvolleres Verhängnis brach etwa drei Jahr» 
zehnte ſpäter über die Yolksſchule herein, als unſer Volk ſeine- 

	        

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