Volltext: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

Allgemeine Deutſche 
BSerausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein 
Verlag und Geſchäftsſtelle: Berlin W35, Potsdamer Straße 113, Haus 2. FSernruf: Kurfürſt 8130/8151 
Yerantwortlicher Schriftleiter: Leo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Cichterfelde 3931 
Nummer 2 
bz. Jahrgang 
Berlin, den 28. Juni 
1928 
 
Inhalt: UAuslandsdeutſchtum und Schule. = Die Texte unſerer Do 
e Deutſcher Lehrerverein, == Verſchiedenes. =- Anzeigen, 
Wirtſchaftliche Fragen. =- 
ENIE 
eder: = Deutſche Schußardeit in Zahlen, =- RundſHhan. = 
 
Die Nummern 28 bi3 32 leitet Herr H. Roſin. . Alle für die Schriftleitung beſtimmten Einſendungen 
Find zu richten an die Allg. Deutſche Lehrerzeitung, Berlin W 35, Potsdamer Straße 113; Haus 2. 
 
Auslandsdeutſchtum und Dchule. 
Von Otto 'S hulz. 
Der Volksſtaat und die ihn innerlich vorbereitenden Jahre 
des Krieges haben dem Worte Dolk einen neuen Sinn ge- 
geben. Wir haben in dieſer ſchweren, notvollen Zeit, da wir 
alle gleich laſtendes Schikſal trugen, das Volk gleichſam wie- 
derentde>kt; wir haben es mit anderen Augen ſehen gelernt. 
; Wäre etwa von eineinhalb Jahrzehnten, im letzten Vor- 
kriegsjahre, eine Erklärung des preußiſchen Staatsminiſteriums 
möglich geweſen, wie- ſie kürzlich zur Regelung des polniſchen 
Müinderhieitenſchulweſens erlaſſen worden iſt? Und zeigt ſie 
nicht deutlich die Wandlung in den UAnſchäuungen von Volk 
und Yolkstum? ; 
Gewiß hat die Welle gemeinſamen Fühlens, die int 
Auguſt 1914 über das Volk hinflutete, viel dazu beigetragen, 
das „Dolksbewußtſein“ zu weken und zu ſtärken. Aber 
mehr noch hat, wie es mir ſcheinen will, in dieſer Richtung 
die Tatſache gewirkt, daß das Yolk ſelber ſeinen Staat baute, 
ihn erneute und feſtigte. Dieſe Tatſache hat das volkliche 
-Selbſtbewußtſein außerordentlich gehoben, ja es eigentlich erſt 
möglich 'gemacht. : 
- Volfliches Selbſtbewußtſein haben wir nicht nur im po0- 
litiſchen Sinne gewonnen, im Sinne der Gleichheit aller 
Yolfksglieder als Staatsbürger und verantwortliche Träger 
des Staates, ſondern auch im geſellſchaftlichen Sinne, im 
Siins der Zuschörickeit zum. YD olk, im Sinne der? 
Alngelörigkeit zu einer blut- und kulturverbunde- 
nen Menſchheits gruppe, deren Teile überall in der 
Wolt die gleichen Weſenszüge tragen und die, zum min- 
deſten im lezten Jahrzehnt, überall in der Welt im Grunde 
gleiches. 5S Hikſal trugen. Man iſt, um dieſen Sinn 
zu kennzeichnen, verſucht, an das altdeutſche Wort „diutisk“ 
zu erinnern, aus dem ſich der Name „deutſch“ entwickelt hat, 
iind das nichts anderes als die Zugehörigkeit zum ZDS 
ausdrücken wollte. ; . 
Dieſes volkliche Selbſtbewußtſein konnte der dynaſtiſche 
Territorialſtaat nicht erzeugen. Und er konnte es auch nicht 
brauchen. Er kannte „Untertanen“ und allenfalls „CL amn- 
dSeo'skinder“, um auch dieſen Ausdruck, der ſich ſchließlich 
Hauptſächlich in. Schulleſebüchern noch fand, zu erwähnen; 
er kannte „Bevölkerung“. Volk war Bevölkerung, und 
6: die herrſchenden Rreiſe die Mittel- und Unterſchicht der 
Bevölkerung. Im Verhältnis zum Staat war es Obert 
Dieſe Auffaſſung findet ſich ſogar noch in der Reichs- 
verfaſſung vom 16. April 1871, die ſich politiſch doh ſchon 
eine andere Wertung des Volkes zu . eigen gemacht hatte 
als etwa die abſolute Monarchie. Nach ihr war das Deutſche 
Reich bekanntlich ein Bund der Fürſten, oder genauer: 
ein „ewiger Bund“, den der König von Preußen im Namen 
der Fürſten des Norddeutſchen Bundes mit den ſüddeutſchen 
Fürſten ſchloß; ein Bund „zum Schuß des Bunde s gebiets 
und des innerhalb desſelben gültigen Rechtes ſowie zur Pflege 
der Wohlfahrt des deutſchen Volkes“, : 
(Das “Bundes gebiet = der Beſitz - der Fürſten = iſt 
„hier die Hauptſache; da= Volk iſt-Objekt der ſtaatlichen Wohl 
fahrtspflege. Die- Fürſten! ſchaffen *den - Staat> das Reich. 
- 
 
Sie werden in der Präambel zur Reichsverfaſſung von 1871 
folgerichtig an erſter Stelle genannt. 
Nnders die volksſtaatliche Reichsverfaſſung 
von 1919! Sie beginnt mit den ſtolzen Worten! „Das 
deutſche Yolk“. "Der Volksſtaat, wie er in Weimar neu 
geordnet wurde, iſt der Bund des Volkes, die volitiſche 
Selbſtorganiſation des Volkes. Volk iſt in jeder Beziehung 
der Oberbegriff; nicht Staat, Gebiet oder gar Fürſt. 
Die Präambel dieſer Verfaſſung iſt der AusdruXk volklich poli- 
tiſchen und geſellſchaftlichen Selbſtbewußtſeins. ; ? 
Damit iſt es ſchon ausgeſprochen, daß „Volk“ ein Swie-, 
faches bedeutet: einmal ſchlechthin Staatsvolk und als 
ſolches das Subjekt der ſtaatlichen Ordnung, den Träger | 
der politiſchen Selbſtorganiſation; zum anderen iſt es eine 
naturgegebene geſellſchaftliche Größe, iſt es 
der von der ſtaatlichen Organiſation und den politiſchen Gren= 
zen unabhängige Menſchheitszweig, der. in ſeinem Wachstum 
und Weſen geformt iſt durch Scholle und Schickſal, Kultur 
und Geſchichte. Volk in dieſem Sinne iſt nicht ze. tlich begrenzt, 
iſt nicht nir Gegenwartserſheinung; „Dolf“, das 
ſind nicht nur die gegenwärtig lebenden, das ſind auch die 
Geſchlechter der Vergangenheit, deren Erbtum 
die. Gegenwärtigen in ſich tragen,.deren Erbgut ſie verwalten 
und weitergeben an die Kommenden: Volk iſt auch Zukunft: 
Volk; das-iſt-wie ein Strom, deſſen. Quellen. im Dunkel - vor- 
zeitlichen Urwalds liegen, der ſich ſeinen langen Weg durch 
die Zeit, durH das Land der Geſchichte bahnt und. der. dem 
Meere der Ewigkeit zueilt, wonn er nicht vorher in tauſend 
Rinnſale ſich auflöſt und verſandet, verſumpft, vertrocknet. 
Yolk iſt Leben. ; ; ' 
Und „Volkstum“ iſt lebendiger Stamm, iit gemeinſames 
„Weſen“; iſt gemeinſame Sprache, gemeinſame Sitte, auf 
gleichem Grunde erwachſenes Kulturgut. Und iſt damit etwas 
Objektives, über den zeitlichen Trägern Lebendes, in ſie lin- 
ein, durch ſie hindurch Wirkendes. Iſt über dem Natur- 
haften ein Geiſtiges. 
Auch dieſer Sinn des Wortes Volk iſt uns = nicht zu- 
leßt durch“ das Erleben des Rrieges '=- mehr und mehr zu 
eigen geworden. Das zeigt ſich deutlich ſchon in der For- 
mulierung des Artikel 148 der Reichsverfaſſung von Weimar, 
der allen Schulen das Siel ſteckt, 
„ſittliche Bildung, ſtaatsbürgerliche Geſinnung, perſönliche 
: und berufliche Tüchtigkeit im Geiſte des deutſchen 
Volkstums und der Völkerverſöhnung. zu erſtreben“. 
-Dieſe Yorbeſinnung auf den Inhalt des Begriffes. „Lolk“ 
erinnert uns gleichzeitig . daran, daß Volk und : Staat ihrem 
Weſen 'nach" verſchiedene Gebilde ſind, .die wohl zuſammen 
fallen Xnnen, aber nicht müſſen. “ Iſt das Volk das naturz 
haft. Gegebene, vonder Zeit und der politiſchen Daſeinsform 
Unabhängige,“ das- ſein. eigenes, naturgeſeßlich. beſtimmtes Le- 
ben hat, ſo iſt der Staat die gewollte politiſche Organiz 
ſation eines auf beſtimmtem und örtlich und zeitlich begrenztem 
Raum lebenden Volkes, das "auch 'aus verſchiedenen Volks? 
jümern ſich zuſammenſeßzen käm. u 4 5 

	        

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