Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

 
Allgemeine, „Deutſche. Celvepzeitung. 
: lagen: :-Und. von der. Deutſchen Volkspartei 
en die Meinungen über die noch nicht geregelten Fragen 
hutaufficht, der Einfichtnähme in den Religionsunterricht 
er Simultanſchule fo grundfätßlich, ſo entſcheidend, ſo 
auf letzte Gründe führend herausgearbeitet, daß der vc 
auf die geſekgeberiſche Arbeit iHauende Shulmann von ſolchen 
Darkeaungen zur Sache, zu den Problemen nur befriedigt ſein 
Und ſich der Zuverſicht hingeben konnie, daß die aus politiſchen 
Gründen im den Entwurf gekommenen Beſtimmungen und 
Forderungen an der pädagogiſchen Einſicht der 'Schulſachver- 
kändigen aum im Reichstagsausſchuß eine umüberwindbäre 
Sdqzranfe finden würden, ſofern eben nur erziehunaswiſſeit» 
fehoftliche Gedanken, nicht politiſche, nicht taktiſche, nicht zeit- 
dienliche Erwägungen maßgebend ſein würden. Wir ſahen, 
daß die Zugeſtändniſſe, die dem Zentrum und den Deutſch- 
Nationalen vorher genamMt worden. wareir und zu erheblichen 
Verſchlechterungen des Entwurfs geführt hatten, noch nicht 
eine volle Kapitulation vor den Feinden der“ Shulhöheit des 
Staates, der vollausgebauten leiſtungsfähigen Volksſchule und 
der Freiheit der pädagogiſchen Arbeit waren. Und wir hatten 
ein Recht, auf den immer noc< möglichen Steg des päda- 
ein Nebt, auf den immerx* noH möglichm Sieg des päd- 
agogiſchen Gedankens über die nur politiſche 
Zu hoffen! ; 
Die Kerzen des Weihnachts=baumes waren noch nicht aus» 
gebrannt, als die PDvItrrfT er in die Gedankenauseinander- 
Jezung der pädagogiſch eingeſtellten Neichstagsabhgeordneten 
ihrer Fraktionen eingriffen: dem. Spiele der nur aus der 
Soche und dem Fache kommenden Erörterungen und Verhand- 
lungen muß eine feſte Fauſt ein Ende bereiten; der pädagogiſche 
Wortwechſel über geordneten Schulbetrieb, über Leiſtungskraft 
des ſächſiſchen Schulweſens feit der Zeit des Uebergangs- 
geſetzes, über den Segen der Gemeinſchaftsſhule in den fo 
genannten Simultanfſchulländern und andere Schulleuten 
wichtig ſcheinende Dinge, der unter den ſchulfundigen Mit- 
äliedern des Bildungsausj<uſſes hin und her wogte, mußte 
geſchloſſen werden; die einſt gefaßten „Vereinbarungen der 
NRegierungsparteien“, von denen man bei Ausärbeitung und 
Einbringung der Vorlage nach dem Zugeſtändnis der politiſchen 
Erklärung zum Geſetze ausgegangen war, hatten“ zu reden, 
zu beſtimmen; zu entſcheiden. -Es ſetzte das Trommel feier 
intierfraktionetler Verhandlungen eein;.an.den 
internen Beſprechungen -der Schulſachverſtändigen. der Regie- 
rungsparkeien nahmen die Fraktionsvorſitzenden teil : der Worte 
find genug gewechſelt, jezt muß die Tat der 88 14--19 kommen. 
Es mußte eine Einiaung insbeſonder2? über den Hauptſtreit- 
punkt der Einſichtnahnme in -den Religions- 
unterricht erfolgen und.die Anſicht der Volkspartei, daß. die 
Aufſicht über den Religionsunterricht nur dem Stäate"gehöre. 
überwunden werden. Boelitz hat einſt geſchrieben: „Der 
Staat muß ſich das Aufſichtsrecht im. volliten Umfange voör- 
“behalten“; der Miniſter a. D. , von Richter Hatte von der 
„Unaenügenden Wahrung der Staatshoheit über die Schule“ 
in dieſem Entwurf geſprochen; unter Teilnahme führender 
ti außen 
Volksparteiter war jener Satz in der Entſchließung der „Libe- 
Xalen Dereinigung“ angenommen worden: „Der Ent- 
wurf verletzt die Freiheit und das Derantwortungsgefühl der 
rerſchaft und gibt die Hoheit des Staates an andere. Mächte 
, die beſtrebt ſein werden, den Willen der Erziehvngs- 
<tigten ihrer Botmäßigkeit zu unterwerfen“; ja die 
onalliberale Korreſpondenz“ hatte noch 
6. Januar 1928 geſchrieben: „Das Problem der Einſicht- 
nähme in den Religionsunterricht hat in 8 16 des Entwurfes 
eine KSöſung asfunden. die der Deutſchen Volkspartei nicht 
die richtige zu ſein ſcheint. Tradition mund kulturpolitiſche 
Einſtellung der" Deutſchen Volfspartei widerſprechen einer 
Löfung, die, wenn auich nicht beabſichtigt, in ihrer Nuswirkung 
jedoch zur Wiederkehr der geiſtlichen Schulaufficht führen 
könnte. Eine ſolc<e Löjung würde auch den wirklichen JInter- 
eſſen der Kirche widerſprechen, insSbeſondere dann, wenn man 
bedenkt, daß Tauſende und Abertaufende - von Lehrern die 
Erteiluna des Religionsunterrichts ablehnen würden, wenn 
"S t6 des Entwurfs in der vorgeſchlagonen Form Geſetz würdo.“ 
Gegen dieſe Anjehaummmaen der DVolkspartei, die ſich durch 
andere Ausfprüche und Zeugniſſe noch vermehren laſſen, 
wußten die interfraktionellen Beſprechungen vordringen, 
Das Ergebnis“ der vielſtündigen Unsſprachen liegt. vot. 
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Nr. 3 
Wir weiſen auf den Wortlaut der Paraoraphen hin, die. ait 
anderer Stetie dieſer Nummer unſerer Zeitung veröffentlicht 
ſind. Es iſt alfo als weſentlichſtes beſchloſſen, 
daß bei Beſetzung dor Stellen der unmittelbaren fachmänniſch 
vorgebildeten Schulauſſichtsbeamten auf die Urt der ihnen 
unterſtellten Schuken nach Möglichkeit. Rüd&ſicht ZU 
nehmen ift, 
daß in die örtlichen Schulverwaltungskörper für Schulen, 
an denen Religionsunterricht ordentliches Lehrfach iſt, 
je ein Geiſtlicher der entſprechenden Religionsaeſellſchaft 
aufzunehmen iſt, 
daß den Religiönsgeſellſchaften Gelegenheit zu geben iſt, 
ſich davon zu Überzeugen, ob der Religionsunterricht in 
Uebereinſtimmung mit ihren Grundſätzen erteilt wird; 
daß die zuſtändigen oberen Stellen der Religionzgemeint» 
ſchaften zu dem Zweek das Recht dex Einſichtnahme in den 
Retigionsunterricht haben, das nicht dem Ortzaeiſtlichen 
als ſolchem übertragen werden darf. 
Jederx- einzelne. .Berufsgenoſſe: mae = 
unter abermaligem Hinweis auf den genauen Wortlaut auf 
Seite 55 unſerer - Zeitung dvoJe Säke in "ULLE 
So0vgfalt und: Gränvdlichkt eit prüfen und ihre 
Folgen durchdenken Es kommen aus dem Lager der 
Volkspartei wie der anderen Regierungsparteien Beruhiaunas= 
worte: die geiſtliche "Schulaufficht kehre damit nicht wieder, 
da ja das Recht der Einſichtnahme dem Ortsgeiſtlichen „als 
icht übertragen wird; eine kluge Religionsgeſellſchäft 
werde das unter allen Umſtänden vermeiden, daß je der Orts? 
geiſtliche als Einſichtnehmer auftrete. Wenn Worteeinen 
Sinn haben, ſo iſt doch klar, daß die Worte „als 
ſolchem“ es nicht ausſchließt, daß auch der Ortsgeiſtliche als 
Vertreter der oberen Stelle das Recht der Einſichtnahme erhält. 
Hat demn der Ortsgeiſtliche früher „als“ ſolcher“. oder als 
Organ der Kirche und in ihrem Auftrage die Einſichtnahme 
iR „oder die Aufſicht über den Religionsunterricht»ausgeübt?, 
Die früher der Kirche zuſtehende „Leitung“ war nicht ein 
Necht, das einem einzelnen 'Geiſtlichen ohne weiteres zuſtand ; 
„es iſt jedoch in der Regel und ſo lange die kirchlichen Oberen 
ein anderes Organ dazu nicht beſtimmen, der geſetzlich beſtellte 
Ortspfarrer als das zur „Leitung berufene Organ - zu be- 
trachten“. "Danach Hät anch der Ortspfarrer früher nicht 
das Recht der „Leitung“ =- ſo hieß der techniſche Ausdruc> =- 
als. folcher- beſeſſen. Wir. müſſen daher nach gewiſſenhafter 
Prüfung, dieſes Satzes.kkar. und deutlich ausſprechen, daß damit 
die. .MögliMkeit der alten.geiſtlichen Orts- 
aufſicht wieder gegeben iſt. Geſetzesbeſtimmungen 
kann man nicht dadurch abmildern wollen, daß man ſagt, die 
Nusführung werde nicht ſo ſcharf und bis in die letzte Konſe- 
quenz erfolgen; ſelbſt wenn es die heutigen Männer der 
Kirchenbehörden wollten, ſie können nichts verſprechen und 
keine Garantie geben, daß ſpäter nicht - doch die heute von 
ihnen nach ihren Ausjagen nicht gewollte Vebertragung auf 
joiMCH- 
-.den Ortsgeiſtlichen nicht als ſolchem, aber auf ihn wegen 
feiner beſonderen Befähigung, ſeiner hervorragenden Eignung, 
ſeiner Bewährung oder was ſonſt immer erfolgt. - Es hilft 
nichts: der beſchloſſene Satz läßt dieſe Möglichkeit zu; alle 
anderen Einſchränkungen in dieſen Paragraphen geben 'keine 
Gewähr, daß nicht auch -- ſei es in einem Falls, in mehreren 
Fällen, in hundert Fällen: die Fahl iſt nicht das Entſcheidende, 
ſondern das Prinzip -=- der Ortsgeiſtliche als Vertreter des 
Generaljuperintendenten, des Superintendenten, des" Biſchofs 
in der Schule erſcheint und Einſichtnahme in den Neligions- 
unterricht nimmt. Nuch die Tatſache darf nicht überſehen 
werden, daß hier von den „oberen Stellen“, nicht von 
den „0 berſten Stellen“ der Religionsgemeinſchaften die 
Rede iſt, die das Recht der Einſichtnahme haben. 
Von den ſchweren Folgen ſolcher Beſtimmungen ſoll ſpäter 
gſprochen werden; für heute begnügen wir uns mit den tat- 
ſächlichen Feſtſtellungen. Dieſe Beſtimmungen ſind möglich 
g2woehen nur. durch das Nachgeben und S.ux7 üd»- 
woichen der Dolkspartei: Wir haben nicht zu unter- 
ſuchen, wie innerhalb der Volkspartei dieſes Nachgeben zuſtande 
getommen und möglich geworden iſt; die Nufklärung darüber 
werden die dieſer Partei angehörenden Berufsgenoſſen ver- 
langen, Und wir find feſt überzeugt, daß aus den KRreiſen 
der vollsparteilichen Lehrer aller Schulgattungen ein Einſpruch 

	        

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