Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [1. Halbjahr] (57.1928, [1. Halbjahr])

 
 
Nr. 3 
und Widerſpruch kommen wird, der auch bei der Leitung nicht 
Unberü&ſichtigt bleiben kann, br 
Wir haben noh den Paragraphen 16 a ZU „betraten, 
nach dem in den Gebieten des-Reichs, in denen ein QUſammen?- 
Wirken zwiſchen Staatsbehörden und Religionsgeſellſchaſten 
Hinſichtlich der Einrichtung oder der Teilung des“ Stiengionz>- 
Unterrichts in der Volksſchule dur< Geſetz oder Vereinbarung 
feſtgelegt iſt, es bei dieſer Regelung verbleiben kann. Auch 
hier woat der Streit über die Ausleguna und Auswirkung 
dieſes Satzes: ſind damit Vereinbarungen oder geſetzliche Rege- 
Jüngen gemeint, wie ſie in einzelnen Ländern jeit 1920 erfolgt 
ſind, 3, B. in Heſſen-Darmſtadt, in Oldenburg, in Schleswig- 
Holſtein, oder aber gilt das auch ſür das vom Bayeriſchen 
Staat mit der römiſch-katholiſchen Kirche abgeſchlojjene 
Könkordat und die Verträge mit der evangeliſch-luthe- 
riſchen Candeskirhe und mit der pfälziſchen Candeskirche? 
Es kommt abermals nicht darauf an, was einzelne Mitglieder 
des Bildungsausſchuſſes damit meinen, ſonderin nur darauß, 
Was jezt oder ſpäter aus dieſem Saß herausgeleſen werden 
muß und kann; es genügt dabei an die Tragödien zu erinnern, 
die“ das deutſche Volk ſeit 1919 bis heute bei der UNuslegung 
dor. Verfaſſungsartikel der Reichsverſaſſung über die Schule 
erlebt hat. Wir ſind“überzeugt, daß eine Auslegung auch das 
Konkordat mit einbeziehen kann oder wird. Das läßt die ganze 
Frage in einem andern Licht erſcheinen: Bayern iſt bekanntlich 
das erſte Tand geweſen, das ſeit der Neuregelung der ſtaatlichen 
Vorhältniſſe" ſeine Beziehungen zu den Kirheoit. im Wege des 
VUebereinkommens geregelt hat; es hat ſeitdem harte und 
ſcharfe Uuseinanderſetzungen darüber gegeben, ob ſich der Jn- 
halt des Konkordats mit dem der Reichsvorfaſſung det oder 
nicht. Sechs namhafte Juriſten haben feſtgeſtellt, daß der 
Inhaltdes Konkordatsinmehreren DUNDTIETÜU 
in Widerſpruchzur Verfaſſung ſtehe und daß keine 
Deduktion ihn mit ihr in Einklang bringen kann. Es ſei dabei 
auf das Gutachten von Prof. Unſchüß „über die bayeriſchen 
Kirchenverträge - von 1925“ in Ur. 9 des Jahrganges 1925 
der Allgemeinen Deutſchen Tehrerzeitung hingewieſen. Von 
hier aus ſind die Bemühungen des Zentrums zu verſtehen. 
WOS FP UA TL+Een dES Re iM Sj ch ul geſehent> 
wurfes nam dem Dorbild des Konkordats zu 
bringen und dadurch beſtimmte Konkordatsſätßze auch 
nachträglich reichsgeſeßlich MU LANTITOM Tt € > 
EE nn: Bei der Beurteilung der letzten Entſcheidungen des 
Bildungsausſchuſſes muß auch dieſer Geſichtspunkt. ins Auge 
gefaßt werden. Das Reichsſchulgeſetz ſoll nach dem Wunſch 
giner Partei weſentliche Schulbeſtimmungen des Konkordats 
 
Allgemeine "Deutſche Cohperzeitung. 51 
reichsgeſetzlich gewährleiſten. Die Honfkfördatsfrage 
fehtauf! 
E Entſcheidung ſteht noch aus: die Einigung über 
ven 8 25, der von der AufrehterhaltungderSimuls 
zanſchuleindenSimultanſc<hul ländern handelt. 
Die Volkspartei hat ſich ſeit langem darauf feſtgelegt, daß 
das Fortbeſtehen der. Simultänſchule* in dieſen Ländern 
dauernd im Geſet feſtgelegt werde. Das Zentrum will 
gerade durch das Mittel des Reichsſchulgeſetzes die Simultan- 
ſchule dieſer Länder aus ihrer Alleinſtellung werfen und damit 
etwas durchſetzen, was ihm aus eigener Kraſt in den Ländern 
ſelbſt nicht gelingt. Die Deutſchnätionalen ſind in der ſeltſamen 
Cage, daß ihre Parteigenoſſen in dieſen Gebieten die unbedingte 
Erhaltung der Simultanſchule fordern, während ſie im Reiche 
Gegner dieſer Schulform überhaupt, ihrer Dorrangsſtellung 
und erſt recht ihrer Alleinherrſchaft ſind. Alſo Gegenſäße, 
Widerſprüche. Die Politiker der Regierungsparteien wollen 
auh hier ſo ſchnell als möglich die Dereinbarung herjtellen. 
Und abermals ſetzt der Angriff auf die Volfkspartei zum 
Nachgeben und zur Waſffenſtre>ung ein. Und abermals 
lieat die Entſcheidung über eine Frage von 
ungeheurer Bedeutung ſür unſere Schule bei 
der Volkspartei. Wird ſie einen neuen VUebergangs- 
vertrag ſchließen oder bei ihrer Anſicht und Forderung bleiben; 
wird ſie kapitulieren aus den berühmten politiſchen Gründen 
oder ihrem Grundſatz treu bleiben? Schwere Entſcheidungen 
bringen die nächſten. Tage, zumal mit dem Schidſal dieſer 
letzten Paragraphen auch das Schidſal des -Reichsſchulgeſetz- 
entwurfes im Reichstag verbunden iſt. Wir haben nicht zu 
prophezeien und Mutmaßungen über die Haltung der Dölfs- 
partei anzuſtellen; aber wir haben die Pflicht, in allem Ernſt 
und mit allem Nachdrutauf die Entſcheid um: 
gender kommenden Tage hinzuweiſen, äuf alle 
FSolgen, die mit ihnen für das Scidſal des Reichsſchul- 
geſetzentwurfes und das Schi>ſal* der deutſchen Volksſchule 
untrennbar verbunden ſind. Natorp hat 1906 ſeinen Aufruf 
geſchloſſen: „Das deutſche Volk „wird uns nicht dauernd im 
Stich laſſen. Gäbe es ſeine Schule preis und den Geiſt, in 
dem ſie einſt gegründet und ſeither erhalten worden, ſo gäbe 
es ſich ſelbſt auf und alles, was es in der Welt zu bedeuten 
hat. Das iſt nicht zu beſorgen; es ſchläft nur jetzt: man wird 
es weten müſſen. 
Dazu wirke jeder an ſeinem Platze?" 
Wirwiederholeninernſteſter Stunde: Dazu 
wirke jeder an ſeinem Platze! 
 
 
Gegen don Reichsſchulgeſetzentwurf. 
Su einer Kund gobung gegen den Schulgeoſokentwurf 
Gatte der . Vorſtand des " Cohrerverbandes Berlin 
ſeine Mitglieder aufgerufen; viele Hunderte waren dor Ein- 
ladung gefolgt, der aroße Saal de> Lekrervorein5hauſes war 
am 15. Januar um 11 Uhr» dicht- gefüllt. Ihr beſonderes 
Gepräge erhielt di? Vorſammlung durch die Toilnahm2 des 
DUUHTAaUSFMUſſes. vom „Deutſchen Lehrer- 
Veröin, der ſich tags zuvor in eingehender, ſorgfältiger Urbeit 
ebenfalls mit dem Geſekentwurf, wie er bisher geſtaltet 
worden it, beſchäftigt hatte. Aus dem Hauptausſchuß waren 
Zur SE REUE des Tag25, elf an der Zahl, entnommen; 
die moeijion zelenhteten das Geſetz und ſeine Gefahren von 
den beſonderen Verhältniſſen ihres Candes, ihrer Provinz 
aus, und es war ein großer Gewinn und ein beſonderer 
Genuß für die Hörer, aus der Quelle“ ſch3pfen zu können 
un0 ſich von berufenen Sachkennern unterrichten zu laſſen. 
MIE Anſprachen klangen dahin aus: Dieſer Entwurf 
SExF. niMt Geſeß. werden! 
Dor. Vorſitzende des Deutſchen Cehreroereins Wolff 
ſprach als orſter und bohandelte beſonders die durch den 
Geſekentwurf bedrohte Geiſtes- und Gewiſſens- 
12.207 38 Jun Geſet bedentet „Gowiſjens zwang zunächſt 
s A AULO7e Eltern. „Nur ſcheinbar'»gldt erimunen Re Ht6z 
WES ULFAREE handelt es ſich um Redhte von Kirchen und 
SEE dne die don Eltern fceilich mit Erxfolg 
ſeßung der Baonaun M SEEM „2 PI NILNRN 47 DU 
4 KRENN GEN BERUF aſe kommt es zur RKnehtung 
erheiten. Dieſer Geiſtos- und Ge- 
 
 
wiſſen5zwang wird auch gegen die Kindor“ geübt; ſe "werden, 
wenn ſie zu der Üüberſtimmten Minderheit gehören, in eine * 
alaubensfremde Scule gezwungen. Und endlich führt das 
Geſetz zum Gewiſſenszwang für die Lehrer. Wenn die Mehr* 
heit der Eltern die Einrichtung einer Shulart nach dem 
Geſetze beſchließt, dnan ſteht der Lehrer vör der Frage, 
entweder mitzuktun oder zu gehen. WeAſelt die Auffaſſung 
dor Elternmehrheit, dann geht die Lehrertragödie von: neuem 
los. Wenn man's. freilich ſo anſieht wie der Abgeordnete 
Paul Schulze, der Lehrer ſei Beamter und häb2 zu 3:horchen, 
damn iſt alles in Ordnung. Ein Lehrer, wie wir ihn wollen, 
kann aber ſein Beſtes nur geben von innen Heraus, nicht 
auf Befehl von oben. 
Oberlehrer Gleißbera,: der Führer der ſächſiſche 
Coliver, ſprach. über die Beſchlüſſe des Bildung zausſchuſſes 
zu den 88 9 und 18, die als „lex 8ax0nica“ bekannt ge- 
worden. ſind. Sachſen hat 1919: vor dem JZukrafttreten 
der „Reichsverfaſſung durch Verordnung oin Schulgeſetz er* 
balten, das die Gemeinſchaftsſchule felſekt; etwa 290 wenig 
aoaliederte Schulen ſind ſeitdem aufgelöſt und mit anderen 
zuſammengelegt worden, eine erfrenliche Steigerung der 
Ceiſtungsfähigkeit. Da es der Rirche und ihrem Anhang 
nicht gelingt, im Lande ſelbſt die Ding2 zu änderit, ſs ſoll 
jekt die günſtige Zuſammenſetzung des Reichztages benußt 
werden, um die vorhaßte ſächſiſche. Schulgeſekgebung bin- 
fällig zu machen. Wo ſeit 1919 Schulen zuſammengelegt 
worden ſind, ſoll für den Begriff des „goordneten Schul= 
botriebes“ der Zuſtand vom 1. Oktober 1918 (!) maßgebend 
 
 

	        

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