Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 57.1928, [2. Halbjahr] (57.1928, [2. Halbjahr])

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Beilage zur KAlſigemeinen 
Verantwortlich: O. Ganker, Berlin-Waidmannsluſt, Bondickſtraße 71 
Mai 1928 
 
 
 
 
Inhalt: Philoſophie. = Erziehung und Unterricht. = Schul- 
politik, =- Engliſch und Franzöſiſch. =- Geſchichte. =- 
Naturlehre, == Werkarbeit und Werkunterricht. = 
Allerlei, 
 
Philoſophie, 
Wir beginnen in dieſem Literaturbericht mit den Büchern, die 
die allgemeine Philoſophie zum Gegenſtande haben und wenden uns 
dann den Schriften zu, die beſondere philoſophiſche Probleme und 
Teilgebiete erörtern. 
„Prof. Auguſt Meſſer gibt in ſeiner allgemeinverſtändlichen und 
[anziehenden Darſtellungsart einen gut unterrichtenden Veberbli> über 
die „Philoſöphie der Gegenwart“. (Quelle & Meyer, 
Leipzig 1927. 6. Aufl, 152 S,. Nr, 138 der Sammlung Wiſſenſchaft 
und Bildung; geb. 1,86 M.) Ex ordnet die faſt verwirrende Fülle 
der gegenwärtigen philoſophiſchen Strömungen zu den Gruppen einer 
religiös-kirchlichen,- einer rationaliſtiſchen und einer: irrationaliſti- 
ſchen Philoſophie, ſtellt de Hauptvertreter der einzelnen Schulen 
heraus, umreißt kurz die Hauptgedanken ihrer Lehre und ihres Welt- 
bildes und gibt reiche Literatur zur weiteren Vertiefung. Die Tat 
fache, daß dieſes Bändchen bereits in der 6, Auflage erſcheint, ſagt 
über ſeine Güte genug, ſo -daß ſich eine beſondere Empfehlung er- 
Übrigt, F. H. Hörter gibt die 4. .und 5. Schrift zu ſeinem..pro- 
grammatiſchen Werk: Das kommende Dieutſc<hland. heraus. 
Er. nennt es einen' „Zeitruf für eine Gemeinſchaft des Akadentikers 
und des Arbeiters im Untergang des alten Gemeinſchaftslebens: des 
Denkens und ſeiner Natur des Begehrens in der Schöpfung einer 
neuen Natur: des Ziels und des Wollens", - (Herausgeber: Bund der 
Derantwortung für ſchöpferiſches Schaffen, Allendorf bei Weilburg. 
Preis je 2 M.) Die erſten Hefte ſind ſeinerzeit än dieſer Stelle ſo 
glänzend beſprochen worden, daß der Verfaſſer auf dieſes Urteil be- 
Jonders hinweiſt. Jc< kenne die vorhergehenden Hefte nicht und kann 
nur von dem Eindru> berichten, den die vorliegenden auf mich 
machen.“ H. kämpft in ihnen für eine: Pſyhik der Philoſophie, die. 
dieſe aus der Gewalt der allgemeinen Wiſſenſchaftslehre Logik bes- 
freien ſoll. , „Wiſſenſchaft und" Leben von" der Gewalt erlöſen und 
zum Schöpfertum führen, das iſt“die Aufgabe dieſer“Pſychik. Wie ſoll 
ſie gelöſt werden? Auf deim Wege der Jdealgeſetzmäßigkeit des Be- 
griffs“. Jdealgeſezmäßigkeit iſt für ' den Verfaſſer ,, Zeugung einer 
neuen Ganzheit“, ---Ja, ich muß geſtehen, ich verſtehe dieſe Sprache" 
nicht; der dunkle: Sinn einer Befreiung aus den ſtarren Bändeit« 
rationaler -Beziehungen und die Entfaltung» des Schöpfertums im 
Menſchen (wie es ja auch der neue Myſtizismus Berdjajews ex-' 
ſtrebt), der den Gedankengängen wohl zugrunde liegt, leuchtet bis- 
weilen hervor, und in. dieſer Zielſezung können wir dem Verfaſſer 
durchaus beipflichten; Im übrigew blieben mir die einzelnen Ge- 
dankengänge unklar und verſchleiert. =-' In - weiterem Abſtande 
nennnen wir «ein Büchlein, das eigentlich keine- Philoſophie im 
ſtrengen Sinne der Wiſſenſchaft bietet, das vielmehr in einer Reihe 
Eleinerer - Studien eine religiöſe LebenSsanſchauung „predigt: „Die 
Wendeltreppe“ von Dr. I. B. Schairer (Verlag Rainer 
Wunderlich in Tübingen. 143 S.). „Wege zu inneren Tiefen und 
Höhen" ſteht unter der Ueberſchrift, und dieſe Wege zu gehen, gehen 
zu lehren durch die Kraft des Chriſtentums, iſt das Ziel dieſes. ſeel- 
ſorgeriſchen Buches, vs 330 
RAREN ! H 
fw; Wende wir uns nun den Voröffentlichungen zu, die beſondere 
Gebiete. der Philoſophie behandeln. Prof, H. Heimſoeth, Königs- 
berg, zeichnet- in der 17, Lieferung des wertvollen Und wegweiſenden 
„Handbuches der Philoſophie“ (Verlag: R. Oldenburg, München; 
Dreis dieſer Cieferuna 5.50 M.) die „Metaphyſik der Neu- 
 
Bücherſchau 
 
Deutſchen Lehrerzeitung 
 
5. Jahrgang 
 
zeit". Er weiſt überzeugend nach, wie falſch die Meinung iſt, daß. 
in dieſem, Zeitraume eine zunehmende Auflöſung der metaphyſiſchen 
Denkweiſe Plaß greife. Wohl löſt ſich die Metaphyſik aus der 
mittelalterlichen Tradition theologiſcher Gebundenheiten heraus, 
macht nun aber auch die allgemeine weltanſchauliche Wendung zum 
Diesſeits, zur Wirklichkeit mit durch eine ſinnhaft vernünftige Be- 
ſtimmung von Menſch und - Univerſum. Gerade durch die ſelb- 
ſtändige Herausbildung der Einzelwiſſenſchaften, die im Tatſächlichen/ 
Beſonderen und - Aufgeteilten ſte>en bleiben müſſen, wurde eine 
Neuaufrollung des metaphyſiſchen Vaturproblems und damit der 
Weltbegriffe überhaupt zu einer. notwendigen Forderung. (Wir 
brauchen ja nur an die unmittelbare Gegenwart zu denken, im: den 
eine gewaltige metaphyſiſche Sehnſucht immer mehr nach Erfüllung, 
drängt.) H. beginnt ſeine Abhandlung mit. der Charakteriſierung: 
des metaphyſiſchen. Problems bei Nikolaus von Rues (Begriff des. 
Abſoluten, ſein Verhältnis zur Weltwirklichkeit, Individuum BRD) 
Univerſum). Nach der- Kennzeichnung der deutſchen und itatieniſchen 
Metaphyſik des 16.. Jahrhunderts (u,- a. Paracelſus, „Jakob Böhme, 
Giordano. Bruno) werden wir, in jene große. Blütezeit . der. Metas. 
phyſik geführt, die durch die konſtruktiven Syſteme des Rationalismus, 
von Descartes, Malebranche, Spinoza. und, Leibniz hervorgerufen. 
wurde. Die engliſche Metaphyſik bietet dann den Uebergang zur 
zweiten Höhe, zu Kant; mit ihm bricht der Verfaſſer ſeine geiſtreiche 
und tiefſchürfende, freilich nicht leichte Arbeit ab. Wo bleiben die 
doch: ſo wichtigen Syſteme Fichtes, Schellings, Hegels, -Schopen- 
hauers? -=- Eine gleichfalls wertvolle und empfehlenswerte Arbeit 
veröffentlicht Prof. Dr. Seifert, München, in der 18. Lieferung des- 
ſelben. Handbuches (Preis 4. M.) über. die Pſychologie. . Er „ſucht 
bei. der Erörterung. der Hauptformen pſychologiſchen. Denkens ſtets 
zuerſt die fundamentalen Vorausſetzungen zu: ermitteln. und deren: 
Zuſammenhang . mit der allgemeinen geiſtigen Verfaſſung der ge- 
ſchichtlichen Epochen ins Bewußtſein zu erheben". Jn dieſer Schrift 
fand ich zum erſten Male eine genaue und tiefe Darſtellung des pſy- 
<ologiſchen Problems bei den alten Griechen und im Mittelalter. 
Und gerade dieſe Metaphyſik der Seele, wie ſie von Ariſtoteles, 
Plotin verſtanden, wie ſie in der Scholaſtik gelehrt wurde, iſt von 
elementarer Wichtigkeit für die pſy<ologiſche Weiterentwiclung in: 
der Neuzeit, Ueber dieſen Abchnitt der Entwiclungsgeſchichte dieſer 
Diſziplin haben wir genug Literatur. . (Deshalb hat. der Verfaſſer 
mit, gutem Recht die Neuzeit, .in „aller. Kiirze behandelt), aber die, 
Behandlung des. pſy<ologiſchen Problems, im Altertum. und .,im 
Mittelalter iſt mir in dieſer Schrift zum erſten Male in eindring- 
licher Weiſe vorgeführt worden, Darum begrüße ich die vorliegende 
Arbeit beſonders warm. =- Eine. durchaus ſelbſtändige, Erkenntnis-, 
theorie und Metaphyſik entwirft Ludwig Fiſcher in. ſeinem Werk? 
„Die natürliche Ordnung unſeres Denkens und der 
Zuſammenhang der Weltanſchauungen. (Leipzig, &. Meiner. 1927. 
XI und 259 Seiten. „Geh. 16 U.; geb. 19 M.) Er zielt auf eine 
„natürliche“ Ordnung hin, die unſere geſamte Erfahrung am cin 
fachſten,- vollkommenſten und umfaſſendſten. beſchreibt; dabei finde 
er, daß die verſchiedenſten weltanſchaulichen Richtungen nur Sonder- 
prägungen dieſer natürlichen Ordnung von verſchiedenen Geſichts» 
punkten und Standpunkten aus ſind. 50 enthüllt ſich ſein Syſten! 
der natürlichen Ordnung. als das Grundſyſtem aller rationalen Philo- 
ſophie. Und damit wird gleichzeitig auch der übergreifende Zu: 
ſammenhang der Weltanſchauungen, die alle dasſelbe Grundgefüge 
nur verſchieden dargeſtellt, „beſitzen, offenbar. So vermag dieſe 
rationale Relativismus neue Vergleichsmöglichkeiten 
zwiſchen den einzelnen philoſophiſchen Richtungen untereinande1 
und zum Syſtem der natürlichen Ordnung zu ſtiften. Dieſer. Nufe 
gabe unterzieht ſich der ,Derfaſſer im zweiten Teile mit. großen, 
Geſchi> und mit gutem Erfolg, Eine ſehr beachtenswerte und weg: 
weiſende Schrift in unſerer philoſophiſchen Literatur der Gegenwart 
RUE DAW el DENG 
 
  
 
	        

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