Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 58.1929, [1. Halbjahr] (58.1929, [1. Halbjahr])

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Verantwortlicher Schriftleiter: Le0 Raepp 
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58. Jahrgang 
Herausgegeben vom Deutſthe 
Berlin, den 28. Februar 1929 
 
n Gehrerverein 
verlag und Geſchäftsſtelle: Berlin W35, Potsdamer Straße 115, Haus 2. ; Sexnruf: B 1 8130/8151 
vnruf: B1 8130/8151 
el, Berlin W 35, Potsdamer Straße 113, Haus 2. Fe 
Hummer 9 
 
 
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AN TAF Richtlinien für den Muſikunterricht in Volfsſchulen. = Weue Wege im Schulmuſik-Unterricht, -- Entwurf zu einem Niuſik- | 
lehrplan für Volksſchulen. == Der Bildungsausgleich zwiſchen Stadt und Cand. => Wilhelm Rein 8 Rundſchau, => 
Wirtſchaftliche Fragen, == Verſchiedenes, = Anzeigen. = Als Beilage: Bücherſchau Ur. 2. 
 
Richtlinien für den Muſikunterricht in Volksſchulen. 
Eine kritiſche Betrachtung. 
Unſer deutſches Volk ſteht im Zeichen der Erneuerung. 
Es wäre ſchlimm, wenn die Schule daran nicht teil hätte. 
Die „Richtiinien für den Muſikunterricht in Volksſchulen“ vom 
27. März 1927 ſind ein Ausfluß dieſes Strebens. Die Be- 
geiſterung, mit der in denſelben für neue Verſuche in dieſem 
Unterrichtsfache eingetreten wird, verdient die Anerkennung 
aller Beteiligten. Aber unſere Volksſchule iſt ein Organismus, 
der nur mit vorſichtiger Hand in neue Bahnen gelenkt werden 
darf. Ob dieſe Vorſicht»in allen Punlten des genannten Er- 
laſſes gewaltet hat, ſoll in folgenden unterſucht werden. 
Zunächſt eine prinzipielle Feſtſtellung: Die Richtlinien vom 
10. Januar 1914 ſtellen einen feſt umriſſenen Cohrplan dar mit 
vorſichtiger Andeutung der Cehrmethode und mäßigen, aber 
beſtimmten Forderungen für das Lehrziel. Dieſe Beſtimmtheit 
der Beariffe und Klarheit der Sprache laſſen die Richtlinien 
von 1927 manchmal vermijſen. Teils fordern ſie (muſikaliſche 
Fachlehrer, Beginn des ſyſtematiſchen Muſikuntevrichts), teils 
Ennen die Darlegungen nur als Anregung gewertet werden 
(Abſchnitte über Inſirumentalmuſik, Schule und Haus.) Jeden- 
falls können ſie in ihrer Geſaintheit nicht als feſte Bindung 
betrachtet "Webden, 2er 28 EN . 
Bedeutet dor eue Name „Muſikunterricht“ einen Slaggen- 
oder einein Syſtemwechſel? „Ausgangs- und Mittelpunkt der 
muſikaliſchen Erziehung iſt auch. ferner der Geſanguünterricht“ 
(Abſch. 1 1)! Unders » läßt - ſich muſikaliſcher Klaſſen- 
1a ntervichtin der- Yolksſchule "auch wohl nicht betreiben. 
Was ſich um dieſen Mittelpunkt kriſtalliſieren kann, iſt Beiwerk 
Schmüet, Verſuch, Weiterführung. EEE u 2 
Iſt muſikaliſche Bildung ohne Ausübung der Muſik denk 
bar y “Welches Inſirument liegt uns dann aber näher als die 
Engelsſtimme unſetver“-Kinder. Der Klavierſpieler findet. das 
Tonmaterial vor; er hat. auf ſeine Reinheit keinen Einfluß. 
Der Geigenſpieler . wird durch das körperliche Gefühl ſeiner 
Finger unterſtüt. Der Sänger hat kein anderes Mittel als 
die innere Tonvorſtellung, um ſein: Material, die Töne, richtig 
zu bilden. Sein Wog führt ſteil, aber direkt auf das eine Siel, 
das innerliche Erfaſſen der Muſik - hin. Ob und. wie weit 
dieſes „Ziel erreicht wird, das hängt ab 'von der Veranlagung, 
der Eindringlichkeit der Arbeit und manchen andern Dingen. 
Die“ Yolksſchule“ wird ſich mit einem beſcheidenen Unterziele 
zufriedengeben müſſen. Weder VBereitwilligkeit zum Be- 
ſchreiten dieſer Bahn noch Erfolge auf ihr wird man dem 
bisherigen Unterrichte in dieſem Fach beſtreiten wollen. Es 
iſt ein Yorzug der Richtlinien, daß ſie den Weg freigeben, 
daß ſie die Perſönlichkeit des Lehrenden anerkennen „Dito 
Vertrauen iſt ein voller Einſatz nicht möglich. Die methodiſchen 
Bemerkungen (Abſchn. I1]) bringen viel bewährtes - Ultgut 
Wo ſie Neuland betreten, erwecken ſie Bedenken. Auffallend 
iſt, daß unter dein „Lehrwegen“, die ſich ergeben haben, um 
die Tonvorſtellung im Kinde zu weden, nur der eine nicht 
genannt iſt, in den alle andern münden, den Profeſſor Georg 
Nolle und . andere vor ihm vertreten haben, : nämlich die 
Muſikerziehung des „Kindes „mit der ſyſtematiſchen : Einführung 
in die Votenſchrift möglichſt frühzeitiä, das. iſt mit dem zweiten 
"Schuljahr, zu“ beamen, - MOE EIE DRI Pe 2.0020 
Sein Vorgang iſt vielfach orprobt. worden. ind. hat.ſeine , 
an. Dieſe ſyſtematiſche Unterweiſung ſchon 
Bewährung erwieſ 
eintreten zu laſſen, wie „aus Abſchnitt 19 
im erſten Shuljahr 
 
vielleicht herausgeleſen werden könnte, widerſtreitet der For- 
derung des Geſamtunterrichts nach Richtlinien 1924. Bedenke 
gegen die Einführung im zweiten Schuljahr teile ich nicht. 
Die Forderung des Fachlehrers für den Muſikunterricht der 
VYolksſchulen wird viel Staub aufwirbeln. Wer das Hand- 
buch für neuzeitlichen Muſikunterricht von Schulrat Hoppe, 
Berlin, durchblättert, bekommt einen Vorgeſchma& davon, was 
an muſikaliſchem Rönnen und Wijſen zukünftig erwartet wird. 
Yon: der Anforderung an Körper- und Nervenkraſt, die zur 
Durchführung einer ſo einſeitigen Arbeitsleiſtung erforderlich 
ſein werden, kann ſich wohl der nar ein Bild machen, der 
ſelbſt jahrelang Geſangunterricht in einer Reihe von Klaſſen 
erteilt hat. Bier iſt ein Sprungbrett für junge ſtrebſame 
Kollegen. Die Zweiteilung in Grund- und Aufbauſchule w.rd 
auh für den Geſangunterricht beſtimmend ſein, iſt es in den 
Grundzügen zeßt ſchon oft geweſen, 
Nan zum Haupt- und Kernpunkt der Sache: „Beobachten 
und Aufnehmen muſikaliſcher Eindrücke, Nachbilden und eigenes 
Finden ſind die Grundlage der Muſiferziehung.“. Vor welchent 
pſychologiſchen Richterſtuhl kann dieſev Saß ſtandhalten ? 
Grundlage aller Muſikerziehung iſt das Ohr. Aufnehmen und 
immer wieder Aufnehmen iſt die Grundbedingung allen muſt- 
kaliſchen Fortſchritts. Das Ohr hat in ſeiner muſikaliſchen 
Entwiclungsfähigfeit aller Muſik den Weg gewieſen. Wer 
Zukunftsmuſik hat erlauſchen können, der hat die Menſchheit 
weitergeriſſen. Das ſind die wenigen, die finden konnten. Iſt 
uns anderen Sterblichen das Nachempfinden als Geſchenk in 
die Wiege gelegt worden, dann wollen wir uns deſſen freuen 
und beſcheiden geſtehen, daß wir dem Flügelſchlag der unſerm 
Volte in ſo erſtaunlicher Zahl erſtandenen Muſikheroen kamm 
bis an die Grenze ihres Geiſtesfluges „zu folgen vermögen; 
Boobachten iſt eine Verſtandestätigkeit, verlangt Objekte. zur 
Yeragleichung, hinkt als Theorie dem Aufnehmen nach. Längſt 
ehe den Rindern von Akkordfolgen ein Wort geſagt werden 
kann, muß ihr Ohr daran gewöhnt ſein. Son im zwei-““ 
ſtimmigen Geſange muß die Schwierigkeit des Sekundklanges 
überwunden werden. .(Sclaf', Herzensſöhnchen.) „Fach- 
bilden, eigenes muſikaliſches Erfinden und Geſtalten? können 
niemals Grundlage, ſondern immer nur Answertung der muſi- 
kaliſchen Erziehung ſein. Sollte bei der Forderung eigener 
Melodiebildung die Parallele mit dem modernen Zeichen- 
unterricht irreführend geweſen ſein? I< ſehe ſchon im Geiſte 
die künftige „Ausſtellung muſikaliſcher Erzeugmſſe von Scal- 
kindern“ und bewundere auf ihr. die ſorgſam führende, ver- 
beſſernde. oder auch "wohl eigene Hand der Ausſtellenden. 
Jeder, auch der kleinſte muſikaliſche Saß iſt ait Regeln 3e- 
bunden; erfüllt er ſie nicht, ſo mißfällt er dem Ohr, und nicht 
nur das Verſtändnis, ſondern auch die Beherrſchung dieſer 
Schwierigkeiten erwartet man von Schulkindern? Wieviel 
Cehrer, wieviel Auchmuſikanten ſind ſich denn über die An- 
wendung dieſer Geſeke klar? Zwe der Sache: um einem 
fühlbaren. Bedürfnis abzuhelfen! Die Berge der komponierten, 
„gedruten. und niemals lebendig gewordenen Muſikerzeug- 
niſſe ſind noch nicht hoch genug. TH fürchte, der hier vor* 
geſchlagene Wes iſt ein Holzweg. 
; Die Eingliederung des Liedgutes iſt wohl für die Ver 
„faſſer neuer Liederbücher bedeutſamer als für den Geſang- 
 
“lehrer. - Ihm iſt) jede Quelle recht, die Brauchbares bietet, 
 

	        

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