Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 58.1929, [1. Halbjahr] (58.1929, [1. Halbjahr])

 
 
 
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Verantwortlicher Schriftleiter: Geo 
Allgemeine Deutſ 
Herausgegeben vom Deutſthen SCehrerverein 
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13, Haus 2. Sernruf: 2 1. 8130/8151 
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58. Jahrgang 
Inhalt: Wirtſchaft und Volksſchule, =“ Der Tag des Buches. = 
reiſe durch Frankreich, = Rundſchau, = Wirtſchaftlich 
 
   
 
 
Berlin, den 7. März 1929 - 
Schule und Bücherei. 
&: Fragen = Deutſcher Lehrerve 
Nummer 10 
  
= -Exlehniſſe und Eindrücde einer Vortrags 
rein: == Verſchiedenes. = Anzeigen, 
  
 
Wirtſchaft und Yolksſchule. 
Profeſſor Dr. R. wilbrandt, Tübingen, 
olfswirtſchaft ſind miteinander gleich? 
zeitig entſtanden. -Z1n den lekzten Jahrhunderten entwickeln 
ſich beide. Dieſes zeitliche Zuſammentreffen iſt kein Zufall. 
Bis dahzin -hatte der wirtſchaftende Menſch in der Maſſe des 
Yöltkes „jolchen Unterricht nicht -ſo nötig gehabt. Solange die 
alte Hauszwirtſchaft herrſchte, war alle Wirtſchaft relativ ein-, 
fach. Man vochnete kaum, und leſen und ſchreiben war noch 
ein Luxus. Run aber entfaltete ſich die nfoderne Tauſchgeſell- 
ſchaft, vermittelt. durch. Geld, Kredit, Händel, Märkte und 
Kapitalismus.. Die einfachſte Gemüſefrau mußte nun vehnen 
x8inmnen. Der 14 jährige Fabrikarbeiter braucht es, um nach- 
zuzählen, was ihm ausbezahlt wird. "Jeder. muß ſich auch 
ſchriftlich in geſchäftlichen Dingen verſtändigen können. Aus 
der Zeitung erfährt er, „was vie Überareifenden Zuſammen 
hänge der Dolkswirtſchaft auch für fein eigenes kleines Schi- 
jal bedeuten, Loſen und, Schreiben gehören nun zu den Erfor- 
derniſſen des täglichen Lebens. S0 ſind Volksſchule und Volfs- 
wirtſchaft miteinander verknüpft; aber nicht ohne Kampf mit 
der ſogenannten Wirtſchaft, und in ſtändiger Beziehung zu 
ihr ſteigt die Volksſchule im 19. Jahrhundert empor. 
a) Das Durchdringen der Volksſhule. 
! 1: Die Fabrikkinder. 
: 4 Als ich. 19 in Shanghai war, habe ich noH die Zuſtände 
erlebt,“ mit denen in Europa vor 100 Jahren gleichfalls 
die Fabrikentwicklung eingeſeßt hat. Die Fabritſäle waren 
erfüllt von Rindern in dem Alter, das wir ſchulpflichtig nennen. 
Gonaun ſo iſt es in Europa vor 100 Jahren geweſen. - Das 
Marxſche Hauptwerk „Das Kapital“ iſt voll von den Einzel- 
heiten, entnommen ans den engliſchen amtlichen Unterſuchungen 
der 40 er Jahre des 19. Jahrhunderts; aus derſelben Quelle 
vru&t Sombart in ſeinem Göſchenbändchen „Die gewerbliche 
Arbeiterfrage" einleitend viele Seiten ab und bietet damit 
die beſte Einführung in die Tatſachenwelt der ſozialen Frage. 
5118 billigſte Arbeitskräfte lediglich ausgebeutet, blieben die 
Fabritfinder jeglichem Unterricht und irgendwelcher Erziehung 
fern. Der große Fabrikreformator Robert Owen hat bei 
ſeinen Standesgenoſſen vollkommen vergeblich und dann jahre- 
lang beim Parlament um die Einſchränkung der Kinderarbeit 
gekämpft, die dann zunächſt nur auf dem Papier ſtand und 
erſt allmählich durch die FabLikinſpektoren durchgeführt wurde. 
Erſt im Laufe des 19. Jahrhunderts iſt es in England und 
ſchließlich auch in Deutſchland zum Ausſchluß der Kinder 
aus- der Fabrik gekommen. Nun erſt konnte die Schulpflicht 
allgemein durchgeführt werden. | 5 
5 2. Shläfrigkeit und Hunger. 
[Es iſt das hohe Verdienſt des Berliner Lehrers Konrad 
Agahd, daß er ſich unermüdlich danach umſah, was für Urſachen 
es hatte, wenn die Kinder in der YVolksſchule. dem Untervicht 
nicht folgten. Durch Befragen der Kinder ſtellte er erſchütternde 
Einzelheiten feſt. Die aus den Fabrifen verdrängten Kinder 
waren nun mehr und mehr in Austragedienſten verwandt, 
beſonders aber in „der Heimarbeit beſchäftigt. Die näheren 
Feſtſtellungen, den Lehrern zu' verdanken, ergaben eine enorme 
Yerbreitung" der Kinderarbeit im Gewerbe... Das Kinder- 
ſchuzgeſeß, das die geruht all dieſer Unterſuchungen war, hat 
Heimarbeit eingegriffen. Es iſt aber von denen, 
Volksſchule und V 
 
auch in die 
die jeine 
Durchführung kontrollieren ſollten, als. Härte, emp 
 
 
 
funden worden, daß ſie Familien zur Befolgung von Geſeke=- 
buchſtaben zwingen mußten, die an Stelle der Schläfrigkeit 
der Kinder nun deren Hunger ſezten. Denn wenn das Ein- 
fommen der Familie bei verringertem Ausmaß der Kinderarbeit 
nicht mehr reichte, war um ſo mehr Hunger die unvermeidliche 
Solge. In ihrer Schrift „Schule und Brot" iſt Helene Simon 
dieſem zweiten Umſtand, der die Anweſenheit der Rinder 
in der Schule zu einer nußloſen zu madchen drohte, nahge- 
gangen; man ging dazu über, durch Schulſpeiſungen auch 
dieſe Quelle der Cornunfähigkeit zu verſtopfen. In beiden 
gällen . handelt es ſich darum, die Kinder nicht nur ſchul- 
pflichtig, ſondern auch ſchulfähig zu machen. So tritt die 
Sozialpolitik in den Geſichtskreis des Cohrers. Er muß Sozial 
politiker werden, ob er will oder nicht. Dabei iſt noch ganz 
abgeſehen von den Zuſtänden auf dem Cande; auh darüber 
hat Helene Simon in einem umfangreichen Bände maſſenhaftes 
Material verarbeitet, das über die Kinderarbeit auf dem Lande 
zuſammengetragen worden iſt. 
3. Ausdehnung der Schulleiſtungen. 
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Die Familie in der herkömmlichen Bedeutung wird dur 
die induſtrielle Entwicklung in Frage geſtellt, ja ſie iſt ihr 
vielfach zum Opfer gefallen. Vor allem die Ausbreitung der 
4. In England iſt es vör 
allem die Provinz Lancaſhire, um Mancheſter herum, in 
Deutſchland das frühere Königreich Sachſen, wo ſich das zeigt. 
Da ſind vor allem die Webfabriken zuſammengedrängt und 
bieten mangels anderer Arbeitsgelegenheit für die Männer 
auch dieſen eine nach FSrauenlohn bezahlte Arbeit, bei der 
daher die Frau ſoviel wie der Mann verdient. Mit Selbſt- 
verſtändlichkeit bleiben daher auch die verheirateten Frauen, 
dieoMütter, "im der Fabrik. Die Kinder wachſen mutterlos 
heran. Entſprechend ſteigt die Kinderſterblichkeit und bei den 
Neberlebenden die riminalität der Jugend. Weit über die 
Textilinduſtrie hinaus hat ſich Analoges in zahlreiche andere 
Induſtriezweige hinein ausgebreitet. Zn nur zu vielen Fällen 
reicht der Lohn des Mannes für die Familie nicht aus. Wem 
vrxiedrich Engels Mitte des 19. Jahrhunderts klagte, ſchon 
Zehntauſende von Müttern ſeiel 
 
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Tertilinduſtrie bringt das mit | 
1 in dei engliſchen Fabriken 
zu finden, ſo iſt auch in der viel ſpäter entwickelten Induſtrie 
Deutſchlands die Zahl inzwiſchen auf Hunderttauſende ange 
wachſen. Hinzu kommt, daß Proletarijierung und Großſtadt- 
leben die Zerrüttung [9 mancher Familie herbeigeführt Hat. 
Alles in allem: die Schule übernimmt neben dem Unterricht 
auch mehr und mehr die Erziehung. Indem ihr Jugendſpiele, 
Schularzt, Schulzahnpflege angegliedert werden, tritt ſie noh 
weiter an die Stelle des Elternhauſes und nimmt noch. mehr 
öffentliche Mittel in Anſpruch. ! 
b) Unternehmerſtandpunkt D 
Es läge nahe, anzunehmen, der Unternehmer befinde ſich 
nr einen: inneren Gegenſaß zur Schule. Schon der Kampf, 
ver nötig war, als die Schule allmählich emporſtieg, DINE 
ſolche Folgerungen nahelegen. Auch wäre denkbar, daß der 
moderne Fabrikant int Hinblik auf die einfachen Handgriffe 
um die es ſich in der Fabrik zunächſt handelt, möglichſt 
wenig gebildete Arbeitskräfte gerade recht fände. Dem ſteht 
jedoch bereits die weitere Entwieklung der Technif entgegen. 
 
Mehr und mehr tritt an die Stelle des Handlangers, der eine
	        

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