Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 58.1929, [1. Halbjahr] (58.1929, [1. Halbjahr])

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- Allyemoine Douche Cohrorgihung 
Verlag und Beſchäftsſtelle: Berlin W35, Potsdamer Straße 113, Haus 2, Sernruf: B 1 8130/8154 
Verantwortlicher Schriftleiter: Leo Raeppel, Berlin W 35, Potsdamer Straße 115, Haus 2. FSernruf: B 1 8130/8151 
=< Fchimm u Berlin, dei- 28. Mätz 1929 7 = Diner 15 
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Inhalt: Oſterbetrachtungen. Erziehung int Dienſte der Dolksverjöhnung. == Die Schule im Dienſte der Volks= und Dölferverſöhnung. 
„/ Die Antworten der Reichsregierung auf die Entſchließungen des RVeichstages. = Rundſchau. =- Wirtſchaftliche Fragen. = 
Deutſcher Lehrerverein. == Verſchiedenes, == Als Beilage: Bücherſchau Nr, 5. an 
Oſterbetrachtungen. 
Es ſind nun ſieben Jahre her, daß Joſef Wittig, da- gebet zu verletzen. Er ſchließt ziemlich viel Verträge ab mit 
mals [Profeſſor . des Kirchenrechts an der katholiſch-theo- feinem Gott: Gegen die und die. Leiſtung erwartet er, freilich 
logiſchen Fakultät der Univerſität in Breslau, in der Zeit- | in aller Demut und mit dem Zugeſtändnis jedes Mangels eines 
ſchrift /' „Hochland“ ſeinen. aufſehenerregenden Auffaß „Die Vechtzanſpruches, ganz beſtimmte Leiſtungen von ſeiten Gottes. 
Erlöſten“ erſcheinen ließ.“ Dieſe. kühne, Oſterbotſchaft gab be- | Er liebt Gott, ber Immer aus der Ferne, von der Grenze 
kanntlich den erſten Anſtoß dazu, Wittig in den Derdacht -| her, wo er dieſe Liebe mit jeder Nlnute verlieren kann. Mehr 
“ zu bringen; hier war „wieder einmal einer, der anders redete | noh fürchtet er Gott, freilich auch aus der Ferne, in der er 
als die Hohenprieſter und Schriftgelehrten, und. dieſe Frommen | doh manchmal denkt, ſchon etwas riskieren zu dürfen. Gegen 
ruhten nicht, bis ſie den Göttesläſterer "es iſt ſeit" 2000 | das Land in der Mitte, gegen das Cand der heiligen Myſtik, 
Jahren die alte Geſchichte = wenigſtens aus Amt und Wür- | hat er ſogar ein ſtarkes Müßtrauen. Es läßt ſich dogmatiſch 
den gebracht hatten, da Kreuz und Scheiterhaufen den Tem- | und. juriſtiſch. nicht ſcharf genug erfaſſen und iſt im ganzen zu 
pelwächtern leider nicht mehr zur Verfügung ſtehen. Wittig unwiſſenſchaftlich. Das religiöſe Leben wird dem jungen KRa- 
war. no< nicht „gebannt . und verfemt, als. er den anſtößigen tholiken ja freilich eingeübt. Aber es ſind eben nur Ein- 
Aufſaß, der urſprünglich das kirchliche Imprimatur "(Druk- | übungen, Ausbildung der Technik, religiöſes Leben nah be- 
enden Auzein- | ſtimmtem Schema und unter mannigfaltigem ſanftem Zwange. 
anderſezungen in einem Büchlein veröffentlichen ließ. Es | Au da muß alles erkämpft werden. Wenig davon, daß das 
Heißt: „Meine Erlöſten in Buße, Kampf und Wehr" und | Joh Chriſti ſüß und ſeine Bürde leicht ſei. Wenig von der 
iſt in FSranfkes Yerlag in Habelſchwerdt ' erſchienen. Gläubige | Freiheit ver Kinder Gottes. Acht Seligfeiten hat der Heiland 
und Ungläubige haben dieſes Bekenntnisbuch geleſen; ohne verkündet, aber keine iſt zu ſhmeXen. Die einzige Nus- 
Nußen hat es ſicher niemand aus der Hand gelegt. nahme davon iſt das ſüße Nahl des geliebtes Meiſters = 
“ Wittig wirft die uralte Menſchheitsfrage auf: Sind wir | wenn einer wirklich jhon ſo weit iſt, ohne Angſt an dieſe 
erlöſt? Er knüpft ſeine Betrachtungen an das Einüben eines Tafel der Liebe zu gehen, “ohne . die blutroten Worte 3u 
öſterlichen Liedes in der volksſchule an und zeigt, wie 3e- ſehen: „Wer unwürdig von dieſem Brote. ißt oder den Relch 
dankenlos und. entheiligt die tiefſten Geheimniſſe herkömm? des Herrn trinkt, der wird ſchuldig des Leibes und Blutes 
ſücherweiſe an die Jugend herangebracht werden. Die Reli- | 905 Herrn!" Eine Unjumme von ſeeliſcher Kraft geht auf den 
gion wird * eingeübt, ſie wird nicht erlebt. Wortplapperei Krieg und auf die beſtändige, angſtvolle Wachſamkeit darauf. 
"nd Werkmechanismus herrſchen, wie es ſchon in der Schrift | And doh bleibt unendlich viel poſitive Arbeit zu leiſten. Sie 
Heißt: „Dies volt ehrt mich mit den Lippen, aber ſein Herz wird geleiſtet, aber es iſi Kriegsware, ein Wort, das wir da- 
iſt weit von mir.“ Hier hat Wittig in der Tat den empfind- mals freilich noch nicht in der Bedeutung gänzlicher Minder- 
erlaubnis) erhalten Hatte, mit einigen ergänzen 
 
 
lichſten Punkt ſeiner Kirche getroffen, und der Aufſchrei der wertigkeit verſtanden.“ 
Tempelhüter war nur zu begreiflich. „Es ging uns Jungen“, Wittig beſchreibt nun den Inhalt der theologiſchen Er- 
;ihen Chriſten, | löſungslehre, deren beſte Erklärung immer noh die ſei: Sie 
jagt Wittig, „ſo wie wohl den meiſten katholiſ 
welche die Lehre von der Erlöſung zwar als Katechizmus- | iſt ein Geheimnis. „Viel mehr wird von dem eigentlichen 
fapitel und Predigtthema gelernt haben, aber weder in ihrem | Weſen der Erlöſung in der Erlöſungslehre nicht geſagt. Den 
äußeren noh in aährem Inneren Ceben etwas davon breiteſten Raum nimmt Sarin die Lehre von dem Apparat 
jpüren.“ ; : : Rr i , | der Erlöſung ein.“ „Die Funktion dieſes Apparates wird aber 
Des weiteren wird nun der Betrieb in den vogmaätiſchen ganz ms „Jenſeits verlegt. Dort werden wir endlich erlöſt 
vorleſungen der Fakultät dem einfachen Yerfahren in der fein, wenn es uns nicht daneben geht. Ob auch die Erde 
Dorfſchule gegenübergeſtellt. Der Profeſſor weiß. im Himmel, etwas davon hat, ob ſie von einem erlöften Volfe bewohnt j 
auf der Erde und in der Hölle Boſcheid, er weiß alles minde- | 1ein wird, ob die Macht der Sünde auf Erden gebrochen wird, 
ſtens ſo ſicher wie der liebe "Gott, und' nur den Widerſpruch ob die -Erlöſung irgendwelche ſtatiſtiſch oder wenigſtens 307 
verträgt er nicht. „Wenn ſchon immer alles auf die Ewigkeit fühlsmäßig feſtſtellbaren Solgen hat, das wurde nicht erörtert, 
geſchoben wird! „Da können uns die "Theologen alles weiß | OO ihr Dogmatiker, zeigt mir das erlöſte volk! Ihr prä- 
machen, wenn man ſie nicht ſchon 'auf der Erde dafür faſſen ſentiert euch zunächſt ſelbſt und ſaget: „Wir ſind überzeugt, 
1 daß wir erlöſt ſind.“ I< will's euch glauben, daß euch feine 
Ihr ſeid ja unmer etwas 
kann. Es iſt gar zu bequem, frägende und tragende Menſchen 
auf die Ewigkeit zu vertröſten. Das hat der Heiland nie Squld und Fehle mehr drüt. 
getatt, ſonſt wären ihm alle Apoſtel davongelaufen.“ - Beſonderes. Aber das Volk! 
Nober den religiöſen Alltag des Kirchenvolkes läßt ſich “2 „Mein, Volk“ will ich erlöſt ſehen. Könnet ihr eure 
Wittig folgendermaßen aus: „Der Katholik treibt ſich ſein Erlöſungslehre nicht ſo verkünden, daß das katholiſche Volk 
Ceben lang in den Grenzgebieten des Reiches Gottes herum | wirklich ſich von der Sünde erlöſt fühlt, daß es wirklich ſieht, 
und fühlt ſich ſtets von Strafen für Grenzüberſchteitungen | daß die Sünde überwunden iſt, daß es jich wirklich nicht mehr 
bedroht. Er hat gar keine Seit, etwas nach der Mitte des | zu fürchten braucht, daß es aufjubeln kann in der Erlöſung? 
Gottesreiches zu wandern, wo es eigentlich erſt ſchön zu | - Aber ihr ſchreXet ja ſelber das Yolf mit der Hölle und 
werden beginnt. Er muß fortwährend an. der Grenze Grenz fagt ihm, daß niemand vor ihr ſicher ſei. Ihr ſtellt unzählige 
vorlezungsprozeile mit ſeiner Seele, mit ſeinem Beichtvater, Bedingungen auf, ehe ein Menſch teilhaftig wird der von 
mit ſeinem Herrgott durchfechten. Er lernt die Geographie | euch gepredigten Erlöſung. Wer eu hört oder eure Bücher 
des Gottesreiches auswendig, nämlich die Dogmatik; "er ſtu- lieſt, beginnt bei dem einen Kapitel zu hoffen, beim andereit 
dtort das Jus des Gottesreiches, nämlich die Nloral. Er weiß | muß er wieder zittern. Was iſt das für eine Erlöſung?“ 
genau, wieviel Gramm Brot er eſſen darf, ohne das Faſten“ Wittig fordert die Seelenführer des Volkes auf, in den ur 
 

	        

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