Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 58.1929, [1. Halbjahr] (58.1929, [1. Halbjahr])

 
 
 
 
 
 
 
"ſuchen 
„widlungsmöglichkeiten und r- 
 
Allgemeine Deutſche Lehi 
 
NIEENNNNNNENINNNSNNNNNNNNN;G;RTWTTwWTTR wegen geen nnndn bn nan ane 
GEBEN LIEN 
zojfung 
 
 
Serausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein 
DYorlag und Geſchäftsſtelle: 
Verantwortlicher Schriftleiter: bes Raeppe!l, 
Berlin. W35, Potsdamer Straße 113, SIO EEE 
Berlin W 35, Potsdamer Straße 115, Haus 2. FSernruſl! B 1 8150/8'5k4 
Haus 2. Fernruf: B 1 8130/8161 
 
 
 
GEE aaa 
58. Jahrgang 
" Inhalt: Ein Beitrag aus der Praxis zur Frage 
 
- Berlin, den 23. Mai 1929 
 
Nummer 21 
 
 
der gemeinſamen Erziehung von Unaben und Mädchen, =- Konkordatsbeklemmungen. 
Ein Stüd Mittelalter aus dem 20. Jahrhundert. = Volkshochſchullehrgang in Halberſtadt. =- Rundſchau. = Wirt» 
ſchaftliche Fragen. = Verſchiedenes, =- Anzeigen. = Als Beilage: Blätter für Schulrecht Ur. 5. 
 
Ein Beitrag aus 
Die Schule, an der ich tätig bin, iſt eine Verſuchsſchule, 
in deren Programm gemeinſchaftlicher Unterricht und ge- 
meinſchaftliche Erziehung von Knaben und Mädchen ſelbſtver- 
ſtändlich hineingehört. Nur die Möglichkeit, aus der Praxis 
Erfahrungen in" der Frage der gemeinſamen Erziehung zu 
ſammeln, gewährleiſtet Ausführungen darüber eine ausreichen- 
de Ueberzeugungskraft. 
Den Geſichtspunkt für Sinn und 
ſal; ich ſo: 
Die uns anvertrauten Kinder ſollen Menſchen der Gegen- 
wart und Zukunft werden. Heute ſchon iſt eine geſellſchaft- 
liche Umſchichtung der Geſchlechter im Fluß, die Männern und 
'Srauen eine neue Bewertung für jich und gegeneinander 
gibt. Daß Leute da ſind, die dieſe Entwicklung leugnen oder 
fie gar aufhalten möchten, ändert an der Sache ſelbſt nichts. 
Ziel dieſer Entwicklung iſt die Gleichſtellung der Geſchlechter. 
Es gibt viele, die auch heute noch dazu neigen, Gleich- 
ſtellung mit öder Gleichmacherei zu verwechſeln, für die ſich 
Gleichſtellung etwa mit „verweiblichter" Mann“ und" „ver- 
männlicte Frau“ umſchreiben ließe. So ein mechaniſches 
Schema gilt für die Natur niemals! Zwiſchen dem, was ge- 
meinhin nach typiſchen äußeren Hauptmerthmalen als männ- 
lich und weiblich unterſchieden wird, hat ſie Aberhundert- 
tauſende von abgetönten Zwiſchenſtufen geſchaffen, die der 
Einzelne nach GeſchmaX, Laune oder wiſſenſchaftlicher VYor- 
bildung der einen oder der anderen Gruppe zuweiſt. 
Und nicht bloß dies. Dieſelbe Natur ſchuf den Menſchen 
geſellig = vielleicht ſagte man hier noch deutlicher: er- 
9 | Daher kennt auch die urſprünglichſte, 
gänzungsbedürftig. PIE1E r rür | 
weil von der Natur ' geſchaffene, erſt ſpäter wirtſchaftlich 
Richtung unſerer Arbeit 
LERN M EELS NIT IE 
ausgebaute Gemeinſchaft =. die Familie = keinerlei Trennung, 
der Geſchlechter. Bei den 
nicht. EIGE 8 
Warum ſoll alſo die Schule, die für die größere, 
der Familie erwachſene Gemeinſchaft == nämlich Volks- 
Staatsgemeinſchaft =- ihre Zöglinge vorbereiten ſoll und 
will, wie ein Hemmkloß vor die natürliche Entwicklung aus 
dem kleineren Kreiſe in den größeren hineingelegt werden? 
Ju dieſer Entwicklung ſollen Knaben wie Mädchen in gleicher 
Weiſe vorwärtsſchreiten. Warum nicht gemeinſam? Warum 
bei uns in der Großſtadt Berlin nicht gemeinſam? Wo 
auf dem Lande Knaben und Mädchen dieſelbe Klaſſe be- 
wie bei uns vielfach ' Kinder der Sonderſchulen 
Bilfs-, Schwerhörigen, Blinden-, Sprachheilichulen uſw.)? 
Gelten für dieſe Kinder die üblichen Einwände nicht? Sind 
bei dieſen Knaben und Mädchen die „Verſchiedenheiten in 
zVeranlagung/ Intereſſen und. Tempo des Fortſchreitens“ 
weniger groß? Oder ſind die oft vorgebrachten „ſexuellen 
Gefahren“ bei ihnen weniger vorhanden? Mir ſcheint, wir 
ſtoßen hier auf einen organiſatoriſchen Widerſpruch. Und 
weiter: Wie einengend iſt die Teilung nach Geſchlechtern, 
weil ſie nicht gausreichend Raum läßt für Entwicklungs- 
möglichkeiten der weiter oben angeführten „Aberhundert- 
tauſend Zwiſchenſtufen“ der ſich nie wiederholenden und 
unwiederholbaren Natur. , 
Entwicklungsmöglichkeiten =- und zwar: Gleiche Ent- 
gleiche 'Aus- 
Großen nicht und bei den Kleinen 
aus 
und 
 
* wandelt ſich nun, 
" beim Nachhaufewege ſich gegenſeitig ſchimpfen hören konnte, 
 
 
 
 
der Praxis zur Frage der gemeinjamen Erziehung 
von Knaben und Mädchen. 
wirkungsmöglichkeiten -- ſie bedeuten die Gleich 
ſtellung der Geſ Hhlechter, ſie führen ſie zwangs? 
läufig herbei. Sie ſind demnach auch Weſensbeſtandteil 
der gemeinſamen Erziehung der Geſchlechter. 5 
Dann heißt es allerdings vollſtändig mit der Anſchauung 
von beſonderer weiblicher oder männlicher Bil- 
dung brechen. An ihre Stelle tritt ſchlicht, doch allumfaſſend 
die menſchliche Bildung, die ohne zu typiſieren oder ein- 
zuengen einzig und allein jedem Menſchenkinde ohne Anſehen 
des Geſchlechts das -zuträgt und zuteil werden läßt, was es 
zu ſeinem körperlichen, geiſtigen und ſeeliſchen Wachstunm 
braucht. : 
Der Maßſtab für ſeine Bedürfniſſe iſt alfo nicht mehr zwei- 
geteilt wie in der Anſchauung vergangener Zeiten, er wird 
vielmehr beſtimmt durch ſeine gegenwärtige Aufgabe für 
die Zukunft. Nächts aber formt ſicherer und iſt in der Folge 
nachhaltiger wirkſam als ein ſtetiges Hineinwachſen in die 
Gedankengänge einer im Gleichgewicht gehaltenen Menſch- 
heit. 
Die vorſtehonden Ueberlegungen habe ich meiner Arbeit 
an den Kindern zu Grunde gelegt. Und nun zu dieſer ſelbſt. 
Ich gliedere ſie der Ueberſicht halber hier in einen unterricht- 
lichen und einen erziehlichen Teil. 
16 
Die Beobachtungen, die ich gemacht habe, beziehen fich 
auf Kinder, die urſprünglich getrennt unterrichtet wurden 
und ' die erſt ſpäter, nach etwa dem 1. Schuljahre, ge- 
meinſamen Unterricht und gemeinſaine Erziehung genoſſen. 
Mit dem Beginn des gemeinſchaftlichen Erlebens mußte ſich 
infolge des Wechſels eine große Umſtellung vollziehen. Was 
wenn die Kinder, die man oft des Mittags 
einen'gemeinſamen Weg und gemeinſame Arbeit haben? 
Anfangs freilich bleibt eine gewiſſe Spannung beſtehen, 
die ſich darin äußert, daß Rnaben und Mädchen ſich bei 
. Spiel und Arbeit und ſonſtigen Unternehmungen vecht ge- 
trennt halten und 2 Abteilungen vorhanden ſind, die jede 
für ſich vorgeht. Die eine behandelt..die andere mit einer ge- 
wiſſen Verachtung, wobei die Unaben faſt immer die Ueber- 
legenen ſpielen. Sobald man ſich dagegen näher kennen lernt 
und anfängt, einander nach Begabung, Eifer, Betätigung, 
nach guten oder ſchlechten Eigenſchaften einzuſchätzen, ergibt 
ſich doch ein anderes Bild. Es kann nicht mehr heißen: 
Hie Knabe =- hie Mädchen, ſondern es lautet nun: Hier Tüch- 
tigkeit == dort Untüchtigkeit, hier Leiſtung == dort Verſagen, 
hier Begabung == dort Nichtbefähigung, hier Sleiß -- dort 
Faulheit, hier Wahrheit =- dort Lüge. Die Bewertung hat 
dann nichts mehr mit dem Geſchlecht zu tun, ſondern bezieht 
ſich. nunmehr auf das vein Menſchliche und wird dadurch 
gerechter. Es erwächſt in den Knaben langſam die Einſicht 
daß nicht das Geſchlecht an ſich ein Mehr an Wertung be- 
deutet; bei den Mädchen dagegen gewinnt die Gewißheit 
Vaum, daß ihr Geſchlecht an ſich dem anderen gegenüber 
nicht geringere Befähigung bedeutet, ſondern daß bei voller 
Entfaltung ihrer Sähigkeiten auch für die Bewertung ihrer 
ſelbſt alles das maßgebend wird, was bisher bloß bei dev 
Beurteilung des anderen Geſchlechts als ausſchlaggebend galt, 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.