Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 59.1930, [1.Halbjahr] (59.1930, [1. Halbjahr])

< einge 5, 208.0 Zaun 
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230 Allgemeine Deutſche Lehverzeitung 
zung der Mittel für Shulbauten, Lehr- und Lexnnmmittel, 
Leibezübungen, Schülerwanderungen, die Erhöhung des 
Sdhuldgeldes, 
der Abbau von Lehrern und Lehrerinnen, die Ver- 
ſchlechterung der Lehrerbildung, die Verminderung der 
Mittel für Lehrerfortbildung, die erhebliche Verlängerung 
der Wartezeit der Junglehrer(innen) 
geſtatten feinen nenzeitlichen Nusbau des Unterrichts, hemmen 
den pädagogiſchen Fortſchritt und ſchnüren ſomit den Lebens- 
und Wirkungsraum der Schule unerträglich ein. 
Der Deutſche Lehrerverein erhebt entſchiedenen Einſpruch 
gegen den beabſichtigten Shul- und Lehrerabbau und erwartet 
von den verantwortlichen Behörden und Volksvertretern, daß 
ſie ſolchen allem volksſtaatlichen Denken und Handeln wider- 
ſprechenden Sparmaßnahmen ihre Zuſtimmung verſagen. 
Möge dex Warnruf dex Kundgebung des DLV, nit un 
gehört und unbeachtet in den deutſchen Ländern und Gemeinden 
verhallen, zum Wohle der deutſchen Jugend und des zukünfti- 
gen "Geſchlechts! 
» » 
Vorſißender Wolff: 
Meine ſehr verehrten Damen und Herren! In dem 
Augenblis, in dem ich hier ſtehe, um zu Ihnen über das 
Thema der Droſſelung der Kulturaufgaben zu ſprechen, 
ſteigen zwei Bilder aus der Erinnerung herauf, die Bezug 
haben auf unſer Thema und auf unſere Rede. ES ſteigt auf 
das Bild des Kollegen Otto, den wir am geſtrigen Nach- 
mittag draußen in Wilmersdorf zu Grabe getragen haben, 
das Bild des treuen Mannes und Vorkämpfers für die 
Deutſche Lehrerſchaft. 
(Die Verſammlung hat ſich erhoben.) 
I<h danke Ihnen, daß Sie einen Augenbli& der Weihe, einen 
Augenbli& des Gedenkens dem treuen Führer gewidmet 
haben. 
Aber äls ich geſtern das Schlußwort an ſeinem Sarge 
ſpra<, da lautete es: Der Dank des Deutſchen Lehrer- 
vereins, die Verbundenheit mit ihm ſollen zum Ausdru> 
kommen, wenn wir in die tägliche Arbeit zurückkehren. Und 
da erinnere iH mich, daß vor genau 30 Jahren Reinhold 
Otto au< einmal zu dem Thema geſprochen hat, das uns 
- heute beſchäftigt, daß er damals in Köln über die Bedeutung 
einer geſteigerten Volksbildung für die wirtſchaftliche Hebung 
unferes Volkes geſprochen hat, und daß er dabei mit aller 
Schärfe den Wert der geſteigerten Volksbildung heraus- 
gehoben hat, daß ſolche Volksbildung eine gleichmäßigere 
Berteilung der Arbeitserträge garantiere, daß ſie den 
Wohlſtand fördere, daß ſie die foziale Entwiklung eines 
Volkes" günftig beeinfluſſe und daß ſie ſeine Stellung auf 
dem Weltmarkte bedinge. Es war notwendig, das damals 
1900 zu ſagen, in einer Zeit, als Deutſchland den Weg zur 
Höhe in Reichtum und Wohlſtand- emporſties. Es iſt not- 
wendig, daß wir das auch in den dunklen Stunden ſagen, 
DUrH die wir heute wandern; denn der Grundſatz, den Otto 
ausgeſprohen hat, daß eine gleichmäßigere Verteilung dev 
ArbeitsSerträgnmiſſe kommen müſſe, iſt auch heute noh nicht 
im Vaterlande in der Form erfüllt, wie wir es wünſchen. 
No ſehen wir, wie aufreizend hohe Gehälter mit viel- 
fielligen Zahlen auf der einen Seite gegeben werden, während 
die breiten Schichten des Volkes, der Verbraucherſchaft und 
gerade auch der Beamtenſchaft =- das Wort aus der Frank- 
iurter Zeitung iſt ja bezeichnend: Die Beamten ſind heute 
alle arme Schlu&er! -- und der Angeſtellten ſtändig in ihrem 
Cinkfommen herabgedrüFt worden ſind. 
Und die zweite Erinnerung, an die. ich einleitend an- 
knüpfen mödte, iſt der Gedanke an die. Proteſtverſammlung, 
die wir vor mehr als einem Jahrfünft, auch in dieſem Saale 
hatten, als es galt, den Abbau abzuwehren. Unſer damaliges 
Vorgehen hat erreicht, daß der Shul- und Bildung8gegner 
ein StüF Weges zurüFgeworfen worden iſt und ſein Ziel, 
einen platten, mechaniſchen Abbau herbeizuführen, nicht er- 
reiht hat. In den damaligen Auseinanderſezungen mit den 
Finanzleuten haben uns die Herren immer geſagt, ſie be- 
Dauern auh, daß das kommen müſſe, aber finanzielle Gründe 
Drängen dazu. Wir haben es damals bezweifelt, daß ein 
jolcher Abbau einen finanziellen Gewinn bedeute und herbei- 
führe. Wir können heute ſagen, daß wir Recht behalten 
 
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haben. Auch der ſinanzielle Gegner von damals erklärt, daß 
der Abbau ſinanziell keinen Vorteil und kein Ergebnis gehabt 
hat. Er hat aber ein anderes Ergebnis gehabt, und das 
iſt geblieben: Das iſt der moraliſche Verluſt, den dieſe Abbaits 
maßnahmen damals gebracht haben. (Sehr richtig!) 
So ſtehen ſich die beiden Erinnerungen gegenüber? das 
Bild der Verſammlung in Köln, das Bild der Verſammliuns 
in Berlin, die Deutſche Lehrerverfammlung 1900, die Abbau? 
verſammlungen hier in Berlin in unſerem Lehrervereinshaus? 
Aufbau damals und Abwehr 19231! Damals Kelle, um zu 
bauen, dann Schwert, um abzuwehren; damals poſitives 
Schaffen, dann negativer Proteſt, und ich wünſchte, wir 
könnten auch heute an dieſer Stelle ſtehen, nicht um Proteſt 
zu erheben, ſondern um auszuführen und darzulegen, wie 
wir uns den Schulaufbau und Schulausbau denken im Voll2 
ſtaat nach volksſtaatlichen Grundſätzen. 
Aber wie immer auch unſer Proteſt lauten mag, das 
Poſitive, das Schöpferiſche, das Zeugende und Aufbauend“ 
das Jaſagende im Sinne Nietzſches ſoll auch in unſerem 
Proteſt nicht zu kurz kommen. 
Der Ausgangspunkt iſt derſelbe wie bei den Abbas 
verſammlungen vor einigen Jahren: die wirtſchaftliche Not: 
== Die wirtſchaftlihe Not iſt da. Wir wiſſen, daß vn 
einmal der Not entgangen find durc< die Verlation, die 
unendlich vielen Staatsbürgern das Geld genommen hat, 7. 
ſie in mühevollen Arbeitsjahren ihres Lebens hindurch erſpat : 
haben. Wir wiſſen, daß ein zweites Mal der Ring DEE 
wirtſhaftlihen Einengung geſprengt worden iſt dur< den 
Einfluß der Auslandsanleihen. Wir ſtehen jetzt wieder D 
der wirtſchaftlichen Bedrängnis, und es heißt in der Ta“ 
wir müſſen jet durHh Zahlen aus ver Not herauskommen: 
Die Not iſt da, und keiner von uns im Kreiſe, keiner au? 
der Lehrerſchaft wird dieſe Not verneinen. Wir- brauche? 
nur an die wahnwißig hohe Ziſſer der Arbeitsloſen 31 
denken, die in dieſem Winter von Woche zu Woche, 2 
Monat zu Monat ſtieg, die ganz ſelbſtverſtändlich, 89) 
bei beſtem Willen aller zur Arbeit, do< wirtſchaftlich vo 
denen getragen werden müſſen, die Arbeit haben und arbeiten 
können. Wir brauchen nur an die ſteigende Zahl der. Ko 
kurſe im Wirtſchaftsleben zu denken. Wir brauchen u"? 
nur zu erinnern an die ernſten Worte, die uns Damaſ ip 
geſagt hat über Bauernnot in Oſtpreußen und in anderen 
Gebieten, wo die Bauern der ſchwarzen Fahne folgen un 
verzweifelt von der Not reden und ſprechen. Wir brauchen 
uns nur zu erinnern an die ſteigende Kurvs der Selbſtmor9e/ 
bei denen in immer ſtärkerem Maße wirtſchaftliche Motive 
maßgebend ſind, brauchen endlich nur zu erinnern an Du 
hohen und ſtarken Abgaben, die wir ſelbſt, wir Schaffendel 
alle von unſerem Einkommen und durc< die indirekten 
Steuern zu zahlen haben. --- Gewiß, man könnte auch DRE 
Gegenbild zeichnen und man darf auch bei aller Anerkennu"s 
der wirtſchaftlichen Not daran erinnern, daß es heute DOE 
auch Schichten gibt, die anders als die Menge des Volte? 
leben, daran erinnern, daß Fabrik- und Gewerbebetriebe aus 
durchſichtigen Gründen aus dem Vaterlande in irgendein? 
Auslandsſtelle verlegt werden, dürfen daran erinnern, daf 
große Vermögen ſich, ſei es dur< Hinausgehen ins Auslal“ 
ſei es aber auch ſelbſt durch ein einfaches Telephongeſprä9' 
plötzlich aus Mark in Dollars und Gulden umwandeln, „dürfe! 
daran erinnern, daß es in einigen ſchweizeriſchen Städten? 
herrlich gelegen an den Seen, ſchon Straßen mit Bille! 
von Berlinern und deutſchen Neureichen in unſerer Zer 
gibt. (Hört, hört!) Keine moraliſche Entrüſtung wird 2€! 
Zuſtand ändern. Es wird vielmehr ſo ſein müſſen, daß 
Geſeßgebung und Finanzgebarung mit aller Nüchternheit L 
prüfen und alles zu tun haben werden, daß ſich dieſer Zuſta! 
ändere. 
Die. finanzielle Not alſo iſt da! Eigentlich brauche ich 
an dieſer Stelle vor der Beamtenſchaft, vor deutſchen Beru!** 
genoſſen von der wirtſchaftlichen Not nicht zu ſprechen, denn; 
die fühlt jeder Beamte, fühlt jeder Lehrer Tag um Ds 
und Woche um Woche, und was er als Berufstätiger 192 
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nicht weiß, das wird-ihm täglich von der Hausfrau ergreifen? 
7 54 ; 2 ji eſer 
geſagt werden. Und wir alle haben eins gelernt in fe 
bitteren, ſchweren, ernſten Zeit: das Sparen und Einſchränte'* 
Aber wir haben im. individuellen .Haushalt. ein - Prinzit/ 
einen Grundſatz für das Sparen aufgeſtellt und. ſind. 19" 
 
 
 
 
 
 
 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  

	        
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