Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 59.1930, [1.Halbjahr] (59.1930, [1. Halbjahr])

 
 
 
  
  
  
  
  
 
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/ Allgemeine Deufſche Lehrorzeitung 
Serausgegeben vom Deutſchen Lehrerverein 
   
Verlag und Geſchäftsſtelle: Berlin W35, Potsdamer Straße 115, Haus 2. Fernruf: B 1 8130/8131 
Verantwortlicher Schriftleiter: Guſtav Kuhrt, Berlin W 
35, Potsdamer Straße 113, Haus 2. Sernruf: BI 8130/8151 
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39. Jahrgang Berlin, den 26. Juni 1930 Nummer 26 
Inhalt: Rükſchau auf Kaſſel. = Die Vertreterverſammlung des Deutſchen Cehrervereins in "Kaſſel. =- Die Not der Kinder wan- 
dernder Landarbeiter. = Rundſchau. =- Wirtſchaftliche Fragen. =- Deutſcher Lehrerverein, =- Verſchiedenes. = Anzeigen, 
-- Als Beilage: Bücherſchau Ur, 6. 
 
 
 
Die Schriftleitung der Allgemeinen Deutſchen Lehrerzeitung hat Herr G. Kuhrt in Vertretung über? 
nommen, Alle Einſendungen ſind bis auf weiteres an die Geſchäftöſtelle Verlin W 35; Potsdamer Straße 113; 
Haus 2; zu richten. 
Rückſchau 
Die 58. VDertreterverſammlung des Deutſchen Lehrer- 
vereins liegt hinter uns; eine rü>ſchauende Betrachtung ihres 
Verlaufs, ihrer Arbeit, ihrer Leiſtung läßt den Ertrag ab- 
ſchätzen. Als Urbeitsverſammlung gedacht, mit ſtarkem Ein- 
ſatz von Kraft und mit aller Sorgfalt vorbereitet, mit ganz 
ſtark veranwortungsbewußter Arbeit durchgeführt, iſt ihr Er- 
trag nicht gering. Es ſind Beſchlüſſe gefaßt worden, die für 
die Schulpolitik des Deutſchen Lehrervereins, die aber auch für 
ſeine Sukunft als Verein und als Träger einer großen Aufgabe 
von entſcheidender Bedeutung ſind. Das iſt um ſo bemerkens- 
werter, als die Dertreterverſammlung in eine beſonders 
Fritiſche Zeit fiel, die ſich = vor allem in beamtenpolitiſcher 
Beziehung -- von dem allgemeinen Kriſenhintergrunde, der 
dur< die Vorträge und die Ausführungen der verſchiedenſten 
Ausſpracheredner vielfach eine helle Beleuchtung erfuhr, deut- 
lich abzeichnet. Das Bewußtſein, daß eine dieſer kritiſchen 
"Zeit entſprechende gegenwarts-bedingte, zugleich auch weit vor- 
ſchauende, zukunftsnotwendige Arbeit geleiſtet werden mußte, 
war in den Vertretern und auh in den erfreulicherweiſe über- 
aus zahlreichen ſonſtigen Teilnehmern der Verſammlung 
zweifellos ſtark vorhanden; die Verſammlung hat es ſich mit 
ihren Entſchlüſſen nicht leicht gemacht! Dieſes Bewußtſein 
ſprach deutlich aus der Verſammlung. Es wäre falſch, von 
einer „gedrüdten“ Stimmung zu ſprechen, aber ſie war noch 
um einen Grad ernſter, als es ſonſt vielfach Vertreterverſamm- 
lungen. ſind. So ſtand die Stimmung ganz zweifellos im 
Gegenſatz zu der frühſommerlichen Helle und wolkenloſen 
Klarheit der: feſtlichen, pfingſtlichen Tage. 
: „Die Verſammlung- ſtand zunächſt aganz ſtark unter dem 
Eindru> des Pfingſtgeſchenks an die Beamtenſchaft, das mit 
den beiden Begriffen „Reichshilfe der Feſtbeſol- 
deten“ und „Ausgabenſenkungsgeſeß" hin- 
reichend gekennzeichnet iſt. Die damit geſchaffene Lage war 
das Geſpräch der Vereinsarbeiter, die nach Kaſſel gekommen 
„waren, um eigentlich vorzugsweiſe andere Fragen zu ver- 
„handeln und zu entſcheiden, ſchon vor Beginn der Tagung; ſie 
"beherrſchte in vordringlichem Maße die Verhandlungen der 
Vereinskörperſchaften, die ſchon vor der Dertreterverſammlung 
tagten, des Geſchäftsführenden Ausſchuſſes und des Haupt- 
"ausſchuſſes; und. es war klar, daß die Vertreterverſammlung 
dazu ihr deutliches Wort ſprechen mußte. Der Lage und der 
*'Stimmung wurde dadurch Rechnung getragen, daß die Tages- 
ordnung der Dertreterverſammlung um dieſen Punkt vermehrt 
wurde, Während hier Meinungsverſchiedenheiten über die 
' Sache nicht beſtehen konnten, =- die Spannung war von außen 
“herangetragen worden und ſie konnte ſich nur in einer Rich- 
„tung auslöſen --, lag es bei den urſprünglich auf der Tages- 
ordnung ſtehenden Verhandlungsgegenſtänden anders; es waren 
in ihnen zahlreiche, innerhalb des Vereinskörpers wirkſame 
'Spannungsmomente gelegen. Das gilt ſchon für den erſten 
Hauptgegenſtand der Tagung: „Die Vereinheitlichung des 
„Reiches und die Schule,“ Un ſich mußte auch hier die Linie 
des Deutſchen Lehrervereins, der ſich früh und entſchieden zur 
»Reichskulturpolitik bekannt hat, der“ ein nicht unweſentliches 
Verdienſt daran hat, daß dem Reich kulturpolitiſche Zuſtändig» 
"'Feiten gegeden, daß Schulartikel in die Reichsverfaſſung auf-; 
 
auf Rajſel. 
genommen wurden, ganz klar ſein. Aber die geradezu ver- 
nichtende Antwort auf die Frage, was das Reich denn mit 
dieſem Geſchenk, das es hochſchätzen ſollte wie kein anderes, in 
dem verfloſſenen Jahrzehnt angefangen habe, muß natürlich be- 
denklich mächen, und es iſt natürlich und begreiflich, daß die 
Bedenken dort beſonders ſtark empfunden werden, wo die 
Schulgeſezgebung in dieſen zehn Jahren in der Richtung der 
Ziele der Reichsverfaſſung und unſeres Schulprogramms ſtark 
vorangekommen iſt. So lagen alſo auch hier Spannungs- 
momente, und es beſtand die Gefahr, daß die Vertreter- 
verſammlung in ihren Meinungen ſtark auseinanderging. Auch 
bei der zweiten Hauptaufgabe „Volksſchule und Berufsſchule“ 
waren Spannungsmomente gegeben. Sie ergaben ſich aus 
einer verſchiedenen Bli>richtung auf die Aufgabe. Iſt es 
richtig, ein Zukunftsbild zu zeichnen, ohne ſich viel um das 
Beſtehende zu kümmern? Alſo einen Einheitsſchulbau in 
großen Maßen und klaren Linien zu zeichnen, hoffend, daß ſich 
die klare Zwe>mäßigkeit propagandiſtiſch durchſetzen werde und 
geſetzgeberiſche Ukte herbeizwinge? Oder: ſoll man das, was 
beſteht, annehmen und unterſuchen, was darin gut und trag- 
fähig iſt, was und wie es auszubauen iſt, wie es ſich über- 
führen läßt in einen Bau, der wohnlich und zwe>mäßig und 
gerecht iſt, der letzten Endes doch nach Fertigſtellung des Um- 
und Ausbaues ſich zu einem guten, gerechten Ganzen fügt? 
Das gab die großen Spannungen in dem ſpannungsreichen 
pädagogiſchen und ſchulorganiſatoriſchen Gebiet, das durch 
dieſe Frage begrenzt wird. Stärker und ſichtbarer waren die 
Spannungen aber in bezug auf: die Fragen vereinspolitiſcher 
Natur. Da ſtand zunächſt die Frage der Beſoldung des akade- 
miſch gebildeten Lehrernachwuchſes. Swei Hauptausſchuß« 
ſizungen des D. L.-D. hatten es trotz gründlichſter und gae- 
wiſſenhafteſter Arbeit, die auch zu völlig klaren Mehrheits- 
entſcheidungen führten, nicht vermocht, die Spannung zu 
beſeitigen; ſie mußten in der Vertreterverſammlung aus- 
getragen werden; und die Spannung. bekam durch die in- 
zwiſchen bedrohlich gewordene beamtenpolitiſche Cage und 
durch die deutlicher und drüFender gewordene Gegenwartsnot 
noch ihre beſondere Schärfe. Und endlich lag aus dieſem 
Grunde auh in bezug auf die für Kulturzwecke erforderliche 
Beiträgserhöhung keine eindeutig günſtige Situation vor. Dey 
Deutſche Lehrerverein hat einen ſo vorſichtig vechnenden Schaß- 
meiſter, daß eigentlich jede Yertreterverſammlung ſeine Vor«- 
ſchläge gutheißt, und wenn für die geforderte Beitragser- 
höhung diesmal kein abſolut günſtiger Boden vorhanden war, 
ſo. iſt auch-das ein Zeichen der. Zeit. 
Aber trotz aller Spannungen wurde die Vertreterverſamms= 
lung in Kaſſel zu einer einheitlichen, geſchloſſenen, kraftvollen 
Kundgebung. Sie wurde mehr als eine Urbeitsverſammlung, 
die nur ſaubere, gut durchgearbeitete Beſchlüſſe faßt und Ent- 
ſchließungen formt, Sie zeigte den wachen Willen des Deutſchen 
Lehrervereins, ſeine Ziele, mögen ſie auf kulturpolitiſchem, auf 
" ſchulorganiſatoriſchem, auf“ vereins- und beſoldungspolitiſchem 
Gebiete liegen, durchzuſetzen. Sie zeigte, daß 'der Deutſche 
Lehrerverein - ſich - durch Stimmungen und +» Gegenwarts- 
erwägungen von ſeiner Linie nicht abdrängen läßt, zeigte, daß 
ſeinte "Glieder ſich tro ſachlicher Meinungsverſchiedenheiten 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
	        

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