Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 59.1930, [1.Halbjahr] (59.1930, [1. Halbjahr])

 
 
 
 
Nr. 5 Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung 83 
M, E. würde die Verlängerung der Studienzeit auf ſechs 
Semeſter kaum den erhofften Erfolg zeitigen, wenn man daran 
feſthalten ſollte, die Studenten zu - verpflichten, gleichmäßig in 
fünf Fachgebiete ſo weit als möglich einzudringen. In welchem 
Ausmäße letzteres überhaupt möglich iſt, ſei dahingeſtellt. Nuch 
die menſchliche Kraft iſt begrenzt. Wird denn wirklich der ſo 
mit „gleichſchwebenden“ Fähigkeiten vorgebildete Lehrer den 
Bedürfniſſen der nenen Schule überall gerecht werden können? 
Wird nicht auch der akademiſche Volksſchullehrer gleich ſeinem 
ſeminariſchen Amtsbruder bei ſeiner Schularbeit ſo oft das 
quälende Bewußtſein haben müſſen, überall manches, aber doch 
nirgendwo wirklich Ausreichendes zu leiſten? „Man ſage auch 
nicht, daß für die Volksſchule ein gutes Ullgemeinwiſſen aus- 
reiche. Wir erleben es täglich, daß das nicht ſtimmt. Je mehr 
die Entwiklung vorſchreitet und den Wiſſensſtoff mehrt, deſto 
deutlicher wird ſich das zeigen. Schon heute ſind eine? Reihe 
von Fächern mehr oder weniger in die Hände von Fachlehrern 
gelegt: Turnen, Handarbeit, Werkunterricht, Haushaltungs- 
unterricht der Mädchen, Stenographie, Naturkunde und Natur- 
lehre. Die anderen Fächer werden folgen. Es iſt etwas 
Dwangsläufiges in dieſer Entwicklung." (Paul Garz a. a. O.) 
Darum wäre wohl zu erwägen, ob der mecklenburgiſche Weg 
der Beſchränkung der Fachgebiete bei vertiefter Nuswertung 
auch für unſere P. U. eninöglicht werden könnte. 
Wie ſchon erwähnt, haben die Studenten des Pädagogi- 
ſchen Inſtituts zu Roſto> die Freiheit, ſich aus dem Tehraut 
der VDolksſchule zwei Fächer zum vertiefenden Studium zu 
wählen. „Wir nennen ſie vepräſentative Wahlfächer, weil der 
in ihnen vermittelte Bildungsgehalt gleichſam in Vertretung 
der nicht gewählten Cehrgebiete ein Beiſpiel für die übrigen 
Dolksſchulfächer geben ſoll. Die repräſentativen Wahlfächer 
ſollen den Studenten durch die Urt ihres Studiums auf den 
beiden Stufen die Richtung weiſen, in der er in bezug auf die 
nichtgewählten Lehrgebiete ſpäter durch eigene Weiterbildung 
zu verfahren hat. Darum ſind die Wahlfächer repräſentative 
Wahlfächer. Nur als Wahlfächer werden ſie von den Studie- 
renden mit innerer Nötigung und mit anteilnehmendem Selbſt- 
gefühl aufgenommen, und der Abiturient wird es mit allem 
nur dann aufnehmen, wenn er die Möglichkeit hat, aus Nei- 
gung, Einſicht oder Pflichtgefühl auf einem ſyſtematiſch-didak- 
tiſchen Bildungswege ſich in zwei Fachgebieten ſtufenweiſe 
vertiefen zu können. Nur dann kommt ihm zum Bewußtſein, 
was ihm für die nichtgewählten Lehrinhalte ſpäter noch zu 
tun übrig bleibt. Er hat die Pflicht, je ein Fach aus der gei- 
ſteswiſſonſcha*tlichen (Religion, Deut'h, Geſchichte-Volkskunde) 
und naturwiſſenſchaftlichen (Mathematik, Biologie, Erd- 
kunde, Phyſik-Chemie) Reihe zu wählen, und zwar wählt er 
ein Fach als Haupt- und ein anderes als Nebenfach.“ (Holz, 
a. a. M.) Für das Hauptfach ſtehen ihm. vier Wochenſtunden 
und dazu noch eine wahlfreie zweiſtündige Arbeitzgemein- 
ſchaft, für das Nebenfach zwei Wochenſtunden zur Verfügung, 
Auf den Einwand der „lüdenhaften“ AUusbildunag dieſer 
Lehrer kann man mit einem Worte Prof. Brohmers antworten? 
„Dölliger Mangel iſt ein kleineres Nebel als Halbheit.“" Wel- 
<h<en Wert man in der me&lenburgiſchen Lehrerbildung gerade 
dem Fachſtudium beimißt, ſollen zwei Aeußerungen Roſtocker 
Profeſſoren erhellen“): | 
Dr. Drenc>hahn ſagt von ſeiner mathematiſchen Arbeit: 
„Das Ziel dieſer Vorleſung wird in einer geläufigen SION 
beherrſchung erbli>t, die als eine der Grundvorausſetzungen 
eines wahrhaft ſchöpferiſchen Unterrichts angeſehen wird, und 
die es dem Lehrer erlaubt, den ANeußerungen kindlicher Selbſi- 
tätigkeit um ſo mehr nachzugeben, als er ſie in ihren Aus- 
wirkungen ſchneller überſieht und ſich auf Grund ſeiner ver- 
tieften Renntniſſe nicht ſo ſehr an beſtimmte Normalweze 
gebunden fühlt." d 
4 
) In dem Beiheft zur „Mecklenb, Schulztg.“ v. 28. 9, 28. 
 
 
 
Und Dr. Eddelbüttel, der Biologe, führt aus: „Jiu Unter 
richt aus dem Leben für das Leben zu ſchöpfen, frei von reiner 
theoretiſierender Wiſſenſchaftlichkeit und doh im Grunde durch 
drungen von wiſſenſchaftlichem Geiſt und Denken, ſo können 
wir zuſammenfaſſend die Arbeit des Biologielehrers ?2nn- 
zeichnen. Daß für „den Lehrer, der in dieſer Weiſe ſeinen 
Unterricht zu geſtalten verſucht, die wiſſenſchaftliche Grund- 
legung eine unumgängliche Vorausſetzung iſt, kann nicht ein- 
dringlich genug betont werden. Wir würden andernfa.is 
ſchlimmem Dilettantismus und unerträglicher Naturdeuterei 
Yorſchub leiſten, Für den Ausbildungsgang ergeben ſich aus 
dieſen Zielſetzungen zwingende Folgerungen. JZm Vorder- 
grund ſteht die gründliche jachliche Durchbildung, die, an das 
von der Schule mitgebrachte Wiſſen anknüpfend, ducchaus 
wiſſenſchaftlichen Methoden folgt. Exkurſionen und praktiſche 
Arbeiten im biologiſchen Laboratorium, ausgebaut und er- 
gänzt durch Vorleſungen, bilden- das Kernſtü> der Arbeit. .... 
Es muß unter allen Umſtänden die Möglichkeit zu tiefſchür- 
fender Arbeit gegeben ſein. . .. Ohne wiſſenſchaftliche Vertie- 
fung, auch auf engerem Gebiet, erziehen wir nur zu oberfläch- 
licher Ulleswiſſerei, die der Tod allen wirklichen Verſtändniſſes 
für biologiſches Geſchehen iſt." 
Schon 1912 ſchrieb der im Rriege gefallene, Reg.- und 
Schulrat Sic, Kabiſch: „In der Volksſchule brauchen wir 
Cehrer, die wiſſen, was ſie tun, die ein Verſtändnis haben für 
das Leben mit ſeinen Forderungen und Formen, kurzum, die 
gebildet ſind. Keine methodiſche und Fachbildung, wenn ſic 
nicht in dieſe allgemeine geiſtige Höhe hineingearbeitet wird, 
kann irgend etwas helfen; ſie würde immer nur Scheuklappen 
vorbinden und die Beſchränktheit einer Technik vermitteln, 
die an einer Kurbel dreht, wie der Jnder an ſeiner Gebets- 
mühle. Wahre Bildung aber fängt doch immer erſt da an, wo 
ſie an einem Punkte anfängt, Spezialbildung zu werden und 
in die Tiefe zu gehen.“ Gerade die Fülle der Aufgaben, vor 
die der angehende Dolksſchullehrer „geſtellt wird, verführt ſo 
leicht zur Entwi>lung in die Breite, zum Paddeln an der 
Oberfläche, Das alte Kehrerſeminar weiß davon ein Lied zu 
ſingen. Ein Hinabſteigen in die Tiefe wiſſenſchaftlicher Er- 
kenntniſſe iſt gerade für den Lehrer erforderlich, der mehr als 
andere ein ſelbſtändig denkender Menſch zu werden ſich be- 
mühen muß. Denn der Lehrer ſoll -- nach der miniſteriellen 
Denkſchrift =- mehr als Lehrer der Jugend ſein. Er muß 
„zum Dienſt an der Gemeinſchaft geeignet und bereit" ſein. 
Damit iſt auch dem letzten Landlehrer ſein Platz in der Volks- 
hochſchulbildung, in der Erwachſenenbildung, zugewieſen. 
Soll er aber hier ein Führer und Helfer werden, ſo muß er 
ſelbſt bis zu den Quellen gelangt ſein. 
Zum Schluß noch ein Ausbli> auf diejenigen Schulen, 
die -ſich aehobene Klaſſen angegliedert haben. Der Dienſt an 
dieſen Klaſſen wird dem Volksſchullehrer dann im allgemeinen 
verwehrt, wenn dieſer nicht eine weiterführende Prüfung 
(Mitteljchullehrerprüfung, Prüfung für das höhere Lehramt) 
abgelegt hat. Es ſteht aber feſt, daß die gehobenen Klaſſen nur 
dann organiſche Beſtandteile der Volksſchule ſein und bleiben 
können, wenn ſie von regulären Volksſchullehrern betreut 
werden. Wir ſehen auch hier eine innere Notwendigkeit, die 
Lehrerbildung ſo auszugeſtalten, daß ſie allen Aufgaben der 
Volksſchule gerecht zu werden vermag. 
Es kam im vorliegenden nicht etwa darauf an, die 
medlenburgiſche Löſung der Lehrerbildungsfrage gegen die 
preußiſche auszuſpielen, ſondern es ſollte der allen Seiten er- 
wünſchte Ausbau der P. A. zur zwe>mäßigſten pädagogiſchen 
Hochſchule im Intereſſe der Bedürfniſſe unſerer Volksſchule 
mit dem Hinweis auf beachtenswerte Stimmen zum Fäch- 
ſtudium als dem m, E. brennendſten Problem erneut zur Aus- 
ſprache geſtellt werden. „Prüfet alles und behaltet das 
Beſte! ' 
 
Nundſchau. 
| Das Eniſchädigungs5ge"elz betreffend die Privatſchulen 
it vorläufig erledigt. Allo Verſuche. der Regierungen oin- 
zelner Cänder, durch den Konflikt zwiſchen Preußen und dem 
Reich hindurchzukommen, ſind bisher vergoblich geweſen, Ueber 
don tieforen Grund dafür. haben wir uns in der vorigen Uum- 
mex der Zeitung ausführlich ausgoſprochen, Wir haben auch 
( 
auf die eigenartige Haltung des Katholiſchon Lehrervorbandes 
bingewieſen.“ Jekt iſt nun der Goſekentwurf von der Reichs- 
regierung überhaupt zurüädgezogen worden. Der 
Deutſche Lehrerverein hat nämlich auf ſeine Eingabe 
vom 10, Januar 1930 von dom Reichsminiſter des Jnnern 
untor- dem 25. Jamtar folgende Antwort orhalten: 
  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
	        

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