Full text: Handbuch für das Berufs- und Fachschulwesen

602 Paul Ziertmann 
erſihen wollen. Sie ſuchen ſtets die Linie des geringſten Widerſtandes: und die 
führt gewiß nicht durch die Fachſchule. Und noch eins gilt: für den „Ballaſt“ 
iſt die Berechtigung das einzige Mittel, um zu einer ihm paſſenden und geſicherten 
Exiſtenz zu gelangen: deshalb beſucht er die Schule und bleibt auf ihr. Die Schüler 
der Fachſchulen, insbeſondere die der Maſchinenbauſchulen, beſißen bereits eine 
Berufsausbildung, die zur Lebenösſicherung hinreicht; ſie müſſen, wenn ſie die 
Fachſchule beſuchen wollen, für längere Zeit auf Verdienſt verzichten und können, 
wenn ſie ſie vorzeitig verlaſſen, meiſt ſofort wieder Verdienſt finden -- ganz 
im Gegenſaß zum Schüler der höheren Schule. Es wird alſo im Durchſchnitt 
bei dem Fachſchüler ein ſtärkerer Wille zur Sache oder zum Vorwärtskommen 
da ſein müſſen: den hat der Ballaſt nicht und wird daher die Fachſchule eher ver- 
meiden als auſſuchen. Kommt er aber doch, ſo wird er bei den Arbeiten -- 3. B. 
auf der Kunſtgewerbeſchule = ſeine Unfähigkeit leichter erkennen, und er wird auch 
leichter entlaſſen werden können: er fällt ja in einen Beruf zurück, und nicht 
ins Leere wie der von der höheren Schule vorzeitig Abgehende. 
2. Dem Einwand, daß eine Vermehrung der Zahl der Fach? und Verminderung 
derjenigen der höheren Schulen eintreten würde, wäre entgegenzuhalten: Eine 
Vermehrung der Zahl der Fachſchulen wäre nur erwünſcht: leider wird ſie nicht 
eintreten, da die Einrichtung dieſer Schulen jeßt unerſchwinglich koſtſpielig wäre, 
Nur zwei Schulformen werden zahlreicher werden: die Wirtſchaftsoberſchulen und 
die Frauenfachſchulen. Das entſpricht den Bedürfniſſen der Wirtſchaft und des 
Lebens und iſt auch deshalb wünſchenswert, weil dieſe Schulen den Kindern des ver- 
armten Mittelſtandes auf der einen, des gehobenen Arbeiterſtandes auf der anderen 
Seite eine gute berufliche Vorbildung geben können, die zu baldigem Verdienſt 
führt und dabei Möglichkeiten der Weiterbildung für den Tüchtigen gewährt. 
3. Schließlich wird man den gegen alle Schulreformen immer bereit gehaltenen 
Univerſaleinwand auch hier zu hören bekommen: die allgemeine Bildung würde 
leiden. Soweit ſich hinter dieſem Cinwand StandesLintereſſen verbergen, muß er 
aus einer ſachlichen Erörterung wie der vorliegenden ausſcheiden. Soweit er be- 
ſagen ſoll, daß die „allgemeine Bildung“, der pädagogiſche Ausdru> einer ver- 
gangenen Zeit, in Zukunft nicht mehr die allein „berechtigte“ und anerkannte 
ſein ſoll, bezeichnet er nur das, was hier für notwendig gehalten wird, und iſt 
alſo kein Cinwand. Wäre gemeint, daß der Bildungsbeſtand überhaupt geringer 
werden wird, ſo wäre das Gegenteil zutreffend. Denn wenn bisher etwa zur 
Hochſchule nicht zugelaſſene Gruppen nunmehr ſtudieren, ſo iſt im ganzen die 
Folge nicht eine Verminderung, ſondern eine Vermehrung der erworbenen Kennt- 
niſſe und Fertigkeiten. Soll der Einwand bedeuten, daß der große humaniſtiſche 
BVildungsgedanke, der ja heute neue Kraft gewonnen und auch die Volksſchulen 
ergriffen hat, gefährdet ſei, ſo iſt auch das nicht zu erwarten. Nein äußerlich 
geſehen iſt der Beſtand an höheren Schulen in Deutſchland ſo groß, daß er durch 
ein paar Dußend Fachſchulen mehr nicht bedroht wird. Dann iſt aber auch die 
Überzeugung von dem hohen inneren Wert der humaniſtiſchen Bildung ſo ſtark
	        

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