Full text: Handbuch für das Berufs- und Fachschulwesen

Das Berechtigungsweſen 603 
und verbreitet, daß ſie die höhere Schule auch in Zukunft mit Sicherheit halten 
wird. Dieſe Überzeugung hat ſogar, wie geſagt, an Kraft zu gewonnen, und mit 
darauf iſt es meines Erachtens zurückzuführen, wenn heute auf den urſprünglichen 
tiefen Sinn des Wortes Bildung gegenüber der bisher verbreiteten rein äußerlichen 
Auſfaſſung wieder mehr zurückgegangen wird. Und ſchließlich: wird die höhere 
Schule von den ihr nicht gemäßen Köpfen mehr entlaſtet, ſo wird ſie ihre 
eigentliche pädagogiſche Aufgabe, die Bildung im alten Sinne des Wortes, mit 
größerem Erfolge löſen können als bisher. 
In einer Beziehung aber kann der Einwand berechtigt ſein: wenn er nämlich 
ausdrücken ſoll, daß die Fachſchulen ihre Aufgabe bis jetzt noch zu eng faſſen. Sie 
geben die Ausbildung für eine beſtimmte Berufstätigkeit. Daß dabei das menſchliche 
Innenleben und ſeine Entwicklung nicht im Mittelpunkt ſtehen kann, liegt im 
Weſen der Sache. Sachliche Notwendigkeiten -- einerlei, ob techniſche und beruf- 
liche, oder ob politiſche, religiöſe oder militäriſche = kennen keine Rückſicht auf 
den Menſchen -- und darin liegt zu einem großen Teile ihre diſziplinierende Wir- 
kung; auch die höhere Schule verhält ſich zum Menſchen teilweiſe ebenſo: fremd»- 
ſprachliche Grammatik, Mathematik, Naturwiſſenſchaften = was haben ſie, troß 
aller Verſuche zu humaniſtiſcher Umbiegung, ſchließlich mit den menſchlichen 
Seelen zu tun? 
Die Fachſchule faßt aber ſachlich ihre Aufgabe zu eng. Zu einer beruflichen 
=- nicht nur fachlichen = Ausbildung gehört auch die Einſicht in die Aus- 
wirkungen der Berufstätigkeit über den eigentlichen Beruf hinaus und in die 
Stellung des Berufs innerhalb der übrigen Aufgaben von Geſellſchaft und Staat; 
auch die entſprechenden Kenntniſſe gehören dazu. Eine derartig erweiterte und 
damit auch menſchlich reichere Berufsbildung geben bisher nur die jüngſten 
Schulen, die kaufmänniſchen, die Frauenfachſchulen. In den übrigen hat ſich 
dieſer Bildungsgedanke noch nicht voll ausgewirkt. Zur Ausbildung des Technikers 
gehören aber heute nicht nur Baukonſtruktionslehre, Maſchinenelemente und Zeich- 
nen; er muß auch über die ungeheure wirtſchaftliche Bedeutung, die volks- und 
weltwirtſchaftliche Auswirkung der Technik unterrichtet ſein, er muß ihre noch 
größere ſoziale Bedeutung und die entſprechenden Folgen für die Um- und Neu- 
bildung des Nechts kennen, und er muß ſchließlich, wie der Fortbildungsſchüler, 
in der Bürgerkunde im Anſchluß an ſeinen Beruf vorgebildet werden für die 
Tätigkeit als Staatsbürger. * Wenn die Fachſchulen ſo ihre Aufgabe weiter faſſen, 
ſo werden ſie damit zugleich eine weitere menſchliche Bildung als bisher erzielen, 
die allerdings etwas völlig anderes wäre als die humaniſtiſche Bildung der 
höheren Schulen: es wäre die Bildung des heutigen, des arbeitenden, des berufs- 
tätigen Menſchen. Wirkt die Aufnahme der Fachſchulen in das Syſtem der Be- 
rechtigungen in dieſer Nichtung, ſo wäre damit ein wichtiger und notwendiger 
Schritt nach vorwärts in unſerem Bildungsweſen überhaupt getan. Ohne Kampf 
 
1 Anſäße dazu ſind vorhanden, ſ. O, Wende, Leitfaden der Staatsbürgerkunde für techniſche 
Fachſchule, H. 1--5,. Berlin, Neuther & Reichard 1920--1924,
	        

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