Full text: Handbuch für das Berufs- und Fachschulwesen

Berufswahl und Berufsberatung 
Von Dr. Rudolf Schindler, Berlin 
I. Die geſchichtliche Bedingtheit der Berufsberatung 
18 im 18. Jahrhundert die merkantiliſtiſch orientierte Politik, die mit die 
Grundlagen des Frühkapitaligmus ſchafft, ganz einſeitig den Handel und den 
aufkommenden Induſtrialismus begünſtigt und die dem Merkantilismus folgende 
Lehre der Phyſiokraten, der gewaltige Einfluß der Smithſchen Doktrinen die 
uncingeſchränkte Gewerbefreiheit der Wirtſchaft bringen, verlieren die Zünfte 
endgültig ihre Stellung als Produktionsbeherrſcherinnen, das Handwerk unter- 
liegt und muß Plaß machen der aufkommenden Induſtrie, die Zünfte löſen ſich -- 
teils unter ſtaatlichem Zwang, teils aus eigener Ohnmacht -- auf, und mit ihnen 
verſchwindet die von ihnen geſchaffene Berufspolitik. Doch derſelbe Individualis- 
mus, der die Zünfte und ihre Berufspolitik vernichtet, ſchafft die neuen wirt- 
ſchaftlichen und geſellſchaftlichen Verhältniſſe, die eine neue, gänzlich anders- 
artige Berufspolitik bedingen, die um die Wende des 19. Jahrhunderts zu der 
modernen Berufsberatung geführt haben. 
Die uneingeſchränkte Gewerbefreiheit verhilft dem modernen Kapitalismus zu 
ſeinem endgültigen Siege, der einzelne Gewerbetreibende -- ſei er nun Hand- 
werker im eigentlichen Sinne, d. h. Handwerker mit der typiſch handwerklichen 
Geſinnung, oder ſei er ſchon kapitaliſtiſcher Kleinunternehmer = ſie alle ſind 
nicht mehr in erſter Linie zur Bedürfnisbefriedigung berufen, ſondern der immer 
mehr zunehmende rein kapitaliſtiſche Großbetrieb mit ſeiner ihn beſonders kenn- 
zeichnenden Warenproduktion ſtillt von nun an die weſentlichſten Bedürfniſſe der 
Menſchen, die bis ins Feinſte zergliederte Arbeitsteilung, ein beſonderes Kenn- 
zeichen unſeres Induſtrieſyſtems, hat die traditionelle Arbeit verdrängt und an 
ihre Stelle die rationelle Technik geſeßt; d. h. die Herſtellung eines Produktes, 
ein Arbeitskomplex, aus den verſchiedenſten Handgriffen und Tätigkeiten be- 
ſtehenb, den früher ein einzelner Handwerker ausführte, wird jezt in viele mecha- 
niſche Einzeltätigkeiten zerlegt. Aus einer Arbeit ſind alſo viele Arbeiten, aus 
einem Handwerker ſind viele Arbeiter geworden. Und bei jeder dieſer Tätigkeiten 
ſucht man die Arbeitsmethode anzuwenden, die in kürzeſter Zeit, bei dem ge- 
ringſten Kräſteverbrauch am ſicherſten zum Ziele führt. Das traditionelle Über- 
gehen der handwerklichen Fertigkeiten vom Vater auf den Sohn, vom Meiſter auf
	        

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