Full text: Abbitte - Forstschulen (1)

365 
praktizierte nach mehrfachem Wechſel ſeine8 Wir- 
kungökreiſes ſeit 1815 al8 Arzt in Offenbach, wo 
er 1823 in jeinem Hauſe eine Erziehungsanſtalt 
gründete u, bi8 zu ſeinem Tode (5. Sept. 1849) 
leitete. 
Sein Hauptwerk iſt „Organi8mu8s der deutſchen 
Sprache" (1827, 21841 1); die deutſche Gram 
matik bearbeitete er in mehrern Werken, ſo auch 
in dem oft aufgelegten „Leitfaden für den erſten 
Unterricht in der deutſchen Sprachlehre" (1833). 
Für die Einführung jeiner Methode u. für deren 
Anpaſjung an die Bedürfniſſe der Volksſchule 
wirkte beſonders der verdiente Lehrer R. IJ. Wurſt, 
Verfaſſer der „Sprachdenklehre“ (1836) u. der 
Anleitung zu deren Gebrauche. --- Die Auf- 
faſſung der Sprache al8 Organi8mus teilt B. 
mit W. v. Humboldt u. J. Grimm, aber 
er machte jich nicht die hiſtoriſche Betrachtungs= 
weiſe der Germaniſten zu eigen, wa8 ihm viel» 
fach Gegner ſchuf. Der Saß, daß der Unter- 
richt in der Grammatik der Mutterſprache eine 
Denkſchule ſein müſſe, iſt ebenfalls ein berechtigtes 
Prinzip ; aber in deſſen Durchführung verkannte 
B. die pſychologiſchen Vermittlungen von Denken 
u. Sprechen. Er überſchäßte die Verwandtſchaft 
von Begriff u. Wort, von Urteil u. Saß u. ſchob 
damit die Grenze der Logik zu weit in die Gram= 
matik vor. Begriff u, Wort teilen zwar den Cha= 
rakter der Allgemeinheit, aber das Wort bezeichnet 
nur einen Kenntni8inhalt, der Begriff hingegen 
gibt das Weſen ee „Znhalt3 wieder, wodurd) er 
zum Denkinhalt erhoben wird, während das Wort 
zunächſt nur einen Vorſtellungskomplex ausdrückt, 
Dasſelbe Verhältni8 beſteht zwiſchen Urteil u. 
Saß; der lehtere beſagt nur einen Kenntnisinhalt: 
„Dieſer Baum blüht“, die Zuteilung einer Tätig | h 
keit an einen Gegenſtand; dagegen beſagt da3 
Urteil: „Der Baum blüht“ : e3 iſt de3 Baume3 
Art zu blühen, u. ſtiſtet einen bleibenden, u. zwar 
kaujalen Zuſammenhang zwiſchen Baum u. blühen, 
gerade wie der Begriff einen bleibenden Zuſammen- 
hang von Merkmalen ausdrückt. Der Saß ver- 
bindet zuſammengeratene, das Urteil zuſammen=- 
gehörige Vorſtellungen, die dadurch zu Be 
griſſen werden. Worte u. Säße bringen die 
Schüler mit, den Denkgehalt zu geben iſt Auf- 
gabe jede3 Unterrichts, nicht der Sprachlehre allein, 
eine Aufgabe, die verkannt wird, wenn Wort u, 
Begriff, Saß u. Urteil gleichgeſeßt werden. B. 
verſucht die grammatiſchen Kategorien, 3. B. die 
Kaſu3, aus logiſchen Verhältniſſen abzuleiten, 
während hiſtoriſch deren abſtraktere Bedeutung 
aus einer ſinnlichen erwachſen iſt, z. B. der Dativ 
ſich aus dem Lokativ, der Genitiv, wie der Name 
richtig ſagt, ſich aus der Vorſtellung der Stammes= 
verwandtſchaft (lat. genus) entwickelt hat. 
Dieſe Mängel in den Grundanſchauungen B.3 
wurden nun dadurch erhöht, daß er einſeitig die 
Saßanalyſen pflegte u. damit, ohne zu wollen, 
einen mechaniſchen Lehrbetrieb veranlaßte. Gerade 
in dieſem Punkte iſt er zu wenig Logiker. Der 
 
Bedachtſamkeit -- Begabung. 
 
366 
Saß will eine Vorſtellung8verbindung, der denk- 
haltige, zum Urteil erhobene Saß einen Gedanken 
ausdrücken, wobei reale Verhältniſſe zugrunde lie- 
gen, Dieſe ſind nun eine8 mehrfachen ſprachlichen 
Ausdrucs fähig, u. in der Art, wie die Sprache durch 
verſchiedene Mittel einen Realbeſtand ausdrücken 
kann, liegen ihr Reichtum u, ihre Anpaſſungs- 
fähigkeit an den Gedanken. So kann ich z. B. eine 
Zeitbeſtimmung durc eine bloße Verbalform aus= 
drücken, od. durch Zufügung eine3 Adverbiums, 
od. durch eine partizipiale Wendung, od. durch 
einen unabhängigen Saß, od. dur< einen ab= 
hängigen, beide dur< Konjunktionen eingeleitet. 
Der Unterricht muß zeigen, wie die Sprache dieſelbe 
Aufgabe auf verſchiedene Weiſe löſt, wodurch ein 
genetiſcher Zug in das Verfahren kommt, nicht aber 
dieſe Löſung38weiſen ſtereotypieren, wie e8 B. tut. 
E3 bleibt das Verdienſt des geiſtvollen u. kennt= 
nisreichen Mannes, die Aufgabe, die Sprachlehre 
zu einer Denkſchule zu machen, in Angriff genoms= 
men zu haben. Die Mängel ſeines Verfahrens 
laſſen ſich verbeſſern; u. die3 ſoll geſchehen gegen= 
über dem einſeitigen, da8 logiſche Moment der 
Sprache beiſeite ſtellenden, oſt pyyhologiſch auf= 
gepußten Lehrbetriebe, der leider vielfach Plaß 
gegriffen hai. 
Literatur. Willmann, Didaktik (8 73: Zur 
organiſch-genetiſchen Behandlung der Sprachkunde); 
der]., Aus Hörſaal u. Shulſtube (TI, 3: Die gene= 
tiſche Methode). [O. Willmann.] 
Bedachtſampkeit ſ. Vorſicht. 
Bedingte Begnadianng Jugeno- 
licher |. Strafaufſchub. 
Bedürfnisanſtalten ſ. Aborte. 
Befangenheit |. Blödigkeit u. Schüchtern= 
eit. 
Befehl |. Gebot u. Verbot. 
Begabung, 1. Begriff. Die B. berührt ſich 
nahe mit Anlage (f. d.) u. Fähigkeit. Im allge= 
meinen erſcheint ſie mehrals eine poſitive Erhöhung 
od. Steigerung der normalen natürlichen Anlage, 
während die Fähigkeit eine aus8gebildete Anlage iſt. 
Leßtgenannte3 Wort bezeichnet die mit der Geburt 
bereit3 gegebene Dispoſition der ſpätern Entwick= 
lung ; in dem Worte B. liegt auch die durc< Ums= 
gebung u. Cinwirkung erzeugte Entfaltung der 
DiSpoſition mit eingeſchloſſen. Wenn man von 
der B. eines Schulkindes ſpricht, denkt man nicht 
bloß an die ihm von Natur eigne Anlage, ſondern 
an deren Entfaltung, wie fie dur< Unterricht, Er= 
ziehung u. ſonſtige Umwelt zurzeit gegeben iſt. 
Anlagen zum Denken u. Sprechen hat jeder nor= 
male Menſch ; B. dazu, wer e3 leicht zu lernen 
vermag ; Fähigkeit darin od. dazu hat, wer e8 gut 
auszuüben verſteht. Ähnlich iſt e3 mit der Anlage, 
der B., der Fähigkeit zum bzw. im Zeichnen uſw. 
Zndes ſind dieſe Unterſchiede nicht ſo ſcharf fiziert, 
daß die Wörter nicht auch häufig als gleichgeltend 
geſeßt u. miteinander verwechſelt würden. 
Das Wort B. (begabt) bezeichnet für ſich allein 
durchweg eineüberda8normale Maßhinaus3gehende 
 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.