217
haben ſie aber weſentlich im niedern, ſinnlichen
Strebevermögen u. ſind an da8 Nervenſyſtem als
an ihr Organ gebunden. Daher muß die Be-
ſchaffenheit u. der Zuſtand des geſamten Nerven»
apparate8, namentlich de8 vegetativen (ſym-
pathiſchen) Teiles, die Geſtaltung des Gemüts=
lebens beeinfluſſen. In den körperlichen Störungen,
u, zwar in endogenen, d. h. innern organiſchen
Urſachen, iſt die Veranlaſſung de8 Mitleidens der
Seele --- bei G. der traurigen Verſtimmung --
gegeben, Die G. wird ebenſowohl hervorgerufen
durc< Hemmungen des Eintreten8 freudiger Ge=
fühlöbetonung (Störungen der Anſpruchsfähig=
keit) wie durch den Ausfall zentraler Hemmungs3-
vorgänge, die bewirken, daß niederdrückende Ge-
fühle gleich zu (aſtheniſchen) Affekten anſchwellen
(Störungen der Intenſität).
Die G. findet ſich vorzug8weiſe bei der Melan-
Uu. Geiſte8krankheiten. G. deckt ſich alſo nicht mit
Melancholie, Bei Kindern kann ſich die G
ſchleichend entwickeln u. dur< wohlbegründeten
Kummer (Todesfall, Heimweh) eingeleitet wer-
den. Nicht ſelten iſt ſie auch die Folge von ge=
Heimen geſchlechtlichen Verirrungen (ſ. d.). Sie
iſt kenntlich an der trübſeligen Laune, an dem
Mangel an Lebensluſt, an Intereſſelofigkeit für
Spiel u. Unterricht, an Freudloſigkeit bis zur
völligen Neaktionsloſigkeit des Gefühls od. bis
zum vollkommenen Peſſimi3mus8 u. zur Hoff=
nungöloſigkeit auf Gott u. Menſchen.
Die Behandlung der G. iſt Sache de3
Arztes, ſpeziell des Nervenarztes. Frühzeitiges
Erkennen u. ſachgemäßes ärztliches Eingreifen
verhindern oft tieſeres Umſichgreifen der G. mit
ihren für da3 ganze Leben ſ Sculbeſuch , kurz jede Anſtrengung iſt zu ver-
bieten. In höhern Graden kommt Anſtalt38-
behandlung in Betracht.
Literatur. Lehrb, d. Pſychiatrie von Bin8»
wanger u. Siemerling (*1911) u. v. Krafft-Ebing
(71903). [W. Bergmann.]
Gemütsveränderungen werden her=
vorgerufen durch ſtarke Gemütsbewegungen, die
identiſch ſind mit Affekten (in8beſondere den einer
Leidenſchaft angehörigen). Das auf G. Bezüg=
liche iſt daher nachzuſehen unter dem Art, Affekt-
ſtörungen.
Generallaudſchulreglement, Felbi-
ger (ſ. d.), dem wir die Bearbeitung des preußi-
ſchen G. für die neugewonnene Provinz Schle=
ſien verdanken, hat ſeiner pädagogiſchen Haupts-
ſchrift „Eigenſchaſten, Wiſſenſchaften u. Bezeigen
rechtſchaſfener Schulleute“ al8 Motto eine Stelle
aus den M6moires de Brandebourg Jried=
richs d. Gr. vorausgeſeßt, die in Felbigers8 Über=
jehung mit den Worten anhebt: „Cinem Geſeß-
geber iſt keine Sorgfalt anſtändiger als die, die
er für die Erziehung der Jugend trägt." Wenige
Fürſten haben dieſe3 Wort ſo wahr gemacht wie
Friedrich d. Gr. ſelbſt. Kaum hatte er den Thron

Gemüt3veränderungen -- Generallandſ
218
beſtiegen, ſo ordnete er an, daß „alle von ſeine3
in Gott ruhenden Herrn Vaters Majeſtät in
Schulſachen erlaſſenen Befehle u. Reglement3 in
der völligen Kraft, Autorität u. Verbindlichkeit
ſein u. bleiben ſollten“, da er nicht gewillt ſei, „es
nunmehr bei dem Kirc weſen wieder auf den alten unordentlichen Fuß
kommen zu laſſen“. Da es namentlich die Guts-=
herren mit ihren Pflichten ſehr leicht nahmen, ſo
forderte er in einem Erlaſſe v. 23. Okt. 1741 die
Negierungen zu ſcharfer Überwachung der Patrone
auf. Am 23. Okt. 1743 ermahnte er ſodann die
Lehrer, ſie ſollten „ſich der Jugend aufs treulichſte
annehmen u. ſie im Katechismus u. andern guten
Künſten mit Fleiß unterrichten. . . . Hierbei iſt
vor allem das Gewiſſen zur Buß= u. Glauben8-
prüfung, zur Erneuerung de3 Taufbunde3 u. zur
Furcht Gotte3 zu führen. Die Pfarrer ſollen hier=
zu wie zu allem übrigen den Schulmeiſtern die
nötige Anweiſung erteilen“. Intereſſant iſt, wie
. | der König in diejem Erlaſſe, der den Einfluß des
Pietiömus nicht verleugnet, bemüht iſt, troß ſeiner
freigeiſtigen Anſchauungen „dem Volke die Re
ligion zu erhalten“. Leider nahmen ihn in den
folgenden Jahren die kriegeriſchen Ereigniſſe ſo
in Anſpruch, daß die Sorge um das Schulweſen
zurücktreten mußte. Aus dem Jahre 1754 ver=
dient aber Erwähnung eine „Kgl. Preußiſche Land=
Scul-Ordnung, wieſol u. der Grafſchaft Navenöberg durc obachten ſei“. Dieſe Mindener Schulordnung iſt
erſt neuerdings in ihrer Bedeutung, beſonders auch
für das G. von 1763, mit dem ſie in den Haupt=
punkten übereinſtimmt, gewürdigt worden. Sie
enthält Beſtimmungen über die Schulzeit, die
Sculſtrafen, die Beſeßung der Schulſtellen, den
Unterricht, die Ferien, die Schulauſſicht uſw.
Auch in ihr iſt ein ſtark pietiſtiſcher Einſchlag un-
verfennbar, ſo in dem Abſchnitte über den Neli-
gionäunterricht, od. wenn die Lehrer wie im G.
aufgefordert werden, „jede8mahl zur Information
durc herkliches Gebet, für ſich, vorzubereiten“.
Als Friedrich d. Gr. ſich am Ende des 7jäh-
rigen Krieges den Geſchäſten der Negierung wieder
ungeteilt zuwenden konnte, trat die Sorge um das
Schulweſen ſofort in den Vordergrund. Zn einer
Kabinett8order an den Miniſter v. Danckelmann
regte er die Abfaſſung eines „Reglement8“ an,
in dem 11. a. auch die Frage der Schulauſſicht u.
der Anſtellung der Lehrer geregelt werden ſollte,
die beide ausdrücklich al3 Angelegenheiten der
Staatsbehörden aufgeſaßt wurden. Es ſollten
feine Lehrer mehr angeſtellt werden, „die nicht
vorher von dem hieſigen Konſiſtorialrat u. Pre-
diger Hecker examiniert worden u. von dieſem ein
Atteſt erhalten, daß ſie zu ſolchen Schulämtern,
wozu ſie beſtellt werden ſollen, tüchtig ſind“.
Demjelben Heer (f. d.) wurde die Bearbeitung
de38 vom Könige gewünſchten Reglement3 über=
tragen, u. er entledigte ſich ſeiner Aufgabe durch
das „Kgl. Preußiſche G., wie ſolches in allen

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.