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Gegen einen ſolchen widerſeßt ſie ſich unter Um»
ſtänden offen, weil ſie weder Achtung vor ihm
nod) Vertrauen zu ihm hegt; ja ſie kann ihn
haſſen, wiewohl er vielleicht den beſten Willen hat,
gerecht zu ſein. Cs gibt eben leider auch unter
den Erziehern genug Leute, die unfähig zum Er-
ziehen ſind, weil ſie gar keine Menſchenkenntnis
beſißen, nach dem äußern Scheine urteilen, fich von
andern voörxeinnehmen, durc< ein unrichtiges Ge
fühl beſtimmen u. irreleiten laſſen, nach einem
Falle mit einem Jungen „fertig ſind“. Nettes
Weſen, Liebens8würdigkeit, Sc dienerei blenden u. beſtechen leicht. Und dod) iſt
oft der ungebärdige Troßkopf, der Mutwillige ein
im Grunde prächtiger Kerl von gediegenem Weſen,
ein treuherziger, guter, unverdorbener Junge, der
nur nicht verſtanden, nicht richtig behandelt wird.
Jeder Lehrer u. Erzieher muß ſich bewußt bleiben,
daß er nicht in die Seele ſchauen kann, bevor ſie
ſelbſt ſich ihm öſſnet, u. daß ex daher irren u. die
G. verleßen kann, auch ohne daß er e3 weiß od.
will. Der Jugend aber muß er durd) ſein ganze3
Auſtreten, ſeinen Unterricht u. ſeine Erziehungs»
weiſe zeigen, daß er ſelbſt ein gerader, durc u.
dur wahrer, ehrlicher Charakter iſt, ein Feind der
Lüge, der Scheinheiligkeit, ein Beſchüßer der Au8=
geſtoßenen u. Geächteten, kein Spion, ſondern ein
ehrenfeſter Wächter des Geſehes u. der Ord»
nung, der nicht na 8 x aburteilt, ſondern anhört
u. verſtändig unter gewiſſenhafter Berückſichtigung
der Umſtände u. der Perſönlichkeit urteilt, karg
im Loben wie im Tadeln, aber unbeugſam, wo
da3 Recht die Strenge gebietet.
11. Anwendung im Unterrichte, Gleichheit
der Behandlung iſt noc< lange niht G. Denn
Alter, Beweggründe, häusliche Verhältniſſe eines
Kindes u. ſeine Erziehung von der Familie her,
der Charakter zwingen häufig zu völlig verſchie=
dener Beurteilung ein u. derſelben Sache : Si duo
faciunt idem , non est idem. Zwei Jungen
derſelben Klaſſe wurden öfter3 wegen Verſpätung
in der Schule beſtraft u. mir ſchließlich als un=
verbeſſerlich zur Anzeige gebracht. Was ſtellte ſich
bei näherer Unterſuchung herau8? Der eine, aus
guter Familie, die viel Geſellſchaſten hatte, blieb
abends lange auf u. morgens zu lange im Bette,
weil die Eltern ſich um ſein Auſſtehen nicht
kümmerten u. er ſelbſt Hang zu Leichtſinn beſaß.
Der andre, aus ganz armer Familie, mußte -- da
die Mutter krank war, der Vater als Wädter in
einer Fabrik die Nacht zubrachte -- morgens ſeine
jüngern Geſchwiſter waſchen, ankleiden, die Mutter
vor dem Weggehen beſorgen, kurz das ganze
Hausweſen in Ordnung bringen, ehe er ſelbſt zur
Schule gehen konnte. Der brave Sohn u. Bruder
ließ ſich vom Lehrer tadeln, mit Strafe bedrohen
u. = ſagte nichts, weil er vor ſeinen Kameraden
fich ſchämte. Wenn nun jener beſtraft wurde,
dieſer ſich ſtill auf ſeinen Plaß begeben durſte, er-
ſchien da8 Verhalten de3 Lehrer3 der Klaſſe zu=
nächſt ungerecht, bis die durchweg gutgearteten
Gerſon.

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Mitſchüler den Grund der verſchiedenen Behand-
lung erkannten u. der Mitſünder, ein gleichfalls
gutherziger Knabe, unter vier Augen aufgeklärt
ward u. von dieſem Tage an ſtet8 pünktlich er-
ſchien. Am häufigſten klagen die Schüler u. ihre
Eltern über die Ungerechtigkeit von Lehrern in der
Erteilung von Prädikaten auf den Zeugniſſen u.
in den Arbeiten, meiſt völlig mit Unrecht u. aus
Unkenntni8. Vereinzelt mag e3 vorkommen, daß
ein Lehrer wirklich von Vorliebe für den einen,
von Abneigung für den andern ſich leiten läßt.
Daz iſt ein trauriges Zeichen für den Mann. Im
allgemeinen jedoch wird man verſichert ſein kön-
nen, daß G. die Nichtſ der Schüler dur) die Lehrer iſt. Die Mitglieder
eines Lehrkörper8 üben gegenſeitig Aufſicht in
gutem Sinne, u. nie ſehlt es in einem Kollegium
aud) an einem advocatus diaboli, der für den
größten Schlingel u. Faulpelz noch plädiert. Er=
hält ein Lehrer eine neue Klaſſe, ſo ſoll er ſich ſein
Urteil lieber ſelbſt bilden, als daß er ſich erſt über
die Guten u. Böſen durc< Kollegen unterrichten
läßt. Schon oſt hat in einem verruſenen Schüler
die bloße Wahrnehmung, daß der neue Lehrer ihn
ohne Vorurteil behandelt, eine gänzliche Umwand=
lung hervorgerufen. Da3 bloße Gefühl, daß der
Erzieher alle mit gleichem Wohlwollen beurteilt,
wirkt ungemein ſegen3reich. Wenn die Stimme
de3 jungen Volkes auf „gerecht“ lautet, ſo wird
dies zum Zauberwort für das Verhältnis zwiſchen
Klaſſe u. Lehrer u. zwiſchen den Kameraden felbſt.
Des Erziehers Wahlſpruch lautenicht bloß: „Jedem
das Seine“, ſondern auch: „Jedem das Deine“ ---
deine ganze Liebe u. Sorge, Je ſ Schüler iſt, um ſo mehr bedarf er der Hilfe. Und
darum nimm dich der ſchwächern beſonders eifrig
an. Rufe ſie häuſig auf, erkläre ihnen doppelt
gründlich, muntere ſie auf, wenn ſie verzagen
wollen ; weiſe dagegen die , welche über falſche
Antworten lachen, zurück u. hole das Gute heraus
aus dem Verkehrten u. hüte dich de3halb auch,
vorj men. Vielleicht hat ſich der Schüler nur unge=
ſchi>t aus8gedrüct, u. dein übereiltes Urteil war
ungerecht. Siehſt du das ein, dann mache dein Unz
recht ſoſort gut, indem du e3 offen bekennſt. Das
wirkt mächtig auf junge Gemüter u. tut wenigſtens
dem Lehrer, der Autorität befißt, keinen Eintrag,
im Gegenteil. Sie ſehen, daß ihrem Unterweiſer
die Wahrheit über alle3 geht. Ohne Wahrheit
keine G. DaZ merke ſich vor allem auch der Lehrer
der Geſchichte. Es macht einen unauslöſchlichen
Eindruck auf die Schüler, wenn ſie wahrnehmen,
daß der Lehrer nicht nach ſeinem konſeſſionellen
od. politiſchen Standpunkte die Tatſachen dar=
ſtellt, ſondern ſtreng der Wahrheit gemäß u. ohne
Voreingenommenheit. [S. P. Widmann.]
Gerſot, 1. Leben8gang. Johannes G.
(mit dem Vaterönamen Charlier) wurde am
14. Dez. 1363 zu Gerſon bei Rethel (Diözeſe
Neim3) als älteſter Sohn einer kinderreichen

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