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angehenden Prediger mehr bot als die übrigen
Proſeſſoren mit ihren dogmatiſchen Spißfindig-
keiten. Anjeindungen, aus Neid u. Mißgunſt
hervorgegangen, ließen e8 ihm wünſchenswert er-
ſcheinen, Leipzig auf längere Zeit zu verlaſſen, zu
mal da3 wiederum verliehene Familienſtipendium
ſeinem Drange nach Vertiefung ſeiner theologiſchen
Bildung neue Nahrung bot. Cr begab ſich 1687
nach Lüneburg zu dem als Bibelerklärer u. prak-
tiſchen Seeljorger weithin bekannten Superinten-
denten Sandhagen. Der täglihe Umgang mit
dieſem wurde für ihn von höchſter Bedeutung, ja
er führte auf ihn nicht3 weniger als ſeine endgül-
tige Bekehrung zurück ; denn die Glauben3zweiſel
feiner frühen Jugend kamen hier erneut zum Aus=
bruch. F. war um eine Predigt angegangen wor=
den Über Jo 20, 31 : „Dieſes iſt geſchrieben, da-
mit ihr glaubt, daß Jeſus iſt Chriſtus, der Sohn
Gottes, u. damit ihr durch den Glauben das Leben
habt in feinem Namen.“ Da ward er inne, daß
er dieſen Glauben ſelbſt nicht habe, u. geriek nun
in die ſchwerſten Anfechtungen ; alles, ſelbſt die
Exiſtenz Gottes wurde ihm unſicher, u. ſein ganzes
Leben ſchien ihm Sünde u. Greuel. Die Angſt
trieb ihn bald zu Tränen bald zum Gebete. Dieſer
Zuſtand dauerte lange an, u. ſchon wollte er die
Predigt abjagen, da er nicht heucheln konnte. End=
lic) an einem Sonntagabend fiel er nochmals auf
die Knie u. flehte um Errettung. Da erfüllte ihn
plößlich der Herr in ſeinem Herzen mit ſolcher Kraft
der Gnade, daß er von allen Zweiſeln befreit u. mit
einem Strome der Freude überſchüttet wurde. „Das
war die Zeit“, ſagte er, „dahin ich meine wahr=
hafkige Bekehrung rechnen kann, denn von da ab
hat es Beſtand gehabt mit meinem Chriſtentum.“
Nachdem er no< mehrere Monate in Hamburg
Aufenthalt genommen, um ſich in der neugegrün-
deten Armenſchule im Unterrichteganz jungerKinder
zu üben, 11. darauf Spener (ſ, d.), Oberhoſprediger
in Dresden, das Haupt des Pietiamus, beſucht
u. an ihm einen Freund fürs ganze Leben ge=
funden hatte, kehrte er im Febr. 1689 nach Leipzig
zurüek. Er nahm das Collegium philobiblicum
wieder auf ; lebhaſt empfahl er das Studium der
Bibel, warnte vor gelehrten Auslegungskünſten u.
vor redneriſch aufgepußten Predigten u. forderte
vor allem praktiſches Chriſtentum dureh Erfüllung
der göttlichen Gebote. Der Zudrang aus akademi=
ſchen wie nichtakademiſchen Kreiſen wurde ſo ſtark,
daß er oft vor mehr al38 300 Hörern ſprach. Die
ältern Fachgenoſſen wurden neidiſch auf dieſe Er=
ſolge u. gehäſſig zugleich wegen ſeiner Freundſchaft
mit Spener, der ihnen als fremder Eindringling
in ein vielbegehrtes Amt beſonder38 verhaßt war;
zuleht verſtiegen ſie ſich ſogar zu einer Anklage
wegen Keßerei, weil F. Scriften eines katholiſchen
Theologen günſtig beurteilt hatte. Die Unter-
ſuchung nahm zwar für ihn einen günſtigen Ver-
lauf, aber er ſchadete ſich ſelbſt, da er nun ſeiner-
ſeits zum Angriff überging u. eine rüdſichtsloſe
Beſchwerde gegen die theologiſche Fakultät an den
Frande.

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Kurfürſten richtete. Die Folge war das Verbot
theologiſcher Vorlefungen u. pietiſtiſcher Anleitung
der Studierenden. Damit war ſein Cinfluß unter-
bunden, u. e3 blieb ihm nicht3 übrig, al3 Leipzig
endgültig zu verlaſſen (Ende 1689).
Bald wurde ihm die Stelle al8 Diakonus (Hilf8=
prediger) u. Lektor an der Univerſität Erfurt über=
tragen. Nuhe ſollte er indeſſen auch hier nicht
ſinden. Wiederum begann ex mit einer dem Collo-
gium philobiblicum ähnlichen Einrichtung, wenn
er auch dieſen Namen vermied; wiederum hatte
er großen Zulauf, ſogar von Studenten aus Leip-
zig u. Jena, u. fand in zahlreichen Familien be=
geiſterte Auſnahme; wiederum erhob ſich die Mehr=
zahl der Geiſtlichkeit, auſgereizt von Leipzig, gegen
ihn. Da er die Angriffe mit gewohnter Heftigkeit
ſogar von der Kanzel abwehrte u. den Amt8ge=
noſſen Gleichgültigkeit u. Nachläſſigkeit vorwarf,
jo erfolgte 1691 ſeine Entlaſſung, die verſchärft
wurde durch die Weiſung, „ſich zur Vermeidung
unausbleiblichen Schimpfes binnen 2 Tagen von
hier hinweg u. ander3wohin zu begeben“.
F- ging zunächſt zu ſeiner Familie nach Gotha.
Nicht lange ſollte er ohne Stellung bleiben ; denn
Spener, inzwiſchen nach Berlin beruſen, vermit=
telte feine Anſtellung als Profeſſor an der neu=
gegründeten Univerſität Halle ; zugleich wurde ihm
das Pfarramt im Dorfe Glaucha vor den Toren
der Stadt übertragen. Im Jan. 1692 trat er
jein neues Amt an. Zwar folgten auch hierhin
die Anfeindungen der frühern Widerſacher, u. neue
kamen hinzu, aber die Vorgänge von Leipzig u.
Erſurt konnten ſich nicht wiederholen, da er zu
mächtige Stüßen an dem Könige u. deſſen Ne-
gierung hatte; daher erwarb er ſich allmählich den
ſichern Beſiß des neuen Arbeitsfeldes, auf dem er
zu ungeahnten Erfolgen u. geſchichtlicher Bedeutung
gelangen follte. Zunächſt nahm ihn ſeine Pfarr=
gemeinde, die durch Armut, Trunkſucht u. Sitten=
lofigfeit völlig zerrüttet war, erheblich in Anſpruch.
Zahlreiche Arme gingen Woche um Woche Al-
moſen heijhen ; Donnerstags kamen ſie zum Pfarr-
hauſe. Als ſie wieder einmal vorſprachen, ließ er
ſie eintreten, ſtellte die Alten auf die eine, die
Zungen auf die andre Seite u. fing nun an, die
Kinder aus dem Kate die Erwachſenen zuhören mußten. Nad einer
Viertelſtunde ſchloß er mit einem kurzen Gebete u.
teilte dann ſeine Gaben aus. „So will ich es künftig
jeden Donnersötag halten“, ſagte er zum Abſchiede.
Der Zuſpruch blieb aber aus, denn es fehlte an
dem zugkräftigen Mittel. Da hing er eine Opfer-
büchſe in ſeinem Studierzimmer aus u. ſeßte den
Spruch darüber: „So jemand dieſer Welt Güter
hat, ſieht ſeinen Bruder darben u. ſchließt ſein
Herz zu, wie bleibt da die Liebe Gottes bei ihm?
Ein jeglicher nad ſeiner Willkür, nicht mit Un=
willen od. Zwang, denn einen ſröhlichen Geber
hat Gott lieb." Aud) dieſe3 Mittel hatte anfangs
wenig Erfolg; aber eines Tages ſpendete eine
ſromme Frau 7 Gulden auf einmal.

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