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nen, um dieſen Kern gruppiert. Jm vierten Kurſe
folgt, was ein Hauptverdienſt G.3 bildet, die Auf»
Ftellung einer neuen Leſelehre (f. d.), die Schreib-
leſemethode. Heſtig bekämpfte er die Lautier-
methode Stephanis (ſ. d.), deſſen erſten Kinder=
unterricht er die erſte Kinde8qual nennt. Iſt G.
auc nicht gerade der Erfinder des Schreibleſens,
ſo doh für uns der Shulmann, dem wir dieſen
ſegensreichen Fortſchritt im erſten Leſeunterrichte
verdanken. Wenn aud ſeine Weiſe noh recht ge=
fünjtelt war, namentlich die Jdee ganz falſch iſt,
die Buchſtabenformen al8 Abbildungen der Mund=
ſtellungen aufzufaſſen u. dafür die lateiniſche
Scriſt zu gebrauchen, ſo waren doh die Grund=
prinzipien richtig : vom Hören u. Sprechen der
Laute zu deren Schreiben u. dann zum Leſen des
Geſchriebenen überzugehen.
G. hat auch den Taubſtummen ſeine Teil=
nahme geſchenkt. Gerade die Beſchäftigung mit
dieſen verleitete ihn dazu, auch beim Screib-
unterrichte der Vollſinnigen ein ſo große3 Gewicht
auf die Mundſtellungen zu nehmen. Die Jdee,
den Unterricht der Taubſtummen der Volksj u. dem Volksſchullehrer zuzuweiſen, fand Anklang.
In Bayern waren lange Zeit die Scullehrer-
ſeminare mit Taubſtummenanſtalten verbunden,
in denen die Lehrer aud) die Elemente de3 Taub
ſtummenunterricht3 lernten, bis die Erfahrung
lehrte, daß ſol Lehrer in beſondern Anſtalten gebildet werden,
Mit welcher Liebe u. Begeiſterung G.
für die Erziehung erfüllt war, läßt ſich ſchon
aus den Fragen erſehen, die er jedem Lehrer zur
Selbſtprüſung ſtellt : 1. Ob er Liebe zu den Kin=
dern habe, ob er fich zu ihnen hingezogen fühle u.
im Umgange mit ihnen Luſt u. Vergnügen ge=-
nieße? Denn die Liebe iſt der Kunſt erſte u. vor-
züglichſte Bedingung. 2. Ob er auch zur Un-
verdroſſenheit u. Geduld geſtimmt ſei? Denn kein
Amt fordert mehr dieſe Eigenſchaften. 3. Ob er
aud) eine ſo lebendige Phantaſie habe, daß er ſich
die Individualität eines Menſchen u. inöbeſondere
eine8 Kindes lebhaft vor Augen zu halten verſtehe?
4, Die wichtigſte Frage, ob er von dem Beruſe
der Menſchenbildung die religiöſe Anſicht habe u.
von der Divinität des Menſchengeſchlecht3 durch-
drungen ſei?
III. Schriften. Von den 25 Werken G.8
ſeien die wichtigſten angeſührt : „Der erſte Kinde3-
unterricht die erſte Kinde3qual" (1805); „Divini-
tät, od. das Prinzip der einzig wahren Menſc erziehung" (1811, 81830); „Die Elementar
ſchule für3 Leben in der Grundlage zur Neform
des Unterricht3" (1817, “41839); „Da3 Schul-
meiſtertum mit der Elementarſhule fürs Leben im
Kampfe“ (1820; Streitſchr. gegen Stephani) ;
„Die Elementarſchule ſür3 Leben in der Stei-
gerung“ (1828); „Der dur< Gefühl u. Ton=
ſprac<ße der Menſchheit wiedergegebene Taub=
ſtumme“ (1829, *1834); „Da3 Verhältnis des
Elementarunterricht3zur Politik der Zeit "(21837);
Grauſamkeit -- Gregor 1.

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„Die EClementarſchule für3 Leben in ihrer Voll=
endung“ (1841 ; hr8g. von Lehrer Ludwig).
Literatur. H. Gräfe, Schule u. Unterr. (1839)
253/355; K. G. Hergang, Pädag. Realenzyklop. I
(1843) 812/826 ; K. A. Schmid, Enzyklop. des geſ.
Erzieh.» y, Unterrichtöweſ. 111 (21879 f) 38/45;
W. Nein, Enzyklop. Handb. der Pädag. Il (1895 f)
905 fz; 8. Kellner, Skizzen u. Bilder Ul (1862).
[I. Heigenmooſer.]
Grauſamkeit, kindliche, ſ. Tierquälerei.
Gregor 1, hl., Papſt. 1. Lebensſkizze.
Papſt G. 1., wegen ſeiner hervorragenden Lei-
ſtungen u. Verdienſte der Große genannt, ent=
ſtammte dem altrömiſchen Geſchlechte der Anicier
(vgl. De Roſſi, Inseript. I [Rom 1857/61] 571)
u. wurde wahrſcheinlich 540 zu Nom geboren, u.
zwar als Sohn des Senator8 Gordianu3 u. der
Sylvia , die beide al38 Heilige verehrt werden.
Sorgfältig in allen Wiſſenſchaften unterrichtet,
wandte er ſich unter dem Einfluſſe der frommen
Mutter wohl ſchon früh einer religiöſen Richtung
zu. Von ſeiner öſſentlichen Wirkſamkeit iſt bis
zu ſeinem Auftreten al3 Präfekt (höchſter Zivil=
beamter) von Rom (um 571) nichts bekannt. Ob=
wohl als ſol Zeiten von glücklichſten Erfolgen begleitet, faßte er
gerade in dieſer Periode den Cntſchluß, ſich aus der
Welt zurückzuziehen, u. gründete mit ſeinem reichen
väterlichen Vermögen 6 Klöſter in Sizilien u. ein
ſiebtes, das St Andrea3=Floſter, in ſeinem Vater-
haufe auf dem Monte Celio, in dem er ſelber etwa
ſeit 573 od. 575 als Mön nad der Negel des
hl. Benedikt lebte. Aber ſchon 577 wurde er von
Papſt Benedikt 1. al8 Regionarius (römiſcher
Diakon) in das öffentliche Leben zurückgerufen u.
legte ſpäter (579/585) als Geſchäftsträger (Apo=
friſiarin8) de3 Papſte3 Pelagius Il. in Konſtanti=
nopel die kirchenpolitiſchen Streitigkeiten bei. Nach
ſeiner Rückkehr nac Nom trat er wieder in ſein
Kloſter ein, wurde dort zum Abte gewählt u.
auch in dieſer Stellung vom Papſte vielfach als
Ratgeber u. Sekretär in Anſpruch genommen. Als
Pelagiu8 Il. am 5. Febr. 590 geſtorben war,
wurde G. troß ſeiner eindringlichſten Ablehnung
(er machte ſogar einen Fluchtverſuch) von Senat
U. Volk einſtimmig zum Papſte erwählt u. am
83. Sept. gekrönt. Nah einem in den mannig-
fachſten Beziehungen denkwürdigen 1. erſtaunlich
inhaltreichen 14jährigen Pontifikate ſtarb G. am
12. März 604 zu Rom.
II. Pädagogiſche Bedeutung. Mitſeiner treſſ=
lichen Verwaltung der Kirc ſozialer Nöte, der Hebung der kirchlichen Diſziplin,
der Reſormierung des Mönch8weſen38, der Beſeiti=
gung der Häreſien in den verſchiedenſten Ländern,
der Chriſtianiſierung der Angelſachſen, ſeiner wiſ=
ſenſchaftlichen Schriftſtellerei (die auf die praktiſche
Richtung der mittelalterlichen Scholaſtik, wie die
zahlloſen G.zitate in den Sentenzenwerken u.
Summen des Mittelalter3 beweiſen, ſo ſtark ein=
gewirkt hat), ſeiner hervorragenden Predigtgabe

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