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8 87.) So unzuläſſig dieſe Au8dehnung de8 Hus=
manitätsbegrijfes iſt, jo läßt ſich doch auch nicht
verkennen, daß H. die Jdee der Kalokagathie der
Griechen, die das Schöne auf dem Grunde des
Guten zu verwirklichen heißt, ernſt nahm u. den
ſittlichen Beruf des Dichters nachdrücklich betonte,
wie er denn in Goetheſchen Balladen, wie „Der
Gott u. die Bajadere" u. a., etwas „Priapeiſche3“
ſand u. rügte. Dieſen Ernſt teilt er mit Schiller,
allein er findet in deſſen Schifalsötragödien „Die
Braut von Meſſina“ u. „Wallenſtein“ heidniſchen
Fataliämus (vgl. Choleviu8, Geſch. d. deutſchen
Poeſie nach ihren antiken Element. [1 [1856] 24f).
IV. Würdigung des Volkstums. Die hohe
Verehrung der Alten hält H. nicht ab, das Echte, Ur=
ſprüngliche, Wurzelhafte in Dichtungen aller Zeiten
u. Völker zu ſchäßen. „Die gemeinen Volksſagen,
Märchen u. Mythologien ſind gewiſſermaßen Ne
ſultat de8 Volk8glauben3, ſeiner ſinnlichen An»
j weil man nicht weiß, glaubt, weil man nicht ſieht,
wo man mit der ganzen ungeteilten Seele wirkt,
alſo ein großer lite für den Geſchicht-
ſchreiber der Menſchheit, für den Poeten u. Poetiker
u. Philoſophen“ (Ähnlichkeit der mittlern engl.
11. deutſchen Dichtkunſt, Werke VIT: Zur ſchönen
Lit.). Hier zeigt ſich H. als Vorläufer der N o=
mantiker: ſeine „Stimmen der Völker“ (1778
al38 „Volkölieder“ erſchienen) haben „Des Knaben
Wunderhorn“ vorbereitet u. den Schäßen der
Volksdichtung den Weg in unſre Sculen ge=-
bahnt. In H.3 Blättern „Von deutſcher Art u.
Kunſt“ (1773) erſchien der epochemachende Auf-
ſaß Goethes über das Straßburger Münſter; die
„Iltdeutſche Periode" Goethe8, der auch die älteſten
Partien des „Fauſt“ angehören, iſt durch H. be-
einflußt. Nach G. Jacobi (H. als Fauſt [1912])
hätte Goethe ſogar H.3 Perſönlichkeit bei der
Zeichnung Fauſt8 vorgeſ Einſchränkungen gelten kann.
V. Einſluß auf Germaniſtik, Hiſtorik u.
Geographie. Dieſe Intereſſen u. Studien mach-
ten H. zugleich zum Vorläufer der Germaniſtik,
Wenn wir heute die Volk8poeſie als den Schlüſſel
zur Kunſtpoeſie verwenden, Antike3 dur miſches deuten, dem Klaſſiſchen das Nomantiſche
ergänzend zur Seite ſtellen, ſo wandeln wir auf
den Bahnen, die H. hergeſtellt hat, in einer Zeit,
wo man noch Volf u. Pöbel gleichſeßte, Altdeut-
ſche3 beſpöttelte, von dem Stü> Heimat, das
darin liegt, keine Ahnung hatte (vgl. de8 Verf. Ab-
handl. „Über die Bedeutung der Volkspoeſie für
die Jugendbildung“, in „Aus Hörſaal u. Schuls-
ſtube" [?1912]).
H.5 Betrachtungsweiſe bereitet aber auch die
derhiſtoriſchen Schule vor, die im Anfange
des 19, Jahrh. der „Geſchicht8verfinſierung in
der Aufklärungszeit“ entgegentrat. Sein Werk
„deen zur Philoſophie der Geſchichte der Menſch-
heit“ (1784/91) kann als Vorläufer der ge=-
geſchicht3philoſophiſchen Werke Fr. Shlegel8

Herder.

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u. Hegels gelten. H. unternimmt e8, die Welt-
geſchichte zu deuten, u. zwar tritt er von ſeiten der
Natur in die Aufgabe ein; die Menſchheit gilt
ihm ſelbſt al8 „ein dauernde38 Naturſyſtem der
vielfachſten lebendigen Kräfte“. Aus einer Fülle
verteilter Anlagen ſteigert, ordnet, klärt, bildet ſie
jich uus ſich ſelbſt heraus, „Die Kette der Bil-
ung macht aus den Trümmern ein Ganzes, in
welchem zwar die Menſchengeſtalten verſchwinden,
der Menſchengeiſt aber unſterblich fortwirkend
lebt." Das Jdeal der Bildung iſt eben jene Hu=
manität, „das Reich ihrer Ausbildung iſt die
Stadt Gottes auf Erden“. Damit ſpricht H. den
Gegenſaß ſeiner Geſchicht8auffaſſung zu der Augu=
ſtiniſchen u, der von ſeiner Baſi8 aus nicht gelangen konnte.
Dennoch wirkte ſein Unternehmen, wenn auch als
Ganzes verſehlt, dadurc Naturbedingungen der Geſchichte der Völker unter=
ſuchte u. ſo Geographie u. Geſchichte in einen Kon-
takt ſeßte, der neu war u. von dem er in ſeiner
Schulrede „Von der Annehmlichkeit, Nüßlichkeit
u. Notwendigkeit der Geographie“ (1784) auch
die praktiſche Anwendung machte, In dieſem Be=
tracht iſt er der Vorläufer Karl Ritter3, der
jedoch den Naturaligmus H.8 überwand, indem er
die Erde als „da3 Erziehung3hau3 der Menſch=
heit“ auffaßte, alſo der teleologiſchen Anſicht ihr
Recht gab.
VI. Stellung zum philoſophiſchen u, lichen Bildungselemente, Die Erklärung der
Dinge aus höhern Zwecken warjedoch H. keine8wegs
fremd, da er die großen Denker des Altertums, die
ſie vertreten, hochſchäßte. Er verlangt, daß das
Studium der Philoſophie nicht bei Leibniz u,
Wolff, ſondern bei den „würdigen Altvätern“ an=
ſange, erſcheint alſo auch in dieſem Betracht als
Vorläufer der hiſtoriſchen Philoſophieforſchung.
Die Lehrbarkeit u. der ſittliche Gehalt eines
Syſtem3 gelten al3 Maßſtab von deſſen Wert;
ſein nachdrüclicher Einſpruch gegen Kant Kriti=
ziamus in dem Werke „Metakritik“ (1799) grün=
det ſich darauf, daß dieſer zur Spißfindigkeit an=
ſtatt zur Weisheit bilde, die Philoſophie aus
ihrem geſchichtlichen Zuſammenhange herausreiße
u. dur Verkündigung der moraliſchen Autonomie
der Sittlichkeit den Boden wegziehe.
(Es konnte H. in ſeiner Wirkſamkeit für die
Scule, die ihm ſeine geiſtliche Stellung als Prä=
ſident des Weimariſchen Konſiſtoriums zur Pflicht
machte, nicht entgehen, daß der aufkläreriſche Zeit=
geiſt die Crziehung gefährde. Baſedows8 Anſichten
hatte er ſchon in jüngern Jahren bekämpft, in
ſeiner lezten LebenSzeit betonte er ſtärker al3 früher,
nicht ohne Hinbli> auf ſeine einſtige Überſchäßung
der Humanität, da8 gendbildung, ſo beſonder3 in der Schulrede von
1797 : „Von Schulen al3 Werkſtätten des Geiſtes
Gottes od. des Hl. Geiſtes.“
Literatur. H.8 Werke ſind neuerdings von
Suphan hr8g. Bd 30 enthält ein Vorwort von
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