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recht geben, wenn er von einer für die Volks»
ſchule paſſenden Lehrerin verlangt: daß ſie die Ned»
jeligkeit abgelegt habe, über Eitelkeit u. launiſche3
Weſen erhaben ſei, die geiſtige u, körperliche Stärke
des Mannes 1. jeinen freundlichen Ernſt ſich er-
worben, da38 Weſen der Erziehung u. de8 Unter-
richt8 erfaßt u. durchſchaut habe. Jn der Unter-
richtölehre iſt H. ebenſo auf der Höhe ſeiner Zeit
wie auf den übrigen Gebieten. Mit richtigem
Blicke vertritt er Graſer8 Schreibleſemethode, ver-
langt eine inhaltliche Beſprechung der Leſeſtücke,
etwa3 damal3 noch Neues, will die Realien in
der Erweiterung von der Ort8- u. Heimatkunde
zur Vaterland8- u. Erdkunde. Im RNeligions8=-
unterrichte ſoll die Lehrweiſe Chriſti nachgeahmt
werden, Die katechetiſche Lehrform allein ſei nicht
hinlänglich, Geſchichtliches u. Poſitives muß mits=
geteilt werden.
Literatur. G. N. Marſchall (in W. Reins
Enzyklop, Handb, d, Pädag. 1V [?1906] 361/365).
[I. Heigenmooſer.]
Herrad v. LanDdsperg |. Kanoniſſen.
Herrnhutiſches Erziehungsweſen,
1. Urjprung u. Außbreitung der Herrnhuter.
Herrnhuter, wie ſie der Volksmund nennt, od.
amtlich die „Cvangeliſche Brüderunität“ bildet
eineſelbſtändige Neligion8gemeinſchaft in der evan»
geliſchen Kirche. Sie wurzelt in der böhmiſchen
Brüderunität, die im 15, Jahrh. aus den Huſſi-
ten hervorgegangen iſt. Nachdem dieſe infolge
des 30jährigen Krieges in Böhmen vernichtet u.
in großer Zahl zur Aus8wanderung gezwungen
waren, ſanden die vereinzelten Überreſte 1722 Aufs
nahme in Berthel8dorf (Oberlauſitz), einem Gute
des Graſen Nikolaus Ludwig v. Zinzen-
dorf (geb. 26. Mai 1700 zu Dres8den, geſt.
9, Mai 1760 zu Herrnhut). Hier gründeten ſie
die Kolonie Herrnhut u. erlebten im Anſchluß an
den Pietiamus in der evangeliſchen Kirche ihre
Wiedererſtehung. Von da aus verbreiteten ſie ſich
in zahlreichen Gemeinden, die Zinzendorf al3
„Biſchof“ leitete, allmählich in der Alten u. Neuen
Welt u. bilden gegenwärtig 3 nach Nationen ge=
gliederte Zweige, den deutſchen, britiſchen u. ameri-
kaniſchen. Jeder verwaltet ſeine Angelegenheiten
ſelbſtändig; die Zuſammengehörigkeit kommt bloß
in der alle 10 Jahre tagenden Generalſynode zum
Ausdruce.
11. Weſen, Die Brüdergemeinde hat kein be-
ſondere38 Bekenntnis, bildet alſo keine Sekte. Ihre
Eigenart beſteht in Eerwe>ung lebendigen
Glaubens u. Pflege der Gemeinſchaft.
Die Grundlage ihrer Glaubenserkenntnis iſt die
Hl. Schrift ; wer dieſe verwerſen wollte, könnte
nicht Mitglied der Unität ſein. Innerhalb der ge-
wiſſenhaſten Unterordnung unter die Hl. Schrift
hat indeſſen jede Auffaſſung freien Naum. Ver-
bindlich für alle ſind nur folgende Wahrheiten :
Jeſfus Chriſtus iſt der Sohn des lebendigen Gotte3,
vom Vater ausgegangen von Ewigkeit her, Gott
gleich 1. ſelbſt wahrhaftiger Gott. Durch ſeine



Herrad v. Land3perg -- Herrnhutiſches Erziehungs8weſen.

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Menſchwerdungiſteraberauch wahrhaftiger Menſch
geworden, uns in allem gleich, nur ohne Sünde.
Von de38 Vater3 ewiger Liebe geſandt, hat er dur<
ſeinen freiwilligen Tod uns Sünder gerettet u.
mit Gott verſöhnt, wozu wir wegen der völligen
Verderbtheit der menſchlichen Natur ſelbſt unfähig
geweſen wären. Bei unſrer Erlöſung wirkt auch
der Hl. Geiſt mit, der wie der Sohn vom Vater
aus8gegangen iſt; er führt die Seelen zu Chriſtus,
wet in ihnen den Glauben, erhält ſie in leben=
diger Gemeinſchaft u. [ſhafft die Frucht de3 Glau=
bens, d. h. die guten Werke, die im lezten Gerichte
die Entſcheidung bringen. Zu dieſem wird Chriſtus
wiederkommen, um da3 vollendete Gotte3reich
aufzurichten, da3 beſtehen wird in alle Cwigfkeit.
Dieſer Glaubensinhalt aber hat für den einzelnen
Chriſten nur dann Wert, wenn er ihn ſich lebendig
zu eigen macht, jo daß er ganz davon dur wird, Der Anfang dazu wird gemacht durc die
Erkenntnis der eignen Sünden ; dieſe führt ſodann
zur Reue u. Umkehr, d. i. zur wahren Buße; aus
ihr ergibt ſich darauf für den einzelnen die Gewiß=
heit der Sündenvergebung auf Grund de3 Opfers
Chriſti, wodurch endlich Rechtfertigung u. Friede
mit Gott erreicht wird. =- Die andre Eigentüm-
lichkeit der Herrnhuter iſt die Gemeinſchaft unter=
einander, deren Förderung ſie ſich in mannigfacher
Weiſe angelegen jein laſſen. Zunächſt gründen ſie,
wo e3 angeht, wenn ſie eine „Gemeinde“ ins Leben
ruſen wollen, eine Niederlaſſung, die nur ſie ſelbſt
bewohnen. Auch in Kleidung, Sitte u. Leben8=
gewohnheiten laſſen ſie ihre Zuſammengehörigkeit
deutlich in die Erſcheinung treten. Innerhalb einer
Gemeinde faſſen ſie die Jünglinge, Jungfrauen,
Eheleute, Witwer u. Witwen geſondert in „Chöre“
zuſammen, die je nach Umſtänden in „Chorhäu=
ſern“ unter Leitung von Älteſten, denen Pfleger
od. Pflegerinnen zur Seite ſtehen, kloſterähnlic
zuſammenwohnen u. beſchäftigt werden. Die Ge=
meinſc verhältniſſe. Die Unität im ganzen wie die ein=
zelnen Gemeinden haben gemeinſamen Beſiß an
Gütern, Grundſtücken, Gebäuden, Geſchäſten,
induſtriellen Unternehmungen, Kapitalien u. dgl. ;
namentlich der Gaſthof mit Zubehör iſt immer
Eigentum der Gemeinde u. wird von ihr betrieben.
Endlich zeigt ſich in religiöſen u. gotte8dienſtlichen
Gebräuchen das Streben nach Gemeinſchaſt, recht
deutlich 3. B. in der Abendmahlösfeier. Unter die
zu dem Zive>e Verſammelten werden die Hoſtien,
von länglicher Form, verteilt; je 2 Perſonen er-
halten eine; auf da8 Zeichen des Prieſter3 bricht
man ſie, reicht dem Nachbar die Hälſte, u. nun
folgt der gemeinſame Genuß. =- Die zerſtreut in
andern Gemeinden lebenden Herrnhuter unter=
ſcheiden ſich dagegen äußerlich von ihren Mit
menſchen in nicht8, halten aber ihre regelmäßigen
Gebetsöverſammlungen ab u. bilden mit ihrem
lebendigen Chriſtentum nicht ſelten einen geiſt=
lichen Sauerteig für ihre Umgebung. Der Privat»
erbauung dienen die täglichen „Loſungen“, d. h.

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