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paſſung an die jeweilige Leiſtungsfähigkeit der
Schüler notwendig macht, Auch kommt die ver-
ſchiedene Art der Organiſation in Frage. Wir
haben 1=, 2=, 3=, 4=, 5= u. G6klaſſige H.n; ja e8
gibt ſogar bis zu 14 u. 16 verſchiedenen Grup»
pen diſſerenzierte H.ſyſteme. =“- Der Stunden=-
plan, der je nach der Klaſſe ein Au8maß von 30
bis 26 Stunden -- ſreies Spiel nicht eingerechnet
-- haben kann, iſt in der mehrklaſſigen H. ſo ein=
zurichten, daß die Kinder verſchiedener Klaſſen in
einzelnen Unterrichtsfächern ausgetauſcht werden
können. Hat 3. B. ein Zögling die Oberſtufe
erreicht, ohne im Rechnen zu genügen, ſo kann
er in dieſem Fache die Mittel= od. Unterſtufe
beſuchen.
IIL Die Bedenken gegen die H., d. h. gegen
Abſonderung der ſchwachſinnigen Schüler in eignen
Klaſſen, haben ſich in der Praxis als hinfällig er=
wieſen. Man wies darauf hin, daß ſchon ſeither
auch bei Minderbegabten beruſstrene Lehrer ſchöne
Erfolge erzielt haben. Das iſt unbeſtritten richtig.
Unzweifelhaft iſt aber, daß der Lehrer der H., der
bei der geringen Schülerzahl (höchſtens 20) viel
mehr individualiſieren, der ſtändig ſich mit ihnen
abgeben, der den ganzen Stoff u. die Methode,
die quantitative wie qualitative Arbeit für die
Schüler eigens zurichten kann, der endlich dur
vielſeitige Praxis auch geübter in der Behandlung
dieſer Kinder wird, mehr mit ihnen zu leiſten
imſtande iſt. Weiter glaubte man, der Lehrer
müſſe in der H. bald erlahmen. Die Erſahrung
hat aber gerade das Gegenteil gezeigt. Die Ar=
beit iſt nach der pſychologiſchen wie nach der
methodiſchen, nicht minder nach der allgemein er=
ziehlichen Seite ſo vielgeſtaltig u. anregend, daß
ſchon die Art des Schaffens in der H. ein Er-
lahmen hintanhält, Auch die Bedenken über die
Auswahlmöglichkeiten haben ſich in der Praxis
jehr einfa gelöſt. Kinder, die 2 Jahre erſolglos
die erſte Normalklaſſe beſuchten, weiſen zweifellos
einen Defekt auf, der außerhalb der Grenze nor= | 3
maler Entwicklung liegt, u. die Praxis hat gezeigt,
daß nur ganz vereinzelt die Möglichkeit gegeben
iſt, Hilfsſchüler in die normale Volksſchule zurück
zuverjehen. Ebenſo hinfällig wurden die ſozialen
Bedenken, daß die Schüler dur< Beſuch der Hilf3=
klaſſen einen Makel mit ins Leben nehmen würden,
der ihnen in ihrem Fortkommen hinderlich ſei.
Die Erfahrung zeigte, daß aus den Hilfsſchülern
wirklich tüchtige, brauchbare Menſchen für3 Leben
wurden ; die Meiſter fragen nicht danach, in
welche Schule die Knaben gegangen ſind, ſondern
ob ſie etwas gelernt haben. Wenn das Kind
ſrüher aus den unterſten Klaſſen der Volksſchule
entlaſſen werden mußte, ſo war e3 in ſeinem Fort=
kommen tatfächlich behindert, während es jeßt in
der eignen, ſeinen Verhältniſſen angepaßten Schule
das Notwendigſte fürs Leben lernt, Auch die Be-
fürchtung, daß höherſtehende Kreiſe ihre Kinder
im Falle der Notwendigkeit von den H.n fern-
halten würden, hat ſich dort, wo die allgemeine
Hilfsſchule.

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Volksſchule durchgeführt iſt, nicht beſtätigt; auch
in der H. ſißen Kinder aller Stände beiſammen.
IV. Statiſtik. Nad der neueſten Statiſtik von
1910/11, die Wintermann auf dem 18. Ver=-
bandstage der H.n Deutſchlands zu Lübe> 1911
vorlegte, gab es in Preußen 477 H.n in 193
Städten. 14 H.n hiervon ſind bi3 1890 gegründet,
13 in den Jahren 1891 u. 1895, 30 von 1896
bi38 1900, 70 von 1901 bi38 1905, die übrigen
ſpäter. Von dieſen Anſtalten ſind 144 ſelbſtändige
Schulen, die andern den Volköſchulen angegliedert.
Die Zahl aller Klaſſen beträgt 1037 (168 Berliner
eingeſchloſſen), davon ſind 991 gemiſchte Klaſſen,
25 Knaben= u. 21 Mädchenklaſſen. -- Die Pro=
zentzahl der Hilfsſchüler von allen Volksſchülern
jhwankt zwiſchen 0,0067 u. 4,42 ?/,, im Durch-
ſchnitt beträgt die Zahl der Hilfsſchüler 0,67 /,
aller Volksſchüler. -- An den preußiſchen H.n ſind
1173 Lehrkräſte beſchäftigt : 809 Lehrer u. 212
Lehrerinnen ſind vollbeſchäftigt, 30 Lehrer u. 122
Lehrerinnen nicht. -- Außerhalb Preußens8
gab e3 im gleichen Schuljahre in Deutſchland 135
H.n, die ſich auf 83 Städte verteilen. Von 1890
bis 1895 wurden 22, von 1896 bi3 1900: 26, von
1901 bis 1905: 35, die übrigen ſeit 1906 gegrün=
det. Von den 135 nichtpreußiſchen H.n ſind 51 ſelb=
ſtändig, 65 einer normalen Volksſchule angeglie-
dert u. 19 beſtehen in angegliederten Hilfsklaſſen.
Die Zahl aller Klaſſen beträgt 507, der Durc-
ſchnitt auf eine Schule 33/, Klaſſen. Die Ge-
ſamtſchülerzahl aller H.n beträgt 10193 (5698
Knaben u. 4495 Mädchen); der Klaſſendurch=
ſchnitt umfaßt demnach 20,10 Schüler. Von den
507 Klaſſen ſind 437 gemiſchte, 34 Knaben= u.
36 Mädchenklaſſen.
Die Prozentzahlen der Hilfsſhüler von der ge=
jamten Volksſchülerzahl ſchwanken zwiſchen 4,70
u. 0,68. Die Zahl der Hilfsſchüler beträgt von
allen Volköſchülern in
31 Drten m. weniger al8 3000 Volks8ſchulk, burc<ſchn. 1,94%,
1 3000 bis 10000 v v 1,39 0/
"„ „
9 „ „ 10000 „ 20000 " " 1,22%
2 „ „ 20000 „ 40000 " 1,21%
8 »„ - 40000 , 60000 " w 1,04%
3 „ vv 60000 „ 100000 " " 0,66 %/5
1 Ort mit über 100 000 ' „ 1,48%
Orten mit 20000 bi8 100 000 “ » 0,94 %
„Zm allgemeinen beträgt die Anzahl der H.-
kinder 1,24 ?/, der Volksöſchulkinder. Die Zahl
aller an den nichtpreußiſchen H.n beſchäftigten
Lehrkräſte beträgt 657 ; darunter ſind vollbeſchäf=
tigte Lehrer u. Lehrerinnen 346 bzw. 99, nicht
vollbeſchäftigte 84 bzw. 19 ſowie 109 Handar=
beit3lehrerinnen.
Literatur. F. Frenzel, Die H.n für ſ gabte Kinder (1903); B. Männel, Vom H.weſen
(1905); F. Weigl, Kurs für Heilpädag. u. Schul=
hyg. (1908) ; der]., Geiſtig minderwert. Kinder auf
dem Lande u. in kleinern Städten (1908); K. Wehr-
han, Deutſche H.un in Wort u. Bild (1913); Be-
richte über die Verbandstage der H.n Deutſchlands
(bi8 1913: 9 Bde, Halle, Marhold) ; Zeitſchrift :
„Die H." (ebd., ſeit 1908). [F. Weigl.]

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