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jener Zeit die Begriffe „Bildung“ u. „Scchul-
bildung" noch nicht jo nahe nebeneinander lagen
1. ineinander übergingen wie ſür uns, die wir
ſchon bei dem Worte Bildung an die Schule den»
ken, die ſie uns u. allen denen, die denſelben
Zielen zuſireben , vermittelt, Den Zeitgenoſſen
H.8 war die Bildung im Geiſte Herders ein
Wachſen von innen heraus, nicht ein bloße8
Empfangen u. Nehmen, ſondern ein Mit- u,
Nachſchaſſen in durchaus individueller Weiſe, war
Bildung gleich Selsſtbildung. Nachweislich nicht
vor 1804 iſi H. mit der Pädagogik Peſtalozzis
befannt geworden, Ex hat ſich dann aber um ſo
ſchneller mit ihrem Grundgedanken, der Entbin»
dung der geiſtigen Kräſte, beſreundet, weil ſeine
Auſfeſjung der Bildung ſich mit der Peſtalozzis
nahe berührte, u. eine Erziehung in ſeinem Sinne
ihm die Möglichkeit zu geben ſchien, auch dem
Volke, deſſen geiſtige Kräſte e8 eben zu entwickeln
1. zu heben galt, den Weg zur Selbſtbildung zu
erſchließen. So darf e8 un3 nicht wundern, daß
H. al3 Leiter des preußiſchen Schulweſen3 alles
tat, Beſtalozzi in der Vollöſchnle zur Herrſchaft
gelangen zu laſſen. Als er aber daranging, an
ſich ſelbſt ſein Bildungsideal zu verwirklichen,
ſeinem eignen Bildungsſtreben ein Ziel zu ſehen
n. einen Inhalt zu geben, da machte ſich die Cin-
wirkung des Neuhumani3mu3 auf ihn bemerkbar,
der ihm zuerſt durch Heyne, noch mehr aber durd
F. A. Wolf nahe getreten war. So wandte er
ſich mit ganzer Seele dem klaſſiſchen Altertum,
beſonder3 den Griechen zu, u. da die Griechen das
Volk der Schönheit waren, ſo erhielt ſein Bildungs»
ideal, nicht ohne den beſtimmenden Einfluß ſeines
Freundes Schiller, ein äſthetiſches Gepräge, u. er
trug kein Bedenken, den höhern Unterricht ganz
unter den Einfluß der äſthetiſchen Erziehung im
Sinne Schiller3 u. des Neuhymani8mus zu ſtellen.
Mit Recht ſagt daher Ziegler: „So wurden
Peſtalozzi3 Pädagogik u. der Neuhuymani8mus
zur Brücke, auf der H. aus dem Lande ſeiner
jugendlichen Jdeale in den ſtaatlichen Pflichten-
frei3 jeiner jehigen Stellung ſicher hinüberſchreiten
konnte.“ Er bedurſte aber einer ſolchen Brüde.
Denn 1792 hatte er in ſeinen „Ideen zu einem
Verſuche, die Grenzen der Wirkjamkeit des Staate3
zu beſtimmen“ unumwunden ausgeſprochen, daß
„alle bejondere Auſſicht auf Erziehung, Neligions-
anſtalten, Luxusgeſehe uſw. ſchlechterdings anßer-
halb der Grenzen der Wirkſamkeit des Staates
liege". Jeht aber, da die Leitung des preußiſchen
Schulweſen3 in ſeine Hand gelegt war, erwartete
man von ihm, daß er ſich in den Dienſt der
„Nationalerziehung“ ſtellen werde, u. vor ihm
ſtand die ausdrückliche Beſtimmung des Preußi-
jhen Allgemeinen Landrechts, wonach „Schulen
u. Univerſitäten Veranſtaltungen des Staates"
ſind. Der Widerſtreit zwiſchen dem Ausſpruche
von 1792 1. ſeinen jehigen amtlichen Verpflich»
tungen löſte ſich, wenn ſich eine Art der Erziehung
un. des Unterricht3 fand, die, wenn auch von
Humboldt,

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Siaat3 wegen eingerichtet u, beauſſichtigt, doch dem
einzelnen Freiheit ſeiner geiſtigen Entwicklung u.
der Selbſtbildung zur Erzielung wahrer Bildung
geſtattete, Und dieſe fand H. eben in der Ver-
Nerd der Pädagogik Peſtalozzis mit dem
Neuhumani8mus.
III. y. als Leiter des preußiſchen Unitexr-
richt8weſen8. „Wedung u. Belebung der im
Menſchen liegenden geiſtigen u. ſittlichen Kräſte“
war der Grundgedanke der Pädagogik Peſta-
lozzi8, Auf ihn wieſen de3halb die Männer hin,
allen voran Fichte, die, um ein Wort Steins zu
gebrauchen, in den Tagen der tieſſten Erniedri-
gung Preußen8 „das meiſte von der Erziehung
der Jugend erhofſten“. Schon Stein hatte dafür
Sorge getragen, den Geiſt des großen Schweizer
Pädagogen in die preußiſche Volksſchule zu ver=
pflanzen. Wa3 er begonnen hatte, ſehte H. ziel»
bewußt fort. Zeller ſollte in Königs8berg ein
Lehrerſeminar als Normalinſtitut errichten ; aber
mit dem ſchwierigen Manne war nicht viel zu er-
reichen. Mehr erzielte man durch die Entſendung
junger tüchtiger Lehrer nach Jſerten zu Peſtalozzi,
bei deren Auswahl Süvern eine glückliche Hand
hatte, u. denen nicht zum geringſten Teile die Ne=
ſorm der preußiſchen Volköſchnle zu danken ijt.
Nicht minder reformbedürſtig waren die Univerſi=
täten, deren geiſtiges u. wiſſenſchaftliche3 Leben
u. Streben der völligen Erſtarrung nahe war.
H.3 Haupttat auf dieſem Gebiete iſt die Grün
dung der Berliner Univerſität, in der ſich der Ge-
danke verkörpern ſollte „von der Solidarität des
preußiſchen Staates u. der geiſtigen Bildung“.
Sollten die von neuem Geiſte erfüllten Univerſi-
täten aber das leiſten, was man von ihnen er=
wartete, ſo mußten die Gymnaſien auf eine höhere
Stuſe gehoben u. Stätten der Bildung im Sinne
des Neuhnmani8smus werden. Daher richtete H.
vornehmlich ſein Augenmerk auf ein neue3 Regle-
ment ſür die Abiturienten, damit Unbeſähigten
von vornherein der Zugang zur Poul ab-
geſchnitten werde, u. auf eine Prüſung der Lehr-
amtskandidaten, die vor der wiſſenſchaftlichen
Deputation bei der Sektion ſür den öſſentlichen
Unterricht abgelegt werden mußte. Niemand durſte
an ſtaatlichen od. ſtädtiſchen Anſtalten unter-
richten, der nicht den Nachweis der beſtandenen
Lehrerprüſung erbrachte. Nur zu kurz war die
Zeit, während der H. an der Spiße des preu=-
Biſchen Unterrichtsweſens ſtand. Aber vieles,
was hier kaum angedeutet werden kann, hat er
in dieſer Spanne geleiſtet, u. man darf wohl
ſagen, daß feiner ſeiner Nachfolger ihm gleich-
gekommen iſt.
Literatur. W. v. H.8 geſ. Shr., ſeit 1903
hrö8g. von der Kgl. Preuß. Akademie der Wiſſ.;
NR. Haym, W. v. H. Lebensbild u. Charakteriſtik
(1856); Th. Ziegler, in W. Neins Enzyklop. Handb,
d. Zidan. 1V (21906) 454 ff; E. Spranger, W.
v. H. 11. die Neſorm des Bildungsweſ. (1910; dort
S. x11 weitere Lit, über H.). [W. Kahl.]

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