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keit, ſich in andre Verhältniſſe u. andre Charak-
jere zu finden, weſentlich fördert,
Literatur. Zuſammenſaſſendes iſt (außer in
Zeitſchriſtenartikeln) wenig vorhanden. -- ZJ. L.
Ewald, Der gute Jüngling I (1804) ; Schiller,
Briefe über Don Carlos (3. Brief, S. 7 ff, hr8g. von
M. Shneidewin [1895]) ; 8. Schmidt, Die Ethik
der alten Griechen (2 Bde, 1881 f) ; IJ. Delitſch,
Kinderfehler (1900)z M. Nath, S<ülerverbin-
dungen u, Schülervereine (1906). [E. Nieſert.]
Jugendſürſorge |. Fürſorgeerziehung.
Jugendgefängnis, Die mit den Jugend=
gerichten (ſ. d.) eng verbundene Jdee des J. iſt in
den Roformatories Amerikas u. in den Borſtal-
anſtalten Englands längſt praktiſch erprobt wor=
den. Nad) den genannten Vorbildern wurde am
1. Aug. 1912 das erſte deutſche J. eröffnet in
Wittlich a. d. Moſel. E3 iſt beſtimmt für alle 18=
bis 21jährigen Verbrecher der Nheinprovinz (alſo
nicht für die 12--18jährigen „Jugendlichen“ im
Sinne des Strafgeſeßbuches), die mindeſtens zu
einer Hjährigen Gefängnisſtrafe verurteilt ſind, u.
baut ſich auf dem Progreſſiv= od. Stufenſyſtem
auf. Der Neuankommende tritt zunächſt in die
3. Hlaſſe de3 Straſvollzugs ein, u. zwar in Einzel=
haſt. Führt er ſich hier gut, ſo rückt er nah 4
Monaten --- bei beſonderer Bewährung eventuell
j fommt da38 das ganze Syſtem Prinzip der allmählichen Annäherung an die Frei-
heit dadurch zum Ausdrucke, daß neben der fort=
dauernden Einzelhaft gemeinſames Arbeiten in
großen Werkſtätten ſtattſindet ; auch ſonſt werden
mancherlei kleinere Milderungen der Haſt ge-
währt. Bei guter Führung kann auch hier bereits
nach 3 Monaten (in der Negel nach 4) der Gin=
triit in die 1, Straſklaſſe erſolgen. Dieſe gewährt
ut. a. eine freundlichere Ausſtattung der Zelle,
beſſere Kleidung u. Verpflegung, höheres Arbeits=
geſchenf jowie Teilnahme an einer Sonntags3=
Vortragsſtunde u. an einer Extra=-Turnſtunde mit
Turnſpielen. Wer ſich in dieſer Klaſſe bewährt
hat, kann zu irgendwelchem Straferlaß, beſonder3
zu vorläufiger Entlaſſung, vorgeſchlagen werden.
Da mangelhaſte Führung ſpäteres Aufrüen,
j in eine tiefere Straſklaſſe zur Folge haben, waren
ſc wie gar nicht vorgekommen. Im Hinblick auf das
eigeniliche Ziel des J., das die Umwandlung der
jungen Verbrecher in nüßliche, einwandfreie Glie=
der der menſchlichen Geſellſchaft bezweckt, wird in
der Wittlicher Anſtalt Wert darauf gelegt, daß
bei voller Aufrechterhaltung ihre3 Charakters als
Straſanſtalt do< im Verkehröton u. in allen Ein=
richtungen Bedacht genommen wird auf Weckung
u. Hebung de38 Ehrgefühls 1. de3 Selbſtvertrauens.
Auch der in 4 Stufen ſich aufbauende intenſive
Schulunterricht (mit gewerblichem Zeichnen) u,
die Unterweijung in allen möglichen Handwerken,
vorab Gärtnerei u. Landwirtſchaft, verlieren dieſen

Jugendſürſorge -- Jugendgericht.

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Zwe> nie aus dem Auge. Der Körperpflege
werden täglihe Turn= u, Exerzierübungen mit
beſtem Crſolge gerecht.
Ob ein einziges Jahr genügen wird, auf dieſe
Weiſe junge Verbrecher für die bürgerliche Ge=
ſellſchaft wiederzugewinnen, muß die Zeit lehren.
„zn England find ſelbſt 15--18 Monate dazu
meiſt nicht au3reichend geweſen. E38 wird daher
vielleicht nötig werden, neue Geſeße8beſtimmungen
über eine Erziehung8nachhafſt zu treffen, die mit
der Sicherungönachhaſt auſ3 beſte harmonieren
könnte. Die Schußauſſicht über vorläufig Ent=
laſſene wird wohl beſondern Beamten anvertraut
werden müſſen ; ein für deren Anſtellung geſtiſteter
Fonds iſt vorhanden.
Literatur. Val. B. Freudenthal, Das erſte
deutſche I. (Deutſ [1913], 134 ff). [E. M. Roloff.]
JUgzenDgericht. 1. Geſchichtliche Entwik-
lung. Im alten engliſchen Recht, dem Chancery
Law zur Förderung der Wohlfahrt der Unmüns=
digen, vorgezeichnet, hat fich da3 beſondere Straſ-
verfahren gegen Jugendliche zunächſt bei den angel-
jächſiſchen Völkern, die ein mit der Sorge für die
Perſon der Minderjährigen betrautes Vormund=
ſchaſt8gericht im deutſ kennen, entwielt. Kanada, Südauſtralien (1895)
gingen voran ; die Vereinigten Staaten von Ame=
rika folgten. 1. Der Staat Jllinois8 (Hauptſtadt
Chicago) erließ am 1. Juli 1899 (neue Faſſung v.
1. Juli 1907) das für alle ſpätern J.3höfe grund=
legende Geſeßz betr. Behandlung, Auſſicht, Unter=
halt u. Fürſorge für verlaſſene, verwahrloſte u.
verbrecheriſche Kinder. Grundſaß iſt : Kein Kind
ſoll al8 Verbrecher behandelt werden. Von Jilinois
aus verbreiteten ſich die J.e meiſt auf der Grund»
lage von Schulgeſeßhen über ſaſt ganz Nord-
amerika; eines der bekannteſten u. beſtgeleiteten iſt
das von Denver in Colorado mit dem Richter
Lindſey. = 2. Dänemark beſißt in Europa da3
älteſte J.3geſelß v. 14. April 1905. -- 3. Eng=
land folgte mit ſeinem Kindergeſeß (Children
Act) von 1908 (8 Edw. 7 Ch. 67); jein 8 111
ſchreibt die Bildung beſonderer J.e vor; am
1. Jan. 1910 traten ſie in Tätigkeit. --- 4. Faſt
gleichzeitig entſtanden in Deutſchland J.e,
nicht auf geſeßlicher Grundlage u. im ganzen
Reiche , fondern in einzelnen großen Städten
u. im Wege innerer Verwaltung3anordnungen.
Frankfurt a. M., Harburg b. Hamburg, Köln,
Berlin, Charlottenburg waren die erſten deutſchen
Städte, die dank der Jnitiative weitblikender
Richter 1908 J.e erhielten. Die Mehrzahl der
übrigen deutſchen Bundeöſtaaten folgte raſch nach ;
gegenwärtig beſihen gegen 230 deutſche Städte
J.e. Folgende amtliche Erlaſſe der größern Bun=
deöſtaaten zeigen den Werdegang in Deutſchland :
Württemberg: Erlaſſe v. 24., 30., 31. März
19038 u. zuſammenſaſſender Erlaß v. 24. Jan.
1911 (Juſtiz-Miniſterial-Blatt 1911, S. 11).
Preußen: Erlaß v. 1. Juni 1908 mit Zuſaß=.

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