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eine Seite der F., die Überſchreitung deſſen, was
un3 zuſteht, in den Vordergrund, weniger die
andre Seite, die Nüſichtäloſigkeit andern gegen-
über, Zuweilen wird das Wort „dreiſt“ im Sinne
von „kühn“ gebraucht: „Da3 darſſt du dreiſt
tun", „Faſſe nur dreiſt zu!“ -- „Unverſchämt
heit“ bezeichnet im gewöhnlichen Sprachgebrauche
einen hohen Grad von F. Det Unverſchämte hat
keine Scham, er iſt gleichgültig hinſichtlich der
Meinung andrer über ihn, ja er fordert ihren
Tadel abſichtlich heraus. Nicht nur widerſtrebt e3
ihm, ſich der Sitte u. der Autorität zu unter-
werfen, ſondern es iſt ihm eine Luſt, ſich über die
ſeinem Wollen gezogenen Schranken hinwegzuſeßen.
IL Beurteilung. Die genannten Untugenden
ſind ſowohl nach der äſthetiſchen wie nach der
ethiſchen Seite hin verwerflich, nach der erſtern,
weil ſie der Sitte widerſtreben u. dadurch ab=
ſtoßend wirken, nach der lektern, indem der damit
Beſleckte die Nechte ſeiner Mitmenſchen u. die
Pflichten gegen ſich ſelbſt, gegen die Selbſtachtung
(vgl. Achtung, Abſchn. 1) verleßt. E3 iſt alſo
Pflicht de3 Erziehers, die genannten Untugenden
bei dem Zöglinge zu bekämpfen. Allerdings muß
das mit der nötigen Vorſicht u. auf Grund ge-
nauer Kenntnis des Seelenzuſtandes der Schüler
geſchehen. Man darf nicht für F., für Unver-
ſ berechtigten Selbſtbewußtſein3, eines entſchiedenen
Wollens, eine3 ſtarken Gefühl3 für Necht u.
Unrecht iſt. Der Lehrer muß ferner beachten, daß
dem heranreiſenden Knaben ein Hinausſtreben
aus den Schranken de8 Kindes eigen iſt, das
leicht als Dreiſtigkeit erſcheint. Bei dem Mädchen
macht es fich als ſc innern Grunde dieſer Eigenheit des Entwielung3-
alter3 (vgl. den Art, Entwilungsperioden) muß
beſonnen Nechnung getragen werden. Im Falle
unangemeſſener Geltendmachung dieſer Eigenheit
muß der Erzieher den Zögling darüber auſflären,
was in ſeinem Verhalten berechtigt u. was tadeln38=
wert iſt. Wenn das unpaſſende Auſtreten des Zög-
lings im Verkehre mit dem Erzieher ſelbſt erfolgt,
ſo wird deſſen Urteil leicht durc< das Gefühl einer
perſönlichen Beleidigung getrübt; er möge daher
erſt dann urteilen u. handeln, wenn er alle Um=
ſtände in Erwägung gezogen hat. Vielleicht findet
er ſogar in ſeinem eignen Verhalten die Urſache
zu dem Betragen de38 Zöglings.
111. Bekämpfung. Vor allem iſt ſeſtzuſtellen,
ob die F. uſw. phyſiologiſch, alſo naturwüchſig,
od. pathologiſch (krankhaft) iſt -- bei Epilepſie,
Hyſterie, Schwachſinn uſw. kommen die genannten
Untugenden oſt in ſürchterlichſter Form vor. Zn
lezterm Falle hat ein tüchtiger Nervenarzt die
Behandlung in die Hand zu nehmen. Wie dieſer
zuerſt den Körper de3 Kranken widerſtandsfähig
zu machen ſucht u. daneben beſondere Heilmittel
gegen die vorliegende Erkrankung anwendet, ſo
wird in allen phyſiologiſchen Fällen auch der
Erzieher zunächſt die Scele de3 Zöglings wider-

Freie Künſte -- Freiheitsſinn der Jugend.

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ſtandsfähig gegen die Neigung u. die Berſuchungen
zur F., Dreiſtigkeit u. Unverſchämtheit zu machen
fich bemühen, indem er in feinem Herzen die
jenigen Tugenden wedt u. pflegt, die jenen Un=
tugenden entgegengeſeßt ſind. Das iſt zunächſt
die Beſcheidenheit (ſ. d.); ſie bewahrt den
Zögling vor Überhebung in jeder Form (eigne
Vorzüge u. Talente, Neichtum u. geſellſchaftliche
Stellung der Eltern uſw.). E53 iſt ferner das
Necht3gefühl, da3 ihn abhält, ſich Rechte
anzumaßen, die ihm nicht zuſtehen, die Rechte
andrer zu mißachten, ſich über die beſtehende Gez
ſellſchaft3ordnung hinwegzuſeßen uſw. EZ iſt end-
lic) die Selbſtachtung, die verhindert, ſich
durch ein freches u. unverſchämte3 Auftreten der
Verachtung ſeiner Mitmenſchen auszuſehen. = |
Neben dieſen vorbeugenden Mitteln ſind noch
beſondere Heilmittel anzuwenden. Bei heſtigem
Temperamente dient al8 Gegenmittel gegen die F.
uſw. die unausgeſeßte Übung in der Selbſtbeherr=
ſchung. Wenn der Mutwille den Zögling dazu
treibt, ſich über die Rückſichten hinwegzuſeßen,
die er ſeinen Mitmenſchen ſchuldet, ſo muß der
Erzieher dafür ſorgen, daß er an Beiſpielen u.
durch Belehrung die ſchlimmen Folgen des Mut
willens erkenne. Die Schule ſieht ſich vor eine
ſc infolge der Unwiſſenheit od. Gleichgültigkeit ſeiner
Eltern, vielleicht gar durch ihr Beiſpiel od. das
ſeiner ſonſtigen Umgebung ſich jene Untugenden
angewöhnt hat. Jſt auch die Liebe bei dieſer
Erkrankung ein weſentlicher Heilfaktor, ſo wird
man doch in ſchwerern Fällen ohne Körperſirafen
nicht ausfommen, deren Anwendung in neuerer
Zeit ja ſogar bei erwachſenen Rohlingen befür=
wortet wird. Die wirkſamſten Strafen ſind in
allen Fällen, wo Ermahnungen u. Belehrungen
wirkung3l03 bleiben, immer die, welche ſich als
natürliche Folge der Verfehlungen darſtellen.
Wenig Erfolg iſt von dem Hinweiſe auf ſolche
Schüler zu erwarten, die ſich dur ein ſanftes u.
beſcheidene3 Benehmen auszeichnen. Dem Frechen
erſcheint deren Verhalten als Schwäche u. Schlaff=
heit; der Schwache aber iſt ihm keine8weg3 ein
zur Nachahmung reizendes Vorbild, ſondern viel-
mehr ein willfommener Gegenſtand zur Bez
tätigung ſeiner F. u. ſeine3 Mutwillens (|. d.).
[H. Brüc.]
Freie Künſte |. Dom- u. Kloſterſhulen.
Freie Unterrichtsgegenſtände |.
Wahlſreiheit der Unterrichtsfäcer.
Freihandzeichnen [ſ. Zeichnen, Abſchn. II.
Freiheit des Willens ſ. Wille.
Freiheitsſinun der Jugend. 1. Allge-
meinheit des F. Der Menſch iſt von ſeiner Ge=
burt an abhängig von andern Menſchen, da er
ihre8 Beiſtandes für eine Neihe von Lebensjahren
unbedingt bedarf. Zu der äußern Abhängigkeit,
die ſein Leben erhält u. ſeine Entwicklung ermög=
licht u. fördert, tritt die innere Abhängigkeit von
der erziehenden Umgebung, die ihn ſeine Kräfte,

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