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ren der erſten Zweiſel 1. Bedenken nach der Schul-
entlaſſung, die Gefährdung des in der Schule er-
worbenen Wiſſens u. Könnens bedingen einegeiſtige
Uu, ſeeliſche Vertiefung. Die ſoziale Freiheit, das
Ausſcheiden des Zöglings aus dem geſchloſſenen
Familienkreiſe machen ein um ſo geſeſſigteres Er-
zichung8ziel in der J. notwendig. Wo ſelbſt das
wirtſchaftliche Leben ein nicht zu überſehender Er-
ziehungöfaktor iſt, muß als Ziel der J. die nächſte
Vorbereitung der ſchulentlaſſenen Jugend auf das
Leben in ſeinen verſchiedenen Formen bezeichnet
werden : körperliche Tüchtigkeit, geiſtige Reife, be-
rufliche Fertigkeit, ſtaat8bürgerliches Bewußiſein.
111. Wege in der JI. find von alter3 her die
verſchiedenſten gegangen worden. Die Familie iſt
der ſruchtbarſte Boden jeglicher JI. Bei dem Ver-
ſagen dieſer natürlichſten J. hat ſchon frühzeitig
die Kirche eingegrifſen, deren Inſtitut des Tauſ-
bzw. Firmpaten die erſten Anfänge der IJ. be-
zeichnet. Später haben ſic Vereine zum Sc u. zur Erziehung der Jugend in Anſtalten u. Hei-
men gebildet, z. B. die Oratorien des hl. Philipp
Neri. Nachbildungen dieſer Art ſind die kir<=
lichen Organiſationen auf katholiſcher, evangeli-
ſcher u, auch jüdiſcher Seite, die als Lehrlingsſchuß,
Jugendfürſorge , Jünglings8patronate uſw. nicht
' die Jugendlichen ſelbſt zu Mitgliedern machten,
Jondern Männer u. Frauen ſammelten im Inter=-
eſſe der J. Als Patronagen u. Patronate wurde
die J.arbeit in dieſen Kreiſen betrieben, bi38 die
gewaltige Umwälzung im Wirtſchaft8leben der
neuern Zeit u. die frühe Reiſe unſrer Jugend-
lichen eine Änderung des Schußſyſtems in eine
ſelbſtändige u. ſelbſttätige Erziehung in der Form
der modernen Jugendvereine (ſ. d.) notwendig
machten. Unterdeſſen iſt auch die Fortbildungs=
bzw. Fachſchule al38 naturgemäß u. zwangsweiſe
gegebener Mittelpunkt aller J. als unabweis8bare
Notwendigkeit empfunden worden. In ihr glaubt
man zur Erreichung des Zweckes der J. den rich-
tigen u. unparteiiſchen Weg geſunden zu haben.
Zugendämter an Schulen u. in den ſtädtiſchen
Behörden ſind mancherort3 al3 Zentralen der J.
bereits errichtet. Die Landgemeinden wurden viel=
ſach in Bezirk8verbände organiſiert zum Zwee
der J. Kreiſe u. Regierungsbezirke, Amts= u.
Krei8zentralen regeln die J. in den ihnen zuſtehen-
den Orten u, Körperſchaſten. Lehrſtellennachweis,
Scaffung von Jugendheimen, Spielpläßen, Ju-
gendbibliotheken , Abhaltung von Jugendſeſten,
kinematographiſchen Vorſtellungen , Jugendkon-
zerten, Führungen, Unterrichtöabenden ſind die
Paupiaden der hier betriebenen J. Das iſt der
ug in der modernen J.: die Erziehung der ſchul-
entlaſſenen Jugend bi3 zum 17. Lebensjahre in
den Aufgabenkreis der Kommunen u. de8 Staate3
einzugliedern. Nod wird die Form der Beihilfe
gewahrt, da u. dort hat jedoch bereit8 die Ge=
meinde oſſiziell die J. in die Hand genommen od.
begünſtigt wenigſtens irgendeine beſtimmte „offi-
zielle“ Richtung in ihr. Handwerks8kammern, Jn=
Jugendſeelſorge -- Jugendvereine.

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nungen, Handels8ſchule, Oſfizierkorp8 u. ähnliche
mehr od. minder amtliche Stellen betätigen gleich-
fall38 in Sonnkagöheimen, Wanderfahrten, Turn-
ſpielen, Beruſsberatung eine im einzelnen wert=
volle J. Zndes hat dieſe Art der J. die Einſeitigkeit
ver Arbeit 1. des Zieles gegen ſich. In der daraus
folgenden ſchädigenden Zerſplitterung liegt auch
der Hauptſehler der ganzen modernen J. Dazu
kommen nod die religiö8=indiſferenten, antireli=
giöſen od. ſogar parteipolitiſcen Privatunter=
nehmungen in der J. mittels der verſchiedenen Ju=
gendvereine (ſ. d.), die wieder Verbände u. Zentral=
ſtellen ins Leben geruſen haben u. die J. weniger
vom pädagogiſchen Geſichtöpunkte als von ihrem
Privatintereſſe aus betreiben. Die Zentralſtelle
für Volks8wohlfahrt, Berlin W 50, Augsburger=
ſtraße 61, hat durch ihre Tagung vom 24. bis
26. Mai 1909 in Darmſtadt „die Fürſorge (?)-
ſür die ſchulentlaſſene männliche Jugend, nament=-
lich im Anſchluß an die Fortbildungsſchule“ in
ihrer Zentrale vereinigen wollen ; außer einigen
Verſuchen de3 betreſſenden Dezernenten iſt nichts
Weiteres geſchehen. Auch für die weibliche IJ.
ſuchte die gleiche Stelle bahnbrechend zu wirken auf
ihrer Tagung zu Danzig (9.--12. Juni 1912).
Doc exiſtiert neben ihr die Deutſche Zentrale für
Jugendfürſorge, die auch J. betreibt.
Es wird Auſgabe der Schule, der Kirche u. des
Staate3 ſein, die Maſſen des Volkes für die IJ.
zu intereſſieren u, allen Geſellſchaftsklaſſen das
Gewiſſen zu ſchärfen, damit die Erziehung auch
der Schulentlaſſenen Allgemeinpflicht de3 Volkes
wird, der ſich niemand ohne Schuld entziehen kann.
Literatur. „J.", hr8g. vom Hauptausſchuß
für I. in Charlottenburg (1912 f); B, Jauch, Das
gewerbl. Lehrlingsweſ. in Deutſchland (1911); A.
Bertram, Biſch. v. Hildeöheim, J. im Lichte der
kath. Lebensauffaſſ. (*1912); derſ. , Weibl. IJ.
(1912); E. Schwiedland, Probleme der erwerb.
Jugend (un. A. 1910); G. Stanley Hall, Adoleos-
cenco, its Psychol, & its Relation to Phygiol.,
Anthropol., Sociol., Sex, Crime, Relig. & Edu-
cat. (2 Bde, Neuyork 1904); G. Compayre, [/ado-
lJescence, Gtudes de psychol, et de p6dag. (Par.
1909); S. Gudden, Pubertät u. Schule (1911);
Handb. |f. J., hr8g. v. d. Deutſch. Zentrale f. Ju-
gendfürſorge (1912 f). [8. Schiela.]
Jugendſcelſorge ſ. Kinder- u. JI.
Jugendſparkaſſen |. Sc Jugendſpiele |. Spiel.
Jugendvereine, 1. Charakteriſierung.
Die allgemeine Vereinbewegung unſer38 ſozial
ſtark intereſſierten Zeitalters hat in den leßten
Zahrzehnten auch) bereit8 die Jugend erfaßt. Das
Reichsvereinsgeſeß v. 19. April 1908 beſtimmt
allerdings in 8 17, daß „Perſonen, die das 18.
Leben8jahr noh nicht vollendet haben, Mitglieder
von politijchen Vereinen nicht ſein dürfen“. Doch
wurde im April 1912 dem Reichstage ein Antrag
auf Beſeitigung dieſes Paragraphen vorgelegt;
die politiſchen Parteien ſcheinen bei der allge=
meinen „Politiſierung der Geſellſchaft“ auf die
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