Full text: Fortbildung - Kolping (2)

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„tüchtig-ſchöne Knaben“, ja „Gute-Scöne“ für 
eine Frau. Im Deutſchen vermögen wir jedoch 
kaum den Begriff treſſend wiederzugeben, der im 
Wandel der Zeiten vieldeutig wurde. Am nächſten 
kommt ihm das engliſche gentleman mit ſeinem 
Doppelſinn adliger Herkunft u, adligen Weſens, 
dann vielleicht da8 veutſche „ein ganzer Mann“, 
ein Mann vom alten guten Schlag (Ariſtoph., 
Fragm. 198, 8 u. ſonſt). Allmählich verengert ſich 
der Begriff ſo, daß er bald allgemein einen Ehren=- 
od. Biedermann von Bildung u. Vermögen, bald 
einen Staatsbürger konſervativer politiſcher Geſin- 
nung od. geradezu einen Ariſtokraten u. Oligarchen 
bezeichnet, bald bloß den Gebildeten od. gar den 
Schöngeiſt, ſelbſt ironiſch, meint. Die Bieder- 
meierei de3 Xenophontiſchen J8chomacho8 (Okon.) 
entſpricht nicht ſo ſehr der philoſophiſchen Deu- 
tung der K. als Tugendideal, ſondern dem moder- 
nen Begriffe eine3 tüchtigen Mannes u. Bürgers, 
Literatur. L. Schmidt, Die Ethik der alten 
Griechen 1 (1882) 328/333 396; K. Köhnhorn, Aa4o- 
zUrania ex locis Xenophontis adumbrata (1851); 
I. Walter, Die Geſch. d. Äſthetik im Altert. ihrer 
begriffl. Entwidl. nac< (1893) 37 121/148; W. 
Junkmann, De viac potestato quam habuitpulchri 
Studium in omnem Graecorum et Romanorum 
vitam (1847). [S. P. Widmann.] 
Kandidaten des Volksſchulamits ſ. Lehrer- | E 
bildung für Volksſchulen. 
Kandidaten des höhern Schulamts ſ. 
Gymmnaſialſeminar, Probejahr. 
Kanon (vom griech. z«vsv = Nichtſcheit, 
Nichtmaß, gleich dem lat. norma = Winkelmaß) 
iſt ein von der Technik de8 Bauens entlehnter, 
vielfach übertragener Aus8dru>, der Regel, Norm, 
Vorbild bezeichnet. Die Alten brauchten das Wort 
im Sinne von Scönheitönorm, von Denkgeſeß 
u. von NRechtöbeſtimmung. Der Bildhauer Poly» 
fleitos (5. Jahrh. v. Chr.) erklärte als K. der 
menſchlichen Schönheit eine Jünglingägeſtalt, die 
er in ſeinem „Speerträger“ ausführte (Plinius, 
Naturgeſch. 34, 8, 19). Kanonik nannte Epikur 
die Denklehre (Dialektik, Logik) ; im römiſchen 
Recht heißen gewiſſe Abgaben, beſonder3 der Erb- 
zin3, eanones ; in der kirchlichen Sprache heißen 
die Bücher der Hl. Schrift kanoniſch, welche die 
Glaubenönorm bilden, was auch auf weltliche 
Schriftwerke im Sinne von klaſſiſch, grundlegend 
übertragen wird. Kanoniker ſind die Mitglieder 
von Dom- u. Kollegiatſtiſten, für die eine der 
Kloſterregel nachgebildete Regel gilt; kanoniſche3 
Nec<ht iſt das Necht, da3 ſich die katholiſche Kirche 
gab u. gibt. Ein K. für den erklärenden Unter- 
richt (f. d.) war in Jeſuitenſchulen in Anwendung; 
der Au8druc>k wird zwe>mäßig auc< auf die bei 
den andern Unterrichtsformen einzuhaltenden 
Neihenfolgen übertragen, wobei er bezeichnet, was 
jonſt „Formalſtufen“ (ſ. d.) u. a. genannt wird 
(vgl. O. Willmann, Didaktik [1909] 88 80 u. 
83). Ein K. ſtellt allgemeine Beſtimmungen auf, 
die bei der Anwendung zu ſpezifizieren ſind, wo- 
Kandidaten de3 Volk3ſ<ulamt3 -- Kanoniſſen. 
 
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bei ein ſynthetiſche3 Verfahren ſtattfindet (ſ. Ana- 
lyje u. Syntheſe). Bei dieſer Anwendung darf aber 
dem Beſondern des Falle3 nicht Gewalt angetan 
werden, u. die Alten fordern daher, daßNechtsbeſtim- 
mungen durch Rüdſichten auf das Billige (griech. 
ärtetzeög, lat, aequum) gemildert werden. Ariſto- 
tele3 drückt dies bildlich aus mit der Forderung, 
e3 müſſe „ein le3biſcher K.“ angewandt werden, 
d. i. ein biegſames, aus Blei gefertigtes Richt= 
maß, da3 ſich den Unebenheiten der Bauſteine 
anſchmiegt (Nikom. Ethik 5, 14). Auch die ſitt- 
lichen Vorſchriften ſind nach ihm auſ Grund der 
Einſicht in den gegebenen Fall anzuwenden : „Der 
Einſichtige urteilt über alles richtig, trifft überall 
das Wahre; für jede Verfaſſung gibt es ein eigen= 
tümliches Schönes u. Erfreuliches, u. wer in der 
rechten Verfaſſung iſt, hat vor andern voraus, in 
allem da38 Wahre zu ſehen, da er ſelbſt gleichſam 
der K. u. das Maß iſt“ (ebd. 3, 6; vgl. O. Will= 
mann, Ariſtotele3 al38 Pädag. u. Didaktiker [1907] 
IV, 4). Solche Weiſungen ſteuern der Gefahr, 
daß der K. zur Schablone, d. i. ein mechaniſch 
aufgelegtes u. verpielfachte8 Muſter, entarte, Dies 
gilt beſonder3 von dem K. des Unterricht8; auch 
hier gibt e3 ein Zubilligen, eine Rückſichtnahme, 
u. zwar, der Natur de38 Lehren3 entſprechend, eine 
doppelte: einerſeit3 auf den Gegenſtand, deſſen 
igenart die Anwendung de3 K. mitbeſtimmen 
muß, u. anderſeit3 auf den Lernenden, deſſen In= 
dividualität (ſ. d.) auch als Faktor zu gelten hat. 
So angeſehen wird der K., zu einer didakti- 
ſchen Kunſtform. -- E38 iſt von Vorteil, dieſe 
didaktiſchen Fragen in den weitern Zuſammenhang 
zu rücken, auf den der Ausdru>k K. hinweiſt, der 
daher verdiente, in der Didaktik als Kunſtwort 
verwandt zu werden. [O. Willmann.] 
Kanoniſſet heißen jene nach kirchlicher Vor- 
ſchrift (zavwv) lebenden Jungſrauen u. Witwen, 
die im Unterſchiede von den eigentlichen Nonnen 
keine Gelübde ablegten, aud) Privatvermögen be= 
ſiken durſten. Sie ſind die direkten u. legitimen 
Nachſolgerinnen der altkirchlichen Sanktimonialen 
u. der frühchriſtlichen gottgeweihten Jungfrauen, 
mit denſelben Nechten u. Pflichten. In ihren von 
Fürſten u. Adligen gegründeten u. reich aus= 
geſtatteten, neben den Pfarrkirchen gelegenen Stiſ= 
ten führten die K. ein dem Gebet, der Arbeit u. 
dem Kirchendienſte gewidmetes Leben. JInnerha1b 
de3 umfriedeten Stift8bezirkes bewohnten ſie in 
der Regel eigne Behauſungen, ſpeiſten jedoch ge= 
meinjam 1. hatten einen gemeinſchaftlihen Schlaf= 
jaal ; ebenſo nahmen ſie zuſammen am Gottes= 
dienſte teil, de8gleichen am Chorgebete, das täg= 
lich 7mal ſtattfand. An den K.ſtiſten beſtanden 
regelmäßig 2 Sulen: eine für die männliche 
Jugend, die von den (außerhalb des Stiſft8bezirke3 
wohnenden) Stiſtsgeiſtlichen, den Kanonikern, ge 
leitet wurde u, in erſter Linie der Heranbildung 
de3 Kleru3 diente; die andre für die weibliche 
„Jugend, vornehmlich für Mädchen aus beſſern 
Familien, die von den ältern Stiſtsſrauen unter 

	        

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