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aller Grade beſucht wurde. Hier trug ſein oberſter
Grundſaß, denkende Menſchen zu erziehen, die
erſten herrlichen Früchte. Jn Erfurt fand er 1836
auch die Gattin, die ihm jedoch ſchon 1838 durch
den Tod entriſſen wurde. Troß der Fülle ſeiner
Pflichten hatte K. noch Zeit, den begabteſten ſeiner
Schüler Gratisſtunden im Lateiniſchen zu geben
u. am Sonntagmorgen von 6 bi8 8 Uhr Hand»
werksölehrlinge zu unterrichten.
Im Mai 1836 wurde der 2b5jährige Rektor
al3 Lehrer an das neugegründete Lehrerſeminar
nad) Heiligenſtadt berufen, deſſen Leiter ſein Vater
war. Hatte das erſte Luſtrum ſeiner Berufsarbeit
einen ungewöhnlich tüchtigen Schulpraktiker u.
Methodiker aus ihm gemacht, ſo brachten ihm die 12
Heiligenſtadter Jahre durch ernſte3 Selbſtſtudium
die wiſſenſchaftliche Bildung, die ihm auf dem
normalen Wege nicht zugänglich geworden war.
Beſonder3 beſchäftigte er ſich mit den Naturwiſſen-
ſchaften, der Geſchichte, der Entwieklung der deut=-
ſchen Sprache u. Literatur, dem Lateiniſchen u.
dem Griechiſchen; die Philoſophie ſchien ihm da-
gegen Zeitverſchwendung zu ſein, Al3 Hauptlehrer
des Seminars übernahm er bibliſche Geſchichte,
Deutſch, die katechetiſchen Übungen, ſämtliche Rea=
lien u. dazu die geſamte Auſſicht über die Zög-
linge, Er war über das erfolgreiche Zuſammen=
arbeiten mit ſeinem Vater ſo beglüct, daß er ſelbſt
die äußerſt dürſtige Ausſtattung der Anſtalt ver-
gaß. Ihr Nuf drang bald weithin, u. die fach-
männiſchen Beſucher aus dem In- u. Au3lande
-- unter ihnen auch der alte Zerrenner - mehr=
ten fich mit jedem Jahre.
Hatte K. geglaubt, als Nachfolger ſeine3 Vater3
einmal Seminardirektor in Heiligenſtadt zu werden,
jo wurde er zu ſeiner eignen Überraſchung 1848
als der erſte katholiſche Regierung8- u. Schulrat
nac< Marienwerder (Weſipreußen) berufen u. ſie=
delte mit Frau u, Kind -- er hatte ſich 1840
wieder verheiratet -- im Mai dorthin über. Nicht
ohne Kummer ſahen ihn ſeine Freunde aus der
praktiſchen Schultätigkeit in die Bureaukratie über=
gehen. Dod) ſchuf ſich K. aud) in der neuen
Stellung einen Wirkungäskreis, in dem ſein geiſtiger
Fond nußbar werden konnte, Unter den größten
Schwierigkeiten (armſelige Schulverhältniſſe, not=
leidende u. oft verbummelte Lehrer, nationale u.
konfeſſionelle Gehäſſigkeiten , politiſche Wirren
[18481] uſw.) waltete er ſeine3 Amtes u. erwarb
fich das Vertrauen nicht bloß der Lehrer, ſondern
auch der ganzen Bevölkerung in ſolchem Grade,
daß ſie ihn zweimal zum Abgeordneten wählte.
Die Lehrer ſuchte er pädagogiſch zu intereſſieren
durch Einrichtung von regelmäßigen Konferenzen
u. von öſfentlichen Schulprüfungen u. ließ ſich
auc< ihr materielles Wohl am Herzen liegen. --
1855 als Negierung3= u. Schulrat nad) Trier
verſetzt, ließ er ſich hier vor allem die Gründung
von eignen Lehrerbildungsanſtalten (zuerſt Lehre-
rinnenkur3 in Trier, 1876 Seminar in Saarburg
u. Wittlich, 1879 in Trier, 1885 in Prüm) u.
Rellner.

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von Bürger- u. Acerbauſchulen angelegen ſein.
Auch gab er dem Präparandenweſen feſte Ge=
ſtalt u. vervollſtändigte verſchiedene Progymnaſien
zu Gymnaſien. Seinem Trierer Wirkungskreiſe
blieb er treu, obwohl verlo>ende Rufe nach Köln,
Straßburg u. Wien an ihn ergingen. An be-
jondern Chrungen wurden ihm zuteil die Ernen-
nung zum Ehrendoktor der Münſterſchen Akademie
(1863), zum Geheimen Regierungsrat (1871)
u. zum Mitglied der 1872 durch Falk nach Ber-
lin einberufenen Konferenz zur Reorganiſation
des preußiſchen Volksſchulwejens. Auch war er
1867/71 Landtag3abgeordneter u. gehörte zuerſt
zur freikonſervativen Partei, ſtimmte aber ſchließ-
lic) mit dem (damal3 noch nicht ſo benannten)
Zentrum, Seine3 Alter3 wegen erreichte er nach
verſchiedenen vergeblichen Verſuchen 1. Juli 1886
die erbetene Penſionierung, erlebte noch über=
wältigende Sympathiekundgebungen bei der Feier
ſeines 75. u. 80. Geburt8tages u. fand am 18. Aug.
1892 in Trier ein friedevolle3 Ende, nachdem er
nod) kurz vorher ſeinem Biſchof die Sorge für die
Lehrerſchaft warm anempfohlen hatte. --- Ein
Denkmal wurde ihm 1897 in Heiligenſtadt errich=
tet; Trier gründete 1901 den „Lorenz K.=Verein“
zum Zwecke der Ausbildung von Ganz- od. Halb-
waiſen katholiſcher Volksſchullehrer; auch Wien hat
ſeinen „Kath, Lehrerverein Dr Lorenz K.“
11. Charafkteriſtift. Durchglüht von echter
Frömmigkeit u. Lauterkeit, hatte HK. über ſein ganze?
Leben den Grundſaß geſchrieben: „Wa du biſt,
da3 wolle ſein, u. nichts wolle lieber!“ Dement:
ſprechend wußte er in ſeinem Wirken verſtändnis:
innig Weſen u. Schein, Edelmetall u. Schlader
reinlich zu ſcheiden. Einer der verhältniämäßic
wenigen Pädagogen, die Peſtalozzi8 Wort auf ſid
anwenden konnten: „Man hatte mir oft gefagt
e3 ſei eine heilige Sache, von unten auf zu dienen“
verlor er auch auf der Höhe ſeine3 Ruhmes de!
von der Liebe geſchärften Blick für die Nöte de
Unterſten ſeines Standes nicht. Wie er ſchon al
junger Lehrer durch milden Ernſt u. ernſte Mild
auc verwilderte Klaſſen ohne Lärm zu muſtei
gültiger Haltung brachte, ſo ſtrahlte in ſeine!
ganzen Leben wärmende Liebe von ihm aus, No,
im hohen Greiſenalter ſchrieb er jungen Lehrer
mit zitternder Hand goldnen Rat u. herzlid
Wünſche brieflich nieder. Wa er in ſeinen „Aph(:
riömen zur Pädagogik" vom echten Lehrerberu
ſagt, das hat er an fich ſelbſt erfahren : „Für d«
Mann, welcher den Zweck de3 Leben3 erkannt
den richtigen Kompaß ſeiner Pilgerfahrt gefund
hat, gibt es nicht3 Schöneres u. Beglückender
al3 ein abgegrenzter, beſtimmter Wirkungskre!
in dem er überſchauend geſtalien u. geſtalte
überſchauen kann, in welchem ſeine Worte ni
gleich der Stimme in der Wüſte verhallen. YV
beglückend iſt es, in einem engern Kreiſe v
Mentc Verhältniſſe es möglich machen, in den Her;
Denkmale zu ſeßen, welche auf Kind u, Kindesk

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