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Klaſſe vermieden werden ſollte durch ſorgfältige
Aus8wahl bei der Aufnahme, damit die höhern
Lehranſtalten möglichſt von ſog. „Ballaſt“ be-
freit bleiben.
1I1. Begründung der Einſchränkung der K.
So wünſchenswert anch kleinere Klaſſen für die
Volköſchulen ſind, ſo unmöglich iſt die dadurc)
bedingte Vermehrung der Shulrämme 1. Lehr
fräſte für ärmere Gemeinden. Da die allgemeine
Schulpflicht beſteht, muß die Volköſchule, um
die Schullaſten der Gemeinden nicht über Ver=
mögen zu ſteigern, eine ſtärkere Höchſtzahl in den
Klaſſen dulden als die höhere Lehranſtalt, deren
Schüler ein hohes Schulgeld entrichten. Aud)
da3 Erlernen der Elementarfſächer kann eher bei
einer großen Schülerzahl geſchehen al8 der Unter»
richt in wiſſenſchaftlichen Fächern u. den Fremd»
ſprachen. Überfüllung hindert in allen Schulen
das Werk der individuellen Erziehung u. die not=-
wendige Nücſichtnahme auf den langſamen, ſchüch-
ternen, löſſigen Schüler. Volle, überbeſeßte Klaſſen
laſſen ſich zwar diſziplinieren, bezüglich der Lei-
ſtungen aber nicht im erforderlichen Maße kon=
trollieren. Der einzelne kann leichter unauſmerkſam
n. teilnahmlos8 ſein als in kleinen Klaſſen. Die
Kurzſtunden (ſ. d.) gebieten erſt recht Einſchrän»
kung der K., damit der Unterricht dialogiſd) bleibt
u. nicht zum Drill wird, unter dem das ſelbſtän=
dige Denken u. Schaffen der Schüler erlahmt. Je
höher die Anforderungen der Lehraufgabe ſind,
deſto kleiner muß die Klaſſe ſein.
Literatur. IJ. Janſſen, Geſch. d. deutſch.
Volkes 1 (181897) ; Mitteil. d. Geſellſch. f. deutſ Erziehungs» u. Schulgeſch., Beiheſt 11 (1906); LV.
v. Beckedorff, Jahrbücher des preuß. Volksſchulweſ.
(1819 ff) ; I. Henſe, Das Gymnaſium Theodoria-
num (Feſtſ Paul. Gymnaſiums in Münſter (1898) ; F. Paul»
jen, Geſch. d. gelehrt. Unterr. (2 Bde, 21896 f) ; W.
Lexis, Das Unterricht8weſ, im Deutſchen Neiche 11
u. 111 (1904); A. Beier, Die höh. Schulen in
Preußen u. ihre Lehrer (81909) ; B. Duhr, Geſch.
der Jeſuiten (2 Bde, 1907/13) ; H. Morſch, Das
höh. Lehramt i. Deutſchl. n. Öſterr. (21910).
[S. P. Widmann.]
Klaſſengeiſt |. Korpägeiſt.
Klaſſenhelfer |. Helſerſyſtem ; vgl. auch
Klaſſenoberſter.
Klaſſenlehrerſyſtem., 1. Erklärung,
Wenn an einer Schule jedes Lehrſah in der Hand
eine8 Fachmanne38 u. Fachlehrer3 liegt, jo herrſcht
an ihr das Fachſyſtem. Eingeführt iſt e3 an den
Univerſitäten, weil ſie Fach-Hochſchulen für die
verſchiedenen wiſſenſchaftlichen Berufe ſind u. die
Wahl der Fächer den Studenten freiſteht. Ver-
langt der künftige Beruf eine nach beſtimmtem
Plane auſwärtsſteigende Unterweiſung gleichzeitig
für mehrere Fächer nebeneinander, ſo bilden die
Teilnehmer Lernſtufen, die man auc Klaſſen
nennen mag, aber keine Klaſſe im engen Sinne
der je einen Jahre8kurſu8 umfaſſenden Scul-
abteilung, die einen Hauptlehrer als Führer hat.

Klaſſengeiſt -- Klaſſenlehrerſyſtem.

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Solche Lernſtufen findet man bei den Techniſchen
Hochſchulen, auch beim mediziniſchen, juriſtiſchen
u. theologiſchen Studium, Selbſt die Fachſchu-
len müſſen Jahre8= od. Halbjahrsklaſſen bilden,
beruhen aber auf dem Fachlehrerſyſtem (ſ. d.).
Das K. übergibt den ganzen Unterricht der für
ein Jahr angeſeßten Lehraufgabe in den verſchie-
denen Fächern einer Klaſſe demſelben Lehrer,
aljo z. B. Religion, Deutſch, Rechnen, Geſchichte,
Erdkunde, Naturkunde, Geſang, Zeichnen. Lehrer
u. Schüler haben gleich viel Lehrſtunden, Bei
kleinern Shulenkann derKlaſſenlehrerauch mehrere
Jahrgänge zuſammen unterrichten, gibt e3 do<
ſogar 1klaſſige Schulen. Behält ein Lehrer ſtets
die gleiche Stufe, 3. B. die Anfänger od. die
vberſie Klaſſe, ſo daß er alle Jahre neue Schüler,
aber den gleichen Stoff zu unterrichten hat, ſo be=
zeihnet man da8 Klaſſenſyſtem als ſtehenbleibend.
NRückt er mit feiner Klaſſe auf entweder bis zur
Mitte der ſchulpflichtigen Zeit (3 od. 4 Jahre)
od. auc herrſcht das fortſchreitende Klaſſenſyſtem (ſ. Durch=
führung der Schulklaſſen). Streng durchzuführen
iſt das K. höhſten38 bei Volköſchulen, u. ſelbſt bei
ihnen muß zuweilen dem Fachlehrerſyſtem (ſ. d.)
ein Zugeſtändni3 gemacht werden. Notwendig iſt
dieſe3 gemiſchte Syſtem an den höhern Lehr-
anſtalten, weil die akademiſch gebildeten Lehrer
bei dem heutigen Stande der Wiſſenſchaſten u.
den Anforderungen der Lehrbefähigung ſich nicht
zu ſolchen Polyhiſtoren ausbilden können, die ſie
jein müßten, um den Unterricht in allen Lehrgegen=
ſtänden mit allſeitig gleichem Erfolge zu erteilen.
Von den ſog. techniſchen Fächern, dem Unter=
richte im Zeichnen un. Singen, die immer vor=
wiegend Fachlehrern zufallen werden, ſei ganz
abgeſchen. Befähigung im Turnen erwerben ſich
jekt auch viele akademiſch gebildete Lehrer. Aber
es iſt eine ſeltene Au8nahme, daß Altphilologen
zugleich Mathematiker erſter Stufe ſind, faſt eine
Unmöglichkeit, daß ein Neuphilolog fiber Deutſch,
Geſchichte, Erdkunde, Naturwiſſenſchaſten, Mathe-
matik ſo verfügt, wie er e3 al8 Klaſſenlehrer einer
Prima der Oberrealſchule muß. In den Ober=
klaſſen der höhern Lehranſtalten überwiegt jomit
das Fachlehrerſyſtem. Gleichwohl gilt auch für
das höhere Schulweſen in Deutſchland jeht ziem=
lich allgemein der Grundſaß, die Leitung jeder
Klaſſe mit mehrern Unterrichtöfächern einem
Klaſſenlehrer zu übertragen, der auch als Klaſſen=
leiter vd. mit dem alten Titel als „Ordinarius“
(ſ. d.) bezeichnet wird.
IT. Geſchichte. Von der älteſten Zeit an bi3
zur Gegenwart beſtanden das K. u. das Fach-
lehrerſyſtem nebeneinander, ohne daß es einſt ein
ſo feſtes, wohlgegliedertes Schulweſen wie jeßt
gab. Der Schullehrer unterrichtete ſeine Zög=
linge in allen Lehrfächern, u. deren gab es im
Altertum u. im Mittelalter, ja bis in3 19. Jahrh.
hinein nicht ſehr viele. Wer fich in einer Kunſt
od. Wiſſenſchaft gründliche Bildung erwerben

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