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verknüpft werden. Vergangene Ereigniſſe werden
ſo in die Gegenwart verlegt. Nie geſehene Orte
kommen bekannt vor. Dieſe bei Irren häufige
G. beruht auf Störungen der Phantaſietätig-
keit. Auf gleicher Grundlage baut ſich auc die
pathologiſche Lügenhaftigkeit auf, welche die
pſychopathiſchen Konſtitutionen öfter8 auſweiſen
(Pseudologia phantastica). Die daran Leiden-
den wiſſen, daß ſie lügen, ſind aber dure) ihr aus=
geprägtes Selbſtgeſühl gedrängt, ihrer lebhaſten
Phantaſie die Zügel ſchießen zu laſſen; ſo kom-
men ſie zum Erfinden u. ſchließlich zum Glauben
an augenſcheinlich unmögliche Dinge, Bei Kin-
dern iſt die Erdichtung u. Umdichtung von Er-
lebniſſen auch ohne Bewußtſein der Fälſchung
um ſo leichter, als ihre Phantaſie meiſt ebenſo le-
bendig wie ihre Selbſtkritik unentwicelt iſt. Vgl.
den Art. Kinderausſagen im Verhör.
Beim Schwachſinne iſt die Leiſtungsfähigteit
de3 Gedächtniſſes meiſt in jeder Beziehung minder-
wertig; es findet ſich aber öſter ein überwertiges
Gedächtnis für Zahlen, Melodien od. Worte
(Sprachen). Der Schwacdſinnige erfaßt u. be=
hält ſchlechter al3 der Geſunde ; die willkürliche
Neproduktion iſt erſchwert. Cine vorzügliche Me=
thode zur Prüfung der Leiſtungsfähigkeit des Ge-
dächtniſſe3 findet ſich in Th. Ziehens „Prinzipien
u. Methoden der Intelligenzprüfung" (21911).
Literatur. J. Beſßmer 3. J., Störungen im
Seelenleben (?1907) ; Hagemann-«Dyrofſf, Pſycho»
logie (*1911); Lehrbücher der Pſychiatrie von
Bins8wanger u. Siemerling, Kraepelin, v. Krafſſt-
Ebing ; ferner O. Veraguth, Neuraſthenie (1910);
O. Binswanger, Hyſterie (1904).
[W. Bergmann.]
Gedankenausdruk>, mündlicher. Den-
ken heißt Begriffe u. Urteile bilden. Der Begriff
iſt die Zuſammenfaſſung der weſentlichen Merk=
male eines Dinges durch das Wort. Beim Urteile
vergleicht man 2 Begriſſe u. bejaht od. verneint
deren Zuſammengehörigkeit ; Beiſpiel: Kuh ---
Säugetier; Kuh --- Einhufer. Die Kuh iſt ein
Säugetier; die Huh iſt kein Einhufer. Der Aus-
druc> des Urteils iſt der Saß; denn von der Ge-
bärdenſprache haben wir hier nicht zu reden. Aller
Unterricht zielt darauf ab, den Schüler zur Bil-
dung richtiger Begriffe u. zutreffender Urteile zu
veranlaſſen. Die Überzeugung, ob im einzelnen
Falle dieſe3 Ziel erreicht worden iſt, verſchaſſt ſich
der Lehrer dadurch, daß er den Schüler ſeine Ge=
danken im Zuſammenhange zum Ausdruce brin=
gen läßt. Daraus erhellt die Bedeutung einer
jorgfältigen Pflege des G., die noch geſteigert
wird durch die Weriſchäßung der wohllautenden
Form, „In leßterer Hinſicht werden wir Deutſche
von manchen Völkern, namentlich von den Ro=
manen, übertroffen, weil wir uns gar zu oſt mit
dem Inhalte begnügen u. die Form vernachläſ=
ſigen. Die franzöſiſche Mutter z. B., auc die der
untern Stände, befleißigt ſich ſelbſt eines guten,
zierlichen G. u. hält darauf auh bei ihren Kin-


Gedankenausdrud,

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dern. Da die . deutſchen Familien manche3 ver-
ſäumen, wird die Arbeit der Schule erſchwert.
Die wichtigſten Anforderungen an
einen guten u. ſchönen G. ſind folgende: 1. Die
Säße müſſen grammatiſch richtig u. einfac ſein ;
„Schactelſöße“ ſind nicht nur meiſt unſchön, ſon-
dern beeinträchtigen auch die Klarheit, 2. E3
dürfen nicht immer dieſelben Au8drü>e wieder=
kehren. Denn da3 erregt das Mißſfallen des Zu=
hörer3 u. verringert ſeine Auſmerkſamkeit. 3. Die
Gleichſörmigkeit muß beſonder3 bei der Verbin-
dung der Säße vermieden werden z man beginne
de3halb bald mit dem Subjekte, bald mit einem
andern Saßteile, inbeſondere mit einer Beſtim-
mung de3 Ortes, der Zeit, der Art u. Weiſe od.
mit einem paſſenden Bindeworte. 4. Der Redende
muß mit deutlicher Ausſprache, ſinngemäßer Be-
tonung u. jo langjam ſprechen, daß er gut ver-
ſtanden wird.
Wir unterſcheiden eine planmäßige u. eine gele-
gentliche od. eine abſichtlicheu. einebeiläufige Übung
im mündlichen G. Die planmäßige iſt haupt-
ſächlic) (nicht ausſchließlich, ſ. u.) der Unterſtufe
der Volksſchule zuzuweiſen. In frühern Zeiten
bezeichnete man ſie mit dem Namen „Sprech-
übungen“, weil ihr Hauptzweck der war, die Kinder
überhaupt zum Sprechen zu bringen u. ferner ſie
an den Gebrauch der hochdeutſchen Sprache zu
gewöhnen. Dieſer Geſichtöpunkt wurde denn auch
bei der Au8wahl der zu beſprechenden Gegenſtände
u. bei den Beſprechungen ſelbſt in den Vorder-
grund gerückt. Man dachte zu wenig daran, daß
die Übungen auch dazu dienen ſollten, die Sinne,
beſonder3 das Auge, zu üben. Heute betont man
dieſen Zwe> u. nennt darum den Unterricht „An=
ſhauungzunterricht" (ſ. d.). In Preußen iſt die3
die amtliche Bezeichnung ſeit dem Erlaß der „All-
gemeinen Beſtimmungen“ (1872). Die Übung
im Sprechen wird bei diejem Unterrichte aud)
heute nicht vernachläſſigt. Die Kinder werden
angeleitet, deutlich, in richtigen u. vollſtändigen
Säßen u. langſam, in der erſten Zeit ſilbenmäßig,
zu ſprechen. Der aufmerkſame Lehrer wird der
Pflege des G. auch dadurd dienen, daß er den
Schülern Wendungen geläufig macht, die in der
gewöhnlichen Umgangöſprac men, daß er denſelben Gedanken auf verſchiedene
Weiſe ausdrücen u. nach u. nach auch Nebenſäße
anwenden läßt (aber keine Schachtelſäße! Cin
Nebenſatz als Vorder= od. Nachſaß genügt). ---
Die planmäßigen Übungen werden auf der Mit=
telz 11. Oberſtuſe der Volk8ſchule u. auf den
höhern Lehranſtalten durch den ſog. mündlichen
Auſſatz fortgeſeßt. Der Zwe>k dieſer Übung iſt
unter vem Stichworte „Auſſaß"“ dargelegt. ---
Man kann endlich auch die Deklamierübungen (ſ.
Deklamation), die auf allen Stufen der Volk3= u.
der höhern Schulen betrieben werden, zu den plan=
mäßigen Übungen im G. rechnen. Zwar ſprechen
die Schüler hierbei nicht ihre eignen Gedanken aus;
aber ſie lernen zierliche Wendungen u. wohlklin-

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