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IV. Die pädagogiſchen Berdienſte 9.38 be-
ſiehen vor allem darin, daß er die ſoziale Beden»
tung der Volksſchule u. die ideale Auffaſſung des
Lehrerberuſs zur Geltung gebracht hat. Man
Hörte ihn öſlers tieſbewegt ausruſen: „I< kann
an die große Zahl von Kindern, denen die Un»
wiſſenheit zum Verderben gereicht, nicht denken,
ohne Tränen zu vergießen." Da der moraliſche
1. ſoziale Tirfſtand des Volke3 vorzugsweiſe in
dem Mangel an guten Lehrern ſeinen Grund
Hatte, ſo ſtiſtete er eine ſich ſelbſt erneuernde Ge»
Jellſchajft von Erziehern, welche die Kinder der
Armen auth in ſpätern Zeiten 1. in andern Län»
dern zu Geſittung u, Erwerbsfähigleit, zu Gebet u.
Arbeit anleiten ſollten, Unter den größten perſön»
Jichen Opſern u. in ausdauerndem Ringen mit
Scchwierigleiten aller Art hat dieſer große Kinder»
ſreund durch die Kraft ſeiner unerſchöpflichen
Liebe, ſeine3 klaren Geiſte3 u. ſeine3 unerſchütter-
lichen Gotivertrauens ein Inſtitut geſchaffen, das
einzig in der Welt daſteht, Mit vollem Rechte hat
der Akademiker de Bonald in ſeinec „Theorie der
ſozialen Ordnung“ das Urteil abgegeben : „Das
Inſtitut der Brüder der ein Meiſterwerk der Weisheit u, Menſchenkennt»-
ni3." Der heilige Stiſter verſtand es, ſeinen Brü»
dern eine hohe Auffaſſung ihre38 Beruſes beizu»
bringen u. ſie mit Opjermut zu erfüllen. „Der
Geiſi des Inſtitut3", ſagt die Regel, „iſt ein
Geiſt de3 Glauben3, der alle Mitglieder antreiben
muß, alle3 aus dem Geſichtöpunkte des Glaubens
zu betrachten, alle3 für Gott zu tun u. ihm alle8
anheimzuſtellen. Darum ſollen die Brüder eine
tieſe Ehrſurcht vor der Hl. Schriſt haben, ſtet3
das Neue Teſtament bei ſich tragen u. keinen Tag
vorübergehen laſſen, ohne darin eine Leſung zu
madhen.“ Und in den „Betrachtungen“ hält er
den Brüdern vor: „Da ihr eurem Berufe nad)
Geſandte u. Diener Jeſu Chriſti ſeid, ſo müßt ihr
euer Amt al3 Repräſentanten des Heilandes ver»
walten. . . . Ihr teilet mit den Schußengeln das
erhabene Amt, die Seelenzu hüten u. zubilden. . ..“
In ſeiner Regel ſtellt L. von vornherein mit aller
Beſtimmtheit feſt, daß die der Jugend die Hauptaufgabe ſeines Inſtituts
iſt. Seine Schulen ſollen alſo keine bloßen
Unterricht3anſtalten, ſondern Erziehung3anſtalten
ſein. Darum hat L. ſtet3 ſeine größte Sorge der
Heranbildung tüchtiger Lehrer zugewandt. „In
dem Vornoviziat von Neims8", ſchreibt er, „nimmt
man tfalentvolle Knaben von 14--16 Jahren
auf, gewöhnt ſie an die Übungen der Frömmig»-
Zeit, unterrichtet ſie vollſtändig im Katechi8mus
u. lehrt ſie vollkommen leſen, ſchreiben u. rechnen.“
Im Noviziate wurden nicht nur religiöſe Übungen,
ſondern auch fleißige Studien betrieben, denen L.
in St-Yon praktiſche pädagogiſche Vorleſungen
1. Unterweijungen anfügte. Ehe einem Kandidaten
eine Klaſſe anvertraut wurde, mußte er 1 Jahr
Jang unter der Direktion eine3 tüchtigen Lehrers
od. Bruders als Hilfslehrer amtieren. Nur wer
La Salle,

1768
al8 Lehrer erprobt war, konnte zu den Gelübden
zugelaſſen werden, Schon vor 200 Jahren ſtellte
L. den Grundſaß auf: „Man darf einen Lehrer
nicht allein in einer Klaſſe laſſen od. deren Lei-
tung ihm ganz anvertrauen, wenn er nicht zuvor
durch einen in der Schule ſehr erfahrenen Lehrer
vollſtändig ausgebildet worden iſt," Der Lehr-
plan de3 Landlehrerſeminar8 umfaßte: Katechis-
mu8, Leſen des Gedrutkten u. der Manuſkripte,
Schreiben, franzöſiſche Grammatik u. Ortho»
graphie, Arithmetik, Maß» u. Gewichtsſyſtem u.
Kirchengejang. Dazu kamen tägliche Übungen in
der Freiſchule unter Leitung eines erfahrenen
Bruders. Mit Recht ſagt de8halb das Heilig-
jprechung8dekret Leo8 XIT1.: „Von ihm (L.)
ſtammt, roa beſonderes Lob verdient u. die größten
Vorteile brachte, der Gedanke, Muſteranſtalten
zur Heranbildung von Lehrern zu gründen, u. in
Ausführung dieſe3 Gedankens gab er denſelben
die beſten Negeln u. Einrichtungen, die in der
Folge in zahlreichen ähnlichen, nach ſeinem Mu-
ſter errichteten Anſtalten eingeführt wurden u. an-
noc in Wirkſamkeit ſind." Auch die Schulauſſjicht
war im Inſtitute L.8 muſterhaſt organiſiert. Der
Bruder Direktor iſt zugleich der Inſpektor aller
Schulen der Niederlaſſung u. muß ſein Augen-
mer? beſonder3 auf die praktiſche Ausbildung der
jüngern Lehrer richten. Er wird durch den Bruder
Viſitator kontrolliert, der alljährlich alle Häuſer
u. Schulen ſeiner Provinz inſpiziert. Die Zentral
leitung liegt in den Händen des Generalſuperiors,
der darin durch Aſſiſtenten, die vom General-
kapitel auf 10 Jahre gewählt werden, unterſtüht
wird. L. iſt ferner der eigentliche Schöpfer der
Volksöſchule geworden, indem er ſchon für die
Elementarſchüler den Klaſſenunterricht einführte
u. die Mutterſprache in ihre Nechte einſeßte. Es
gab in jener Zeit bereit3 viele Elementarſchulen ;
Paris 3. B. war in 167 Sculbezirke mit je 1
Lehrer u. 1 Lehrerin eingeteilt, daneben erteilten
die zünftig organiſierten Schreiblehrer beſondern
Unterricht in ihrer verſchnörkelten Schreibkunſt, u.
beliebige Private probierten ihre Lehrkunſt in
„Strauch? od. He>enſchulen“. Aber alle dieſe
Schulen waren Zahlſchulen, in denen arme Kin-
der nicht auſgenommen wurden. Die meiſten
Zeitgenoſſen ſanden das ganz in der Ordnung.
E3 war darum eine Großtat, daß L. unentgelt=
liche Schulen ſür die Kinder der Armen erdöſſ-
nete u, die beſjern Stände umſtimmte. An Stelle
des damal3 allgemein herrſchenden , unfrucht=
baren Einzelunterricht8 (ſ. d.) hat L. zudem den
Maſſen» od. Klaſſenunterricht durchgeſührt u.
damit der Volksſchulpädagogik den ſegensreichſien
Dienſt geleiſtet. Im Zuſammenhange damit
hat er den Lehrplan u. den Stundenplan der
Elementarſchule aufgeſtellt, die Schulordnung ſeſt-
geſeßt u. in ſeiner „Anleitung“ der Nachwelt die
erſte Volköſchulkunde hinterlaſſen. Er hat auch
der Schule die Bahn des Fortſchrittes u. der na-
tionalen Bildung eröſſnet, indem er die Mutter»

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