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ſprache zur Grundlage de8 Unterrichts machte,
was bi8 dahin nicht üblich war. L. begann den
Unterricht mit dem Leſen u. Schreiben der Mutter-
ſprache, obwohl dieſe wichtige Neuerung beſonders
in klerikalen Kreiſen lebhaſtem Widerſpruche be-
gegnete. Auch führte er in ſeinen Schulen einen
ganz methodiſchen Lehrgang zur Erlernung der
Mutterſprache ein. Vor den Augen der Anfänger
warden nacheinander 6 Tafeln auſgehängt. Die
erſte enthielt das Alphabet in großen Buchſtaben
u. einige Doppellaute, die zweite das Alphabet in
Heinen Buchſtaben u. etliche leichte Silben. Die
4 andern Taſeln ſtellen Silben u. Wörter von 3
na. mehr Buchſtaben in einer nad) der Schwierig-
keit der Ausſprache auſſteigenden Ordnung vor
Augen. (Auch für den erſten Unterricht im Rech=
nen mußten Taſeln gebraucht werden.) Danach
bekamen die Schüler von L. verfaßte elementare
Leſebücher, zuleßt „Die Negeln de8 Anſtandes uſw.“
in die Hand, Zur Leſung des lateiniſchen Pſalter3
durſten nur die zugelaſſen werden, die ſchon völlig
franzöſiſch leſen konnten. Mit der Nechtſhreibung
verband L. die Elemente der Grammatik u. die
Aufſäße. Leßtere ſollen der Praxis des Lebens
dienen u. vorzug3weiſe Geſchäftsaufſäße ſein
(Schuſd)heine, Quittungen, Verträge, Proto»
olle, Rechnungen uſw.). Die Schüler ſollen zur
ſelbſtändigen Abfaſſung ſolcher Schriftſtücke u. zur
ſchriftlichen Neproduktion deſſen, was fie während
einer Woche im Neligion3unterrichte gelernt haben,
angeleitet werden. Dem religiöſen Unterrichte müſ-
ſen in den Schulen der Brüder täglich eine halbe, an
den Sonntagen anderthalb Stunden gewidmet
werden. Bemerkenswert iſt, daß L. in Überein=-
ſtimmung mit ſeinem Alter3= u. Studiengenoſſen
Fenelon die bibliſche Geſchichte wenigſtens in die
Unterſtufe de8 Neligion8lehrplanes auſgenommen
hat. „Beim Katechismusunterrichte ſoll der Lehrer
nicht reden wie ein Prediger, ſondern faſt un=
unterbrochen Haupt= u, Unterfragen ſtellen. Da-
bei ſoll er nur einfache u. leichtverſtändliche Au3=
drüde gebrauchen. Auch ſollen die Fragen u. die
Antworten möglichſt kurz ſein. Er ſoll nur über
das Thema de38 Tages ſprechen u. ſich vor Ab=
ſchweiſung hüten. Auch foll er jeweil38 einige prak=
tiſche Anwendungen geben u. ſie durch Fragen u.
Antworten ſeſtſtellen.“ Die Brüder erzielten im
Religionsunterrichte ſo gute Reſultate, daß der
Generalvikar von Moulin38 u. der Superior von
St=Sulpice die Kleriker in den Religionsſiunden
der Brüder hoſpitieren ließen. Neben dem Rech
nen hat L. auch da8 Maß=, Münz= u. Gewichts8-
ſyſtem, Geometrie, Zeichnen u. Geſang in den
Lehrplan der Volksſhule aufgenommen. Und er
hat zur ſelben Zeit, da Miniſter Colbert in Frank=
reich Handel u. Gewerbe in Auſſchwung brate,
die techniſche Sonntagsſchule, eine Gewerbe-= u.
Realſchule, ein Penſionat u. eine Beſſerung3an-
ſtalt eingerichtet u. in dieſen zeitgemäßen Anſtalten
neben der ſittlich-religiöſen Zucht das Syſtem der
Fachlehrer zur Geltung gebracht. Er hat ferner

Lateiniſcher Sprachunterricht.

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Schülerverzeichniſſe (mit Angabe des Alters, des
Betragens u. der Fortſchritte) eingeführt u. hin-
ſichtlich des Stillſchweigen3 u. des Lehrton8 Maß-
nahmen (Worte ſparende Signale) getroffen, die
heute noch Nachahmung verdienen. Er drang in
allen Schulen u, Anſtalten auf individuelle Be-
handlung der Zöglinge, verminderte die Strafen
1. ſuchte auch durc< Belohnungen auf da8 Gemüt
u. den Willen der Jugend einzuwirken, -- L. war
einer der größten Pädagogen, ein bahnbrechender
Reformator des Schulweſens, von dem aud die
Gymnaſialpädagogik, die er grundſäßlich unbe-
achtet ließ, viel Gutes lernen könnte. Es war ein
Unglüd für die deutſche Jugend u. da3 deutſche
Volk, daß im 18. Jahrh. die Deutſchen zwar die
Sprache, den Luxus, die höfiſchen Sitten u. Un=
ſitten von Frankreich) angenommen, den großen
L. u. ſein epochemachendes, vorbildliches Wirken
dagegen ignoriert haben.
Literatur. IJ. B. Vlain (Freund 8.8), La
Vie du ven. gerviteur de Dien J. B. de la 5.
(2 Bde, Rouen 1733; n. A. 1887); Salvan, Vie
du v&n. J. B. de laS. (Toulouſe 1852); J. A.
Krebs, Leben des ehrw. J. B. de la S.(1859; nach
Salvan bearb., pädag. ungenügend) ; 8. Ayma,
Vie du ven. J. B. de 1a 3. (Ridge 1855); A. NRa-
velet, Hist. du vön. J. B. de la 8. (Bar. 21874);
Vie du ven. ds laS. (von Br. Lucard, 2 Bde, ebd.
1876) ; Quibert, Hist, do 8. J. B. de la S8. (2 Bde,
ebd. 1901); Annales de 1'Institut des freöres
des 6coles chr&tiennes 1 (1679/1719; ebd. 1882)
474; Die Schulen, Regeln d. Inſtituts d. Br. (1856; viel=
fach ungenau) ; Fr. J. Knecht, Der ehrw. J. B. de
L. 11. d. Inſtit. d. Brüder d. vergriſſen) ; W. E. Hubert, Dex ehrw. J. B. de la
S. als Erzieher (1887) ; B. Dillinger, Der hl. JI.
B de la S. als Pädagog (1906); F. Speil, Dex
hl. I. B. de la S. u. ſ. Stift. (1907) ; P. Paltram,
Pädag. d. hl. J. B. de la S. 11. d. brüder (1911; Bibl. d. kath. Pädag. XVI1).
[Fr. I. Hnecht.]
Lateiniſcher Sprachunterricht, 1. Ge-
ſchichte. Im früheſten Mittelalter gab e3 nur
geiſtliche Schulen (Kloſter-, Dom=, Stiftsſchulen),
denen in erſter Hinſicht die Heranbildung des
Kleru3 oblag. Daher fand in ihnen der Unter-
richt im Lateiniſchen, der Sprache der Kirche, an
der Hand der klaſſiſc<=heidniſchen u. der Schriftſteller eifrige Pflege. Die Scriſtſteller
dienten aber nur als Mittel zum Zwe, um durc
ſie zu beſſerm Verſtändnis der heiligen Schriften zu
gelangen. Auch da3 ſpätere Mittelalter hielt an
dieſem Grundſaße feſt. In dieſem Zeitalter trieb
da3 ſog. Kir immer ſchönen Blüten. Am Ausgange des Mittel=
alter8, als der Humanismus (ſ. d.) auch nach
Deutſchland kam, wurde das Studium der klaſ=
fiſchen, beſonder3 der lateiniſchen Schriftſteller
Selbſtzwe; aber e3 handelt ſich dabei weniger
um die „ſachlich-äſthetiſche“ Vertiefung in ſie, als
um die Form, Al3 höchſtes Ziel des l. S. gilt
dieſer Zeit die imitatio, d. h. die Nachahmung
rh

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