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Belgiens zur Heranbildung der Lehrer an den
jog. Mittelſchulen (66o1le8 moyennes), Gewerbe»,
Induſtrie- u. Handelsſchulen. Sie wurden 1852
durch Kgl. Erlaß ins Leben gerufen als 6co188
normalos de V'ensoignement moyen du degrs
inferieur. Anch die Direktoren u. Lehrer der
Volköſchnllehrerjeminare können aus den ehe»
maligen Zöglingen dex M.e gewählt werden. Die
Kurſe ſind 3jährig, u. die Aufnahme erſolgt auf
Grund einer Prüfung. Das größte Kontingent
der Zöglinge ſtellen die Abſolventen der Volk3»
ſchullehrerſeminare. Lehrgegenſtände der M.e ſind:
Neligion (für alle obligatoriſch, die keinen Di8pen3
bei der Shnlbehörde nachgeſucht haben), Pädago»
gik u. Methodik, Mutterſprache (Franzöſiſch od.
Flämiſch), Deutich, Engliſch, Geſchichte, Erd»
funde, Mathematik, Phyſik, Botanik, Zoologie,
Hygiene, Handelskunde, Zeichnen u. Handarbeiten
(Holz, Pappe od. Ton), Geſang, Turnen. Die
M.e umfaſſen 3 Abteilungen: Für zukünftige
Lehrer 1. der Literatur, des Franzöſiſchen u. Flä»
miſchen, der Geſchichte u. Erdkunde ; 2. der Ma»
thematik u. Naturwiſſjenſchaſten ; 3. der germani»
ſchen Sprachen. Es gibt 2 ſtaatliche M.e: in
Gent u. Nivelles. Da aber in Belgien (ſ. d.)
neben der Staatsſchule die ſog. „ſreie (meiſt kath.)
Schule“ von der Volksſchule bis zur Univerſität
durchgeſührt iſt, ſo beſieht neben den ſtaatlichen
M.en auch ein „freie3“ (kathol.) zu Matonne, das
auf Betreiben des Staatsminiſter3 Woeſte 1888
gegrändet wurde u. unter Leitung der Brüder der
rinnenſeminare wurden 1879 durch Kgl. Er-
laß gegründet ; Lehrplan wie oben, doc bieten ſie
ſtatt der angeführten Handarbeit weibliche Hand-
arbeiten, Haushalt u. Kinderpflege. Derartige
Staatsſeminare gibt es in Brüſſel u. Lüttich:
dazu werden noch etwa ein Dußhend „ſreie“ von
Orden3ſrauen geleitet, Von ihren zahlreichen
Schülerinnen treten jedoch die meiſten nicht ins
Lehrſach ein. Man wählt dieſe Studien, weil ſie
die einzigen höhern für die Mädchen ſind; das
Univerjitätöſindium der Frauen iſt noch unbekannt.
Alle nichtſtaatlichen M.e haben Öffentlichkeitsrecht;
die Prüſung wird an ihnen von einer durch den
Staat ernannten Kommiſſion abgehalten.
[F. Brug 0. Pr. Sc.]
Mnemotechnik (Mnemonik). 1. Begri
u. Geſchithte. Die M. (griech. „Gedächtniskunſt")
iſt ein ſyſtematiſch ausgebildetes Verſahren, das
durc; künſtliche Hilſ3mittel (Raumvorſtellungen
uſw.) die zu behaltenden Vorſtellungen verknüpfen
lehrt u. ſo eine Erhöhung der Gedächtniskraſt zu
erzielen glaubt, in Wirklichkeit aber beſtenfalls die
Lerntechnik u, das Aufmerken u. damit die Ge-
dächtnisleiſjungen verbeſſert. Der Urſprung der
M. wird gewöhnlich auf den griechiſchen Lyriker ;
Simonides aus Keo3 (556/468 v. Chr.) zurück»
geführt; do< ſteht feſt, daß ſie bereit8 den alten
Ägyptern bekannt war. Sicher iſt, daß ſie ſchon in | Fel. de Caſtilho (Traite ds mnem. [Bordeaux
den griechiſchrömiſchen Nhetorenſchulen in ein re» ; *94835])u. Alex. de Caſtilho (Dictionnaire mn6m.
Munemotechnik (Mnemonitk).

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gelrechtes Syſtem gebracht u. reichlich angewandt
wurde. So durſte ſich der durch ſeine vielſeitigen
Kenntniſſe u. ſeine Nhetorik bekannte griechiſche So-
phiſt Hippias aus Elis (um 430 v. Chr.) rühmen
(vgl. Platons Dialog Hippias maior), durch einen
mnemotechniſchen Kunſtgriff 50 nacheinander ge-
ſprochene Namen ſofort wiederholen zu können.
Während aber die M. bei den auf bleibendes
Vielwiſſen ſtolzen Sophiſten hoch in Ehren ſtand,
hielten Platon u. Xenophon nicht viel von ihr;
mehr ſchon Ariſtoteles, Unter den Römern wandten
ſie namentlich Cicero (Ds oratore II 86, 351 ſſ)
n. Quintilian (Instit, orat, X1 2, 17) an.
Die M. der Alten, die bis in die nenere Zeit in
der Hauptſache Geltung behielt, beſtand darin,
daß man ſich beſtimmte Gegenſtände (Quadrate,
Bilder ujw.) in einem wirklichen od. bloß gedachten,
reihgegliederten Naume (z. B. in einem gemächer=
reichen, vornehmen Hauſe) in genau ſizierler, für
immer gültiger Reihenfolge ſeſt einprägte (1oci),
die zu behaltenden Gegenſtände (Ideen, Namen
u. dgl.) durch paſſende Bilder (imagines) ſyms-
boliſierte u. dieſe imagines auf die loeci verteilte,
jo daß dann bei einem geiſtigen Gang durch die loci
die imagines vorgeſunden u. danach die in ihnen
ſymboliſierten Gedanken (Gegenſtände uſw.) exr=
innert wurden. Im Mittelalter, das reich an
Memoriermitteln aller Art war (vgl. die Art.
Ciſiojanus8 u, Mammotrectus), berührte aud) die
Ars magna des NRaimundus (f. d.) Lullus (1235
bis 1315), die Kunſt einer Gedankenbildung durd)
Begrifſskombinationen, in etwa die M. Die Re=
naiſſancezeit mit ihren ungewöhnlich vielſeitigen
Intereſſen griſf die antike M. lebhaſt wieder auf;
beſonders zugewandt waren ihr unter den Huma-
niſten Konr. Celtes (1459/1508), der erſtmals
(1492) ſtatt der Gedächtnispläße das Alphabet
zugrunde legte, Giordano Bruno (1548/1606),
der die Ars magna des Lullus zu vervollkommnen
ſuchte, u. Lambert Thom. Schenkel (+ 1597),
der als Wanderlehrer der M. nicht geringes Au]=
ſehen erregte. Die rein ſachliche Behandlung ſehzte
namentlich mit Francis Bacon (1561/1626) u.
Leibniz (1646/1716) ein. Lehßterer, der ſelber
dur) ein ungewöhnliches Gedächtnis ausgezeichnet
war, beſchäſtigte ſich bei ſeinen Bemühungen um
die Paſigraphie (eine für alle Völker der Erde
fj! verſtändliche Begriſſ8= od. Zeichenſchriſt) beſonder3
eingehend mit ihr (vgl. ſeinen Traktat Do arts
combinatoria [1666]). Am Anfange des 19.
Jahrh. wurde das Intereſſe an der M. neu an=
geregt dur) die Schriſten des kurſächſiſchen Land-
geiſtlichen C, A. Käſtner (Mnemonik od. d. Ge-
dächtniskunſt d. Alten [1804]) u. des Münchner
Bibliothekar3s Frhr v. Aretin (Syſtemat. Anleit.
4. Theorie un. Praxi3 d. Mnemonik [1810]),
deren Beſtrebungen ſich ſpäter u. a. anſchloſſen :
Aime Paris (Princip. et applicat., divers. de
Ja mnemonique [Par. 71834]), die Brüder Jof.

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