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Schöpfer an die Spihe aller Kulturarbeit geſtellt.
Sie entwertet damit das Weltliche nicht, ſie ſchüht
es vielmehr durch Verbindung mit dem Heiligtum
vor Zerrüttung u. Entweihung, ſie erneuert denrech»
ten Geiſt, in dem es beſorgt werden ſoll, ſte18 wie»
der aus jeinen tieſſten Quellgründen. Auch heute
beneidet uns die weltliche Ethik um die ergreifende
Symbolik de3 Kultus; die Nunſterziehung ſtellt
den äſthetiſchen Eindruck der kirchlichen Kunſtwerke
höher als profane Bildungsmittel; das kultur-
ſchaſjende Wirken der Miſſionare findet ebenſo
hohe Anerkennung wie das ſozialverſöhnende der
Prieſter. Der volle u. tieſſte Segen aber, der aus
dem religiöſen Denken u. Tun für den Charakter
erwächſt u. ſchon im Kinde zarte Blüten treibt,
Wia dieſen äußern Wirkungen noch gar nicht
geſaßt.
6. Während die Diesſeit3»M. an einer beſrie-
digenden Löſung des Gegenſaße3 von JIndivi-
dualismus u. Soziali8mus verzweiſeln muß, u.
auch die religiöſe Leben3ayſſaſſung vielſach Über
der ſubjektiven Frömmigkeit die Wirkung auf das
ſoziale Ganze vermiſſen läßt, beſiht die katholiſche
M. den Vorzug, daß ſie bei aller Betonung des
Perſönlichen, de3 unendlichen Wertes der Einzel»
ſeele, doch unmittelbar eine M. des Geſell-
ſhaſtslebens, ja der Menſchheit iſt. Dieſer
große ſoziale Zug erklärt ſich aus dem Weſen der
Kirche al3 de3 ſichtbaren Gotte3reiche3 auf Erden,
al3 der allgemeinen Völkerreligion ; er erweitert u.
befeſtigt ſich in den reichen Erfahrungen, die ſie
auf ihrem Gange durch die Weltgeſchichte ſammelt.
Ihre Auſſaſſung u. Verkündigung des Sitten-
geſehes, ihre Predigt der werktätigen Liebe, ihr
volfstümlicher Kultus hat uns bereit3 dieſe ſoziale
WeiSheit geoſſenbart, nicht minder zeigt ſie ſich in
der Unbengſamkeit, mit der ſie alle für die Ge»
ſellſchaft bedeutſamen Pflichten gegen die ſtärkſten
Intereſſen u. Neigungen des Individuyum3 auſ»
rec dringlichen Pflege u. Anregung des Opfergeiſtes,
in ihrer beſondern Fähigkeit, das Leben der natür-
lichen Gemeinſchaſten (Familie u. Volk) zu veredeln, wie auch neben dieſen ſreie ſittliche
Verbände (Vereine, religiöſe Genoſſenſchaſten) zum
Segen der Geſjellſchaſt ins Leben zu ruſen. So
iſt es die Kirche, die vor allem der weiblichen
Jugend die Beruſswahl erleichtert u. ein weiteres
Feld ſozialer Arbeit eröffnet hat.
7. Das Rückgrat der ſittlichen Ordnung iſt das
verpflichtende Geſeß; damit aber die Pflicht im
Ganzen de3 kirchlichen Organismus ſich kräſtig
durchſeht, bedarf es freier Tugendideale,
heroij Kirche in den evangeliſchen Näten, in ihrer Schule
der raliſche Predigt u. Geſehgebung, das Vorbild
elementarer ſittlicher Pflichttrene machen oſt wenig
Eindruck, wirken zu leicht nüchtern u. langweilig ;
eine erwedende, zündende Kraſt geht von außer-
Moraliſche Gefühle -- Moraliſcher Shwadcſinn.

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wirkt als ſtillere Energie auch in jenen Seelen
Hs die zu ſol iaunen8öwerten Taten der Selbſiverleugnung U.
Gotte8» u, Menſchenliebe im Leben der Heiligen
veredeln ſchon die Phantaſie der Jugend u. ſitrenen
in ihr Herz die Keime einſichtige Erzieher benußt dieſen edeln Zug im
jugendlichen Gemüte zur Schulung in kleinen
Werken ſreier Selbſiverleugnung, Ritterlichkeit u,
Freigebigkeit auf religiöſem u, hänslichem Gebiete.
Eine große Schule heroiſcher Tugend für Volk u.
Menſchheit iſt das Ordensleben, in dem die kir<-
li ve erzieht u. leitet, ſie vor Zerſplitterung, Über-
Zielen der Miſſion, Bildung u. Caritas dienſt-
bar macht.
Literatur. Lehrbücher der M.theol. von F. X.
Linſenmann (1878), A. Koc< (21910), F. M.
Schindler (2 Bde, 1 21913, 11 1909/10). Vgl.
ferner: V. Cathrein, M.philoſ. (2 Bde, *1911);
F. W. Joerſter, Schule u. Charakter ('*1914);
IJ. Mausbach, Die kath. M. u. ihre Gegner (* 1913);
derſ., Grundlage u. Ausbild, d. Charakters nach
Thomas v. Aquin (1911); F. Sawicki, Der Sinn
des Lebens (1913). [3. Mausbac.]
MoxQgKliſche Gefühle ſ. Gefühl.
Moraliſcher Schwachſinn, 1. Allge-
meines. Prichard behauptete (1842), es gebe eine
moraliſche Erkrankung (Moral ingamity), auf
Grund deren ein Menſch bei guten ſonſtigen gei-
ſtigen Leiſtungen ohne allen Zuſammenhang mit
Wahnideen, alſo aus angebornem Deſekt, zu
einer krankhaften Unſittlichkeit neige. Er faßte den
Zuſtand als eine Erkrankung de38 Willens auf,
welche dieſen ſeiner Freiheit beraube, ſo daß der
moraliſch kranke Menſc< wohl die Verwerſlichkeit
ſeiner Handlungen einſehe, ſie aber dennoch nicht
unterlaſſen könne. Troß der wiſſentlichen Begehung
von Verbrechen könne daher der ſo veranlagte
Menſch nicht beſtraſt werden, Dieſe Anſicht ſand
anfänglich viele Anhänger. Sie wurde namentlich
auc< von Advokaten mit größter Bereitwilligleit
aufgenommen, da ſie ihnen eine willkommene Mög-
lichkeit bot, ihre zu verteidigenden Klienten troß
überlegter Verbrechen einem Freiſpruch zuzuſühren.
Inzwiſchen hat ſich aber die pſychopathologiſche
Forſchung mehr u. mehr gegen die Moral insamiy
ausgeſprochen. Th, Ziehen drückt in ſeinem „Leit].
d. phyſiolog. Pſychol.“ (?1911, S. 291) den all-
gemeinen wiſſenſchaftlichen Standpunkt ſolgender-
maßen aus: „Beſondere Willenspſychoſen kennt
die Pſychiatrie nicht. Die Verſuche, beſondere Wil-
lenöerkrankungen unter dem Namen von Mono-
manien (ſ. Kleptomanie) od. eine allgemeine Wil-
lenöerkrankung als Moral inganity, moraliſches
Irreſein, aufzuſtellen, ſind anerkanntermaßen ſehl-
geſchlagen. Alle Störungen de8 Handelns, die
wir bei Geiſtes8kranken finden, laſſen ſich zwanglos
auf Störungen der Empfindungen u, Vorſtellungen
ordentlichen, heldenmütigen Leiſtungen aus u. : u. ihrer Geſühlstöne od. intellektuelle Störungen

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