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ſtaatliche Durchſührung der Ziehkinderſürſorge
vermittelſt der (17) ſtaatlichen Säuglingsaſyle u.
zahlreicher Kolonien auf dem Lande.
Literatur. M. Iaude, Das Haltekinderweſen
(1890); E, Pütter, Das Ziehkinderwe]. (1902);
H. Neicher, Die Fürſorge |. d. verwahrloſte Jugend
(3 Tile in 7 Bdn, 1904/10); JZ. Peterſen, Die
öffentl, Fürjorge |. d. hilfobedlirſl. Jugend (1907);
der]., Gedanken üb. d. Organiſ. d. Jugendſürſ.
(1912) ; Ch. I. Klumker u. J. Peterſen, Beruſsvor»
mundſchaft (Generalvormundſh.) (1907); Jugend»
fürſorge. Bericht üb. d. 1. ſchweiz. Informations»
kurs |. Jugendſürſ. (Zürich 2908) ; O. Spann, Die
Lage u. das Schiſal d. unehel. Kinder (1909) ;
G. Schmidt, Die Organiſ. d. Zugendſürſ. (1910) ;
G. Tugendreich, Die Mutter» u. Sänglingsſürl.
(3 Tile, 1909/10) ; A. Uſſenheimer, Soziale Sing»
lings, u. Jugendſürſ. (1910); Neeke, Nonſerenzbex.
3. 1. preuß. Landezökonf. |f. Säuglingsſchuß (1911);
Enzyklop. Handb. d. Ninderſhnhes u. d. Jugend»
ſürſ., hr8g. von Th. Heller, Fr. Schiller u. M.
Taube (2 Bde, 1911); Die ſtaatl. u. gemeindl.
Zugendſürſorge u. Carita3 (Caritas 1912, Nr 22);
Säuglingsſürjorge u. Kinderſchuß in den europ,
Etaaten, hrög. von A. Ke“er, Ch. I. Kiumiler (1,
2 Tle, 1912; mit zahlr. Geſehze8texten) ; Nieſtroj,
Die Beruſsvormundſchaſt u. ihre Probleme (1913);
derj., Der prakt. Vormund u. Pfleger (1913); L.
Ruland, Das Findelhaus (1913); A. Salßhgeber,
Kl. Führer |. d. Vormund insbeſ. unehel. Kinder
(281914). [W. Lieſe.)
Pflicht (Pflichtgefühl). 1. Begriff u. Weſen
der P. u. des P.gefühl8. P. iſt die durch das
Sittengeſeh begründete Verbindlichkeit einer Per-
ſon zu einer Handlung od. Unterlaſſung. Die
Bindung (Berbindlichkeit) unſer3 Willens kann
nur dann wirkjam ſein, wenn ſie un3 bewußt ge-
worden iſt, wenn der objektiv vorhandene, die
Bindung beabſichtigende Wille de3 Geſehe8 u.
Orſehgeber8 in das ſubjektive Empfinden auf»
genommen u. ſo die P. zum P.gefühl, d.h.
zum Bewußtſein von der P., geworden iſt. Dieſe
Nötigung de3 Willens, die wir P. nennen, iſt
aber kein äußerer Zwang, ſondern eine innere
Nötigung bedingter Art, die dem ſreien Willen
vorſchreibt, unter welchen Bedingungen er ſein Ziel
nur erreichen kann. Dieſes aber, zu deſſen Er-
reichung die Beobachtung der ſittlichen Gebote
notwendig iſt, kann kein bloß irdiſches, von unſerm
Belieben abhängiges ſein, da e3 ſonſt nicht unter
allen Umſtänden nötigend wäre. C3 kann daher
nur da3 höchſte u. lezte Ziel des Menſchen, ſub-
jektiv die vollkommene Seligkeit de3 Menſchen im
Beſiße Gotte3, u. objektiv Gott ſelbſt ſein. So
beſteht dann bie P. ſchließlich in dem Zuſammen»
hange der ſittlichen Ordnung mit Gott, dem höch»
ſten Gut. Der Menſch erkennt, daß er die ſitt»
lichen Ge) he nicht verleßen kann, ohne Gott,
ſein höchſtes Ziel, zu verſehlen u, ihm, dem Höch»
ſten u. Heiligſten, zu mißfallen. Daher können
wir mit Caihrein die Pflicht definieren als die
Notwendigkeit, das Gute zu tun u. das Böſe zu
unterlaſſen, weil wir erkennen, daß Gott, unſer
höchſtes Gut, unſer Schöpfer u. Herr, dieſes von
Pflicht (Pflichtgefühl).

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uns unbedingt fordert u. das Zuwiderhandeln ihm
poſitiv mißfällt od. ihn beleidigt. Wenn mi auch
die innere Nötigung der P. unſerm freien Willen
gegenüber im Verhältniſſe zu ſeinem Ziele nur eine
bedingte ſein kann, ſo iſt damit der Imperativ des
ſittlichen Gebotes nicht auch ein bedingter, wie
Rant gegen die ſondern ein unbedingter, kategoriſcher, Die ſitt»
lichen Gebote haben, weil Ausdru> de8 göttlichen
Willens, abſolute Geltung. Die wichtigſte Unter»
ſcheidung der P.en iſt die in P.en im ſtrengſten
Sinne, abſolute, vollkommene, unbedingte PB.en,
1. in B.en im unvollkommenen Sinne, Die P.en
im ſtrengſten Sinne ſtellen die weſentlichen unum=
gänglich notwendigen Bedingungen feſt, unter
denen die ſittliche Ordnung überhaupt noch be=
ſtehen kann. Werden dieſe P.en nicht erfüllt, ſo
erſtört der Verpflichtete die ſittliche Ordnung ſür
feine Perſon, trennt ſich dadurch los vom Gnaden=
einfluſje Gottes 1, ſtellt vi zu ihm in ſchärſſten
Gegenſah, d. h. der Verpflichtete begeht eine Tod»
ſünde. Die P.en im unvollkommenen Sinne
ſtellen die Bedingungen feſt, unter denen die ſitt-
liche Ordnung leichter 1. beſſer durchgeführt werden
kann. Die Nichterfüllung dieſer P. läßt daher im
weſentlichen Beſtande die ſittliche Ordnung u, da3
Gnadenverhältni8 zu Gott beſtehen, freilich nicht
ohne Gott zu kränken u. zu beleidigen.
II. Unrichtige Erklärungen der P, Man hat
ſich verjchiedentlich bemüht, die P. ander3 zu er-
klären. Der bekannteſte derartige Verſuch iſt der
Kant8, der den lezten Grund der P. in unſrer
eignen praktiſchen Vernunft ſucht, die geſeßgeberiſch
od. nomothetiſch u. keiner fremden Autorität
verpflichtet, d. h. autonom ſei. Kant bekämpfte
de8halb im Gegenſaße zur Autonomie als mit
wahrer Sittlichkeit unvereinbar die Heteronomie
der Die Kantiſche Lehre löſt aber eigentlich den
Begriſj u. das Weſen der P. auf. Denn nach ihm
gibt e3 nur noch Selbſiverpflichtung für ſolche, die
dies gern tun, d. h. alſo bloß für die Minderzahl
der Menſchen. Daher führte die folgerichtige
Durchführung de3 Grundſaße3 der Autonomie
zum extremen individualiſtiſchen Anarchi3mu3, da
e3 dann keine P. zum Gehorc Nbrigens lehrt die dem Menſchen nicht wie ein außenjtehender „Ans-
drer“ ſeine P.en auflegt, ſondern vollſtändig
verſchieden von jeder geſchöpflichen Urſache als
ſchöpferiſche Urſache aus dem innerſten Weſen des
Menſc Während Kant aprioriſtiſch die P. aus der
Vernunft herzuleiten, alſo rationaliſtiſch zu er-
klären ſucht, wollen andre moderne Cthiker die P.
auf empiriſchem Wege erklären. Das P.gefühl
wäre danach nicht auf Gott, ſondern auf allmäh-
liche geſchichtliche Entwieklung der Erſahrung zu-
rückzuführen. So hauptſächlich nach J. Bentham,
Herbert Spencer, Gizycki, W. Wundt, Fr. Paul-
jen. Auch alle dieſe Erklärungsverjuche ſind im

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