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Realienbuch für Volksſchulen, ausgezeichnet durch
Einfachheit, Klarheit u, Volkstümlichkeit, u. dieſer
Unterricht ſollte nah der (von R. verſaßten) An»
weijung (im „Schulmethodus“ v. 1672, Kap. 8)
erteilt werden nach den Grundſähen der „Arbeits8»
ſchule“! Anſchaulichkeit u. Selbſttätigkeit der
Schüler ſoll nämlich hier walten; die Schüler
ſollen ſelbſt die Bleiwage in die Hand nehmen,
ſelbſt verſuchen u. a.
„Würdig in jeder Beziehung ſeine8 großen
pädagogiſchen Fürſten“ war R. von dem gleichen
Geiſte jand jein Glück im Lehrberuf, für den er geboren
war, wie er ſelbſt bekennt (20. Olt. 1648): „J
habe die Zeit meine3 Leben3 zu keiner andern
Funttion als zur Didaktika Beliebung getragen
Uu. gedenke darinnen, ſolange mir mein Lieber
Gott Leben u. Kräſte verleihet, beſtändig zu ver-
harren,“
Literatur. Ausg. des „!. Special-Bericht8"
von Joh. Müller (Jsraels Neudr., Hft 9); Abdr.
des „Methodus od. Bericht“ v. 1672 bei F. Vorm-
baum, Ev. Schulordn. 11 (1863) 295 fi, u. i. d.
NAusg. von A. Prall (21912). Vgl.: N, Heine,
Netktor A. R., der Verf. d. Shulmethodus (Progr.
Holzminden 1882) ; W. Boehne, Die pädag, Be»
ſtreb. Ernſt d. Frommen v. Gotha (1888); M.
Mahlmann, A. R. (1901); W. Kahl, Zur Geſch.
d. Schulauſſicht (1913) 50 ff; A. Heil, Gotha u.
die deutſche Schule (in „Deutſche Art u, Arbeit in
Gotha* (1911] 52/57); W. Toiſcher, Zur Geſch. d.
Arbeitöſchule" (in „Scaſſende Arbeit u. Kunſt i.
, Schule* 1915, 183/186). [W. Toiſcher.]
Rezeptivitägt ſ. Empfänglichkeit.
Rezitatio1z ſ. Dekllamation.
Rhetorik, „Die alte Welt iſt es, die bei
dem Worte R. vor uns auſſteigt. Wenn wir nach
ihren Jüngern fragen, ſo ſind die Namen, die
uns zuerſt einfallen, Namen aus jener ſernen Zeit
u. jener Kultur: Demoſthene8 mit dem ganzen
Kanon der attiſchen Redner u. Cicero als erjter
der Römer. Und wenn wir nad) der theoretiſchen
R. forſchen, ſo ſallen uns zuerſt die berühmten
Bücher von Ariſtotele3, Cicero u. Quintilian ein,
u. wir wiſſen von ihnen, daß ſie keine vereinzelten
Erſcheinungen waren, ſondern Gipfelpunkte einer
ungeheuern Literatur, die ihrerſeits wieder die ge-
ſamte Literatur, die ſchöne ſowohl wie die wiſſen»
ſchaftliche, beherrſchen wollte u, in der Kaiſerzeit
auch wirklich beherrſchte.“ So leitet E. Geißler,
Lektor für Vortragskunſt an der Univerſitäi Halle,
ſein Büchlein „R.“ ein u. ſührt in breiter Schil»
derung noch weiter aus, wie damal3, uns Heutigen
kaum mehr begreiſbar, die R. der Mittelpunkt des
Schrifttums u. der allgemeinen Bildung u. die
krönende Spiße auf dem ſtolzen Gebäude einer
reichen Kultur gebildet habe; u. dieſe mächtige
Herrſcherin im Neiche der Geiſter ſei heute -- tot,
müſſe aber von unſern modernen Wiſſenſchaften
u. Kultmverhältniſſen aus wiedererweclt werden,
vu. zwar al3 die reine Kunſt de3 Sprechens, ---
Allein jo kurzerhand läßt ſich die mehrtauſend»
Rezeptivität --- Rhetorik.

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jährige Geſchichte der R. denn doch nicht abtun,
nod ihre Bedeutung für die Gegenwart auf den
winzigen Gewinn des ſchönen Sprechens ein»
ſchränken, Leider ſchlt bis heute eine zuſammen-
jaſſende wiſſenſchaftliche Darſtellung.
I. Bedeutung u. Geſchichte. Da38 Wort R.
wird in doppeltem Sinne gebraucht : einmal zu-
nächſt als Anleitung zur Beredſamkeit, dann, in
weiterer Auſſaſſung, dieſe ſelbſt; hier wird nur die
erſte Bedeutung berüdſichtigt, Alle ihre Begrifſ8»
beſtimmungen, mag man darunter eine Kunſt,
Fertigkeit od. Wiſſenſchaft verſtehen, gehen im
großen ganzen auf das de8halb ſo berühmt ge-
wordene Wort de8 Syrakuſaner3 Korax (um
470 v. Chr.) zeidobs Enptupybs zurück. Er u.
ſein Schüler Teiſia8 haben die erſten Lehrbücher
(r&zvan) der R. verſaßt. Zu des lehtern Schüler
zählte auch Gorgias aus Leontini, der als rede»
gewandter Geſandter ſeiner Vaterſtadt die N. nach
Athen verpflanzte (427). Hier gründete er eine
Schule u. lehrte die Anfertigung von Prunkreden,
mehr an Beiſpielen, wie e3 ſcheint, al8 nach einer
kunſigemäßen Theorie, Dagegen haben ſeine
Schüler Polo3 u. Likymnios rhetoriſche Lehrbücher
verjaßt, denen bald andre, wie Lyſias u. Jſokrates
(f. d.), folgten. Die vielbeſprochene ſog. „NR. an
Alexander", wer auch immer ihr Verfaſſer war,
ſchließt die vorariſtoteliſche N. ab. Während Pla-
ton (ſ. d.) im „Phädro3“ u. „Gorgia3“ an den
theoretiſchen u. praktiſchen Schriſten über R. ſcharfe
Kritik übte u. eine auf philoſophiſcher Grundlage
verlieſte Anleitung zur Beredſamkeit forderte, ohne
jelbſt etwa38 Weiteres dazu beizutragen, ſchrieb
Ariſtoteles (ſ. d.) dieſe gewünſchte R. In 3 Bü
mit einer ſichern Anleitung, wie die Affekte erregt
u. beſchwichtigt werden können, Sein Schüler u.
Nachſolger, der Leöbier Theophraſt, ſ ſeſtgeſügte Gebäude weiter aus, indem er die Be-
dentung des Vortrags u. des rhetoriſchen Aus»
dru>3 im beſondern würdigte. Dod) war nad)
dem Untergang der attiſchen Beredſamkeit der
Ariſtoteliſche Einfluß auf die Nhetorenſchulen nicht
mehr bedeutend. Um ſo größer wurde die Ein-
wirkung der Stoiker (ſ. d.). In3beſondere wußten
ſic) die Anhänger der Stoa in Pergamon hohe3
Anſehen dadurc zu verſchaffen, daß ſie die gram-
matiſchen u. rhetoriſchen Studien verbanden 1.
eine kritiſche Würdigung der Nedner wagten;
wahrſcheinlich haben aud ſie die bekannte Zehn-
zahl der attiſchen Beredſamkeit auſgeſtellt. Dieſer
jog. pergameniſche Attiziömus, der in der Nach-
ahmung der großen attiſchen Redner das Heil der
Beredſamkeit ſah, ſuchte den vielfa< herrſchenden
Aſianismus, der eine grell wirkende Redeweiſe an-
ſtrebte, zu verdrängen.
(Fine ganz eigne u. vollſtändig ſelbſtändige
Lehrweiſe der N. bildete Hermagoras von Temn938
aus. Sein Syſtem gipſelt in der Statuslehre,
den 4 bekannten Frageſtellungen bei jedem
gerichtlichen Falle: 1. War die Tat geſchehen?

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