381 Richter, Johann
ſpätern Dichtungen mit beſonderer Vorliebe bei
der Schilderung der Kinderzeit ſeiner Helden, u.
gar oſt klingt aus ſeinen Werken eine leiſe Sehn-
ſucht nach dem eignen Jugendparadieſe u. ſeiner
üterin, der treuen Mutter, heraus.
Gewiß war R. in ſeiner praktiſchen Lehrtätig=
keit kein Muſterpädagog, u. jede Nachahmung
ſeiner Art wäre ſchädlich ; denn ſonderbar genug
iſt es nach ſeinen eignen Aufzeichnungen in ſeinen
Unterrichtsſtunden hergegangen. Aber Langeweile
kannten ſeine Schüler nicht, u. da8 Vertrauens=
u. Liebe8band, das ſie troß ſtreng geübter Zucht
mit ihrem jungen Lehrer verknüpfte, konnte nicht
inniger ſein. Fröhlichſter Gehorſam u. unbedingte
Lauterkeit waren ihr Hauptgewinn, Und wie viel=
ſeitig u. eigenartig --- namentlich auch dur N.8
planmäßige Anleitung zum Wiß --- ſie auch geiſtig
gefördert wurden, beweiſt die in der Geſchichte der
Pädagogik wohl einzig daſtehende „Bonmots3-
Anthologie meiner Eleven" (1791), die R. ſelber
zuſammenſtellte (vgl. Wahrh. aus Jean Vaul3
Leben, 4. Hſt, S. 260 ff). Da er bewußt od. un=
bewußt ſeine Zöglinge nach ſeiner eignen Perſön=
lichkeit zu formen ſuchte, galt ihm die wichtigſte
Schriſtſtellereigenſchaft, Fertigkeit im ſchriftlichen
Gedankenausdru>, auc als ein oberſtes Erfor=
derni8 des Unterricht8; daher die zahlloſen Auſ=
ſätze, die er teilweiſe als freiwillige Leiſtungen
anfertigen ließ. Erſt allmählich nahm er die Fremd=
ſprachen zur Mutterſprache hinzu, u. zwar das
Franzöſiſche ſtet8 vor dem Lateiniſchen. Daneben
wurde das bunteſte Vielerlei aus Natur-= u. Men=
ſchenleben geboten, das man ſich denken kann.
Dod war ſein Ziel nicht, den Kindern etwas
beizubringen, ſondern aus ihnen herauszuholen,
was Gott in ſie gelegt habe. Die eigne Neigung
u. der eigne Wille ſollten bei den Schülern das
meiſte tun. Um einer allgemeingültigen Erzie=
hungstheorie Wertvolles abzugewinnen, dazu be=
dar] es nach ſeiner Meinung „eines Gemüts“,
Im übrigen meint er: „Jede wahre Kraft, es
ſei des Herzens od. des Kopfes, kann bei Kinder-
liebe auch) in der Ferne gewöhnlicher Methoden
mit Segen erziehen.“
IV. Die „Levana“. Als Jean Paul an die
Abfaſſung dieſes ſeines pädagogiſchen Hauptwerks
ging (Juli 1805, Tl I beendigt im Mai 1806,
Tl 11 am 3. Okt. 1806), hatte er die meiſten
u. bedeutendſten ſeiner faſt ſtets von erzieheriſchen
Tendenzen erfüllten Werke bereit3 geſchrieben, ſich
zu einer feſten Weltanſchauung durchgerungen
u. bejonders auf dem Gebiete der Erziehung ſo
viele Erfahrungen geſammelt, daß er Anſpruch
erheben darf, auch als pädagogiſcher Schriftſteller
ernſt genommen zu werden. Daß er in der „Le-
vana“ faſt genau ſo formlos iſt wie in ſeinen
übrigen Werken, kann niemand überraſchen. Aber
gerade dieje Syſtemloſigkeit hat das Buch friſcher
erhalten als andre ſtrengwiſſenſchaftliche päd-=
agogiſche Schriften aus jener Zeit, Freilich machen
anderſeits das abſichtliche Durcheinanderwerfen

Paul Friedrich. 882
der Stofſteile, das Überwuchern von allerhand
Nebenwerk, der ſpringende Wechſel zwiſchen ge-
drängteſter Kürze u. zerfließender Breite die An-
eignung ſeines überreichen Gedankeninhalt3 ſchwer.
Mit den zeitgenöſſiſchen pädagogiſchen Theorien
eines Schwarz, Niethammer , Graſer, Herbart
(f. dieſe Art.) ſeßte ſich Jean Paul erſt in der 2.
Auflage (1815) ſeines Werkes einigermaßen aus»
einander. Im übrigen iſt ihm Rouſſeaus „Emil“
das „zuerſt u. zuleßt“ zu nennende Buch. Wenn
er auch weit davon entfernt iſt, mit dieſem die
erziehliche Tätigkeit auf ein bloß abwehrendes
Verſahren zu beſchränken, ſo ſagt er doch von
ihm: e8 „erſchütterte u. reinigte die Schulgebäude
bis zur Kinderſtube herab“. Zweifellos iſt auch
N.8 De>namen Jean Paul (damals allgemein
Pol geſprochen), den er erſtmals bei Veröffent=
lichung der „Unſichtbaren Loge“ anwandte, al8
eine gewollte Gegenüberſtellung zu dem großen
„„Sean=.Jacques“ zu deuten.
Wäre e3 auch nicht ſchwer, den Inhalt der
9 „Bruchſtücke“, in die R. die 3 Bändchen der
„Levana“ zerlegt, durc< Umſtellung ſo zu ordnen,
daß eine Art von Syſtem herauskäme =“- W.
Münd verſucht das auf S. 45ff ſeines unten zi»
tierten Werkes --, ſo müſſen wir un8 doch im fol-
genden auf die Wiedergabe einer Reihe von bes
ſonders bezeichnenden Ausſprüchen beſchränken.
Das 1. „Bruchſtüc>“ handelt von der Wichtigkeit
der Erziehung u. dem Maß ihre3 Einfluſſes. „Mit
dem Erziehen ſäen wir auf einen reinen, weichen
Boden entweder Gifſt= od, Honigkelche.“ Da der
Erzieher nicht wiſſen kann, ob er nicht „an ſeinem
Laufband künſtige Sonnen al8 Wandelſternhen
führt", muß er um ſo mehr das menſchlich Beſte
aus dem Zögling herausbilden. Und zwar ſoll
man nicht für die Gegenwart erziehen =- das bes
jorgt dieſe ſchon ſelber ---, ſondern für u. ſelbſt
wider die Zukunft. Gegen dieſe „iſt das Kind
mit einem Gegengewicht dreier Kräſte auszurüſten
wider die drei Entkräſtungen de3 Willens, der
Liebe, der Neligion. Kraft u. Liebe ſind zwei
Gegenſäße de3 innern Menſchen; aber Religion
iſt die göttliche Gleihſehung beider u. der Menſch
im Menſchen“. Über die Bildung zur Religion
läßt ſich dann im einzelnen das 2. „Bruchſtük“
aus. Unter Religion verſteht R. den Glauben an
Gott; „denn ſie iſt nicht nur der Sinn für das
Überirdiſche u. Heilige, ſondern die Ahnung deſſen,
ohne welches kein Neich des Unfaßlichen u. Über»
irdiſchen . . . denkbar wäre. Tilgt Gott aus der
Bruſt, jo . . . wäre das Überirdiſche nur eine
höhere Zahlenſtufe des Mechani8mus u. folglich
ein Irdiſche3. Das Daſein Gottes beweiſen ſowie
bezweifeln heißt das Daſein de3 Daſeins bes
weiſen od. bezweifeln“. So wurde Jean Paul
durch ſein poetiſches Gemüt vor der abſprechenden
Flachheit in religiöſen Dingen, die jener Zeit
eigen war, bewahrt; denn ſeinen Zeitgenoſſen
wurde zu ſeinem Schmerz „aus der Welt ein
Weltgebäude, aus dem Äther ein Gas, aus Gott

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